Pot Bless America

Seit der Legalisierung von Marihuana in sieben Bundesstaaten werben Weed-Boutiquen um neue Kunden: Von »Stiletto Stoners« bis zum »schnellsten Stoner der Welt«.

Als ich aus dem bayerischen Alpenvorland nach Los Angeles zog, musste ich mich an eine Menge Neues gewöhnen: die zwölfspurigen Staus, das supersized Fastfood - und die Apotheker, die einem bei jeder Gelegenheit einen Joint verschreiben wollen. Bis heute erschaudern meine deutschen Besucher ungläubig beim Anblick der groß in Leuchtreklame blinkenden Hanfblätter am Venice Beach. »Bist du gestresst?«, fragen die Hustler beim Strandspaziergang, bereit, einen in die »medizinischen Ausgabestätten« zu winken, wo einem der »Arzt« das Rezept ausstellt.

Auf amerikanischer Bundesebene gilt Marihuana immer noch als gefährliche und illegale Droge, aber wie sechs andere Bundesstaaten auch, hat Kalifornien gerade Cannabis auf Staatsebene legalisiert. Während Deutschland gerade zögerlich die streng reglementierte Freigabe von Marihuana zu bestimmten medizinischen Zwecken umsetzt und die Vereinten Nationen die Legalisierung von Marihuana als Alternative zum erfolglosen Drogenkrieg andenken, ist legales Cannabis in vielen amerikanischen Staaten längst Alltag. Gerade erst hat auch das konservative Florida als 28. amerikanischer Staat medizinisches Marihuana legalisiert. In acht Bundesstaaten ist Marihuana auch für den Freizeit-Genuss erlaubt, nämlich in Colorado, Kalifornien, Nevada, Washington DC, Oregon, Massachusetts, Maine und Alaska, und das gilt auch für deutsche Besucher. Jeder fünfte Amerikaner hat nun legal Zugang zu Cannabis. Pot Bless America.

»Das ist die bedeutsamste Wahl der Geschichte«, jubelte Rob Kampia von Marihuana Policy Projekt und meinte damit nicht den Trump-Triumph, sondern »das Ende der Marihuana-Prohibition. Es wäre ein Fehler der Bundesregierung, nun weiter Krieg gegen harmlose Bürger zu führen.«

Selbst in den Staaten, die Cannabis nur für medizinische Zwecke freigeben, müssen Amerikaner nur einen Arzt finden, der es einem gegen Übelkeit oder Verspannungen verschreibt. Und verspannt ist doch heutzutage fast jeder, oder? Die 82-jährige Oma meines Freundes trinkt ihren Cannabis-Cocktail, damit sie nach der Chemotherapie schlafen kann. Mein 38-jähriger Nachbar, ein Poolpfleger, raucht das Gras mit seinen Freunden schon morgens auf dem Balkon. Die Rauchschwaden, die auf meinem Balkon vom Nachbarn rüberwehen, reichen völlig aus, auch einen Passivraucher zu benebeln.

Wie soll das auch anders sein in einem Land, in dem sogar Präsident Barack Obama zugab, in seiner Jugend gekifft zu haben? Anders als Bill Clinton, der bekanntlich »nicht inhaliert« hat, spricht Obama offen darüber, dass er als Jugendlicher auf Hawaii zu einer Kiffer-Bande names »Choom Gang« gehörte, die regelmäßig Joints kreisen ließ. Ausgerechnet in einem Land, in dem das Anstecken einer normalen Zigarette zu entsetzten Ekelschreien aller Umstehenden führt, sind Joints okay.

Selbst Chanel-Gesicht Brad Pitt, Quatschkopf Zach Galifianakis und sogar Hollywood-Legende Morgan Freeman haben sich in der Vergangenheit dazu bekannt, gerne Gras über die Sache wachsen zu lassen. Neu ist, dass selbst etablierte Gourmetköche nun auf Cannabis setzen. »Jeder raucht doch nach der Arbeit Gras«, gestand Gourmet-Enfant Terrible Anthony Bourdain der New York Times als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt, »darunter sind Leute, denen ihr das niemals zutrauen würdet.«

So viel legale Dröhnung sorgt für viel Umsatz. Bongs bringen Big Business. Fast sechs Milliarden Dollar wurden mit Cannabis-Produkten in Amerika im letzten Jahr umgesetzt, 25 Prozent mehr als noch im Vorjahr, und bis zum Jahr 2020 prophezeit die kalifornische ArcView Group, die Cannabis-Start-Ups berät, einen berauschenden Jahres-Umsatz von 23 Milliarden Dollar.

Besonders interessant ist, wie sich die Zielgruppe erweitert. Immer mehr Anbieter wetteifern nun um ihre Krümel vom Pot-Kuchen und werben mit immer ausgefalleneren Ideen um Kunden. Die Kenner diskutieren, ob Gorilla Glue Super Full Melt besser dröhnt als Diamond Popcorn, und ob die grüne Göttin »Green Goddess« mehr bringt als die weiße Witwe »White Widow«. Marathonläufer schließen sich zu Trainingsgruppen zusammen (»Marihuana für Marathons!«), um sich den Titel »schnellster Stoner der Welt« zu sichern.

Es gibt inzwischen Cannabis-Kochkurse, Marihuana-Maniküre (bei der echtes Gras auf die Nägel gelegt und mit Lack fixiert wird), Bauernmärkte für Hanf, Bong-Designer, »Ganja Gourmets« (Name eines Restaurants), und eine ganze Kochshow im Fernsehen (»Cannabis Planet«) widmet sich nur der Frage, wie man das Kraut am besten in Teriyaki-Huhn und Lasagne unterbringt. Cheryl Shuman, die selbst ernannte »Cannabis-Königin von Beverly Hills« und »America’s First Lady of Marihuana« hat auf letzteres eine Antwort: In ihrem Beverly Hills Cannabis Club serviert die 55jährige PR-Frau und zweifache Mutter Pasta mit in Cannabis mariniertem Olivenöl, Knoblauch-Baguette mit Cannabis-Krümel und Erdbeerkuchen mit Cannabisblättern.

»Cannabis hat mich zu einer besseren Mutter gemacht, ja, zu einem besseren Menschen«, sagt Shuman. Nach ihrer Scheidung sei sie völlig in Depressionen versunken, habe sich morgens mit Prozac aufgeputscht und abends mit Xanax beruhigt. Ihre erwachsene Tochter Aimee pflichtet ihr bei: »Mama war wie ein Zombie, benebelt von den verschreibungspflichtigen Psycho-Pillen.« Mit Cannabis sei sie wieder sie selbst, das Kraut helfe ihr auch in ihrem Kampf gegen ihren Eierstockkrebs. Die blonde, Botox-geglättete Millionärin in ihrem eng anliegenden, violetten Wickelkleid beginnt jeden Tag mit einem »Power Smoothie« aus Marihuana, Weizengrass und Gemüse. Vor ihrer Cannabis-Erweckung war sie mit ihrer Firma Starry Eyes Optikerin für die Stars, unter anderem passte sie Brillen für Michael Jackson, Tom Cruise und Madonna an.

Shuman war eine der ersten, die schon vor 20 Jahren Marihuana als Business-Gelegenheit propagierten, aber nun will sie mehr: Sie träumt davon, Marihuana gänzlich vom Schmuddel-Image zu befreien. Ihre Zielgruppe: andere gutbetuchte Mütter. Sie hat sich bereits das Trademark »Stiletto Stoners« gesichert, um unter diesem Namen ein Kleiderlabel für die modebewusste Marihuana-Konsumentin an die Frau zu bringen, einen vergoldeten, diamantbesetzte Hautevape Vaporizer, die auch Kim Kardashian gut stehen würden, und Cannabis-freundliche Yoga-Studios mit Weed-Spa.

»Die Möglichkeiten sind unendlich«, glaubt sie. Vor allem der Trump-Sieg treibt vielen Weed-Boutiquen neue Kunden zu. Comedian Patton Oswalt kommentierte die Legalisierung von Marihuana in Kalifornien mit den Worten: »Wir werden es brauchen.«

Foto: REUTERS/Rory Carroll/File Photo

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