Der virtuelle Reporter

Zwei amerikanische Professoren haben ein Computerprogramm entwickelt, das Zeitungsartikel schreiben kann – angeblich genauso gut wie echte Journalisten. Was ist dran an dieser Science-Fiction-Idee?


Können Computerprogramme genauso gut über ein Baseballspiel (foto: Reuters) berichten wie ausgebildete Sportreporter? Machen Sie den Test: Welcher dieser beiden Artikeleinstiege stammt vom Computer und welchen hat ein Mensch geschrieben?

a) Boston - Es sah düster aus für die Angels, als sie mit zwei Punkten Rückstand in das neunte Inning gingen, aber Los Angeles befreite sich dank des spielentscheidenden Schlags von Vladimir Guerrero, der einen 7:6 Sieg über die Boston Red Sox im Fenway Park Stadion am Sonntag herausholte.

b) Boston - Vladimir Guerrero erzielte einen zwei Punkte-Schlag vorbei an Red Sox-Catcher Jonathan Pabelbon, mit dem die Los Angeles Angels an Boston vorbeibrausten mit einem 7:6 am Sonntag - ihr erster Erfolg nach Ende der Saison, der sie zur American League Championship Series aufstiegen ließ. 

Die Auflösung sehen Sie hier (im englischen Original, inklusive ausführlicher Erklärung) oder am Ende dieser Seite. Der virtuelle Reporter, ein Computerprogramm, das einen dieser beiden Texte - allein auf der Spielstatistik basierend - geschrieben hat, wurde von zwei Professoren der Northwestern Universität in Illinois entwickelt. Ein Interview mit Larry Birnbaum, einer der beiden Erfinder.

SZ-Magazin: Professor Birnbaum, erklären Sie uns, wie Ihr Computerprogramm funktioniert.

Larry Birnbaum: Stats Monkey, das ist der Name unseres Programms, bedient sich der statistischen Daten, die nach einem Spiel vorliegen. Dann erstellt es ein Ranking nach der Wichtigkeit der Daten und benutzt bestimmte Sprachvorlagen, um die Fakten in Text einzubetten.  

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Über welche Sportarten kann der Computer bisher schreiben?
Wir haben mit Baseball angefangen, dann kam Frauen-Softball hinzu. Momentan ziehen wir in Erwägung, auch noch Football mit aufzunehmen. Kleinere Experimente haben wir mit Schwimmen, Reiten und Cricket durchgeführt. Prinzipiell funktioniert unser Programm mit jeder Sportart, bei der genug Datenmaterial vorhanden ist. Schwierig wäre es bei Eiskunstlauf oder Turmspringen.  

Und was ist mit Fußball?
Mit Fußball müsste es theoretisch funktionieren, wenngleich nicht ganz so leicht wie mit Baseball. Wir haben noch nicht damit begonnen, haben es aber vor. Gerade konzentrieren wir uns noch voll auf College-Schwimmwettkämpfe.

Aber der Leser merkt es doch, wenn ein Artikel von einem Computerprogramm geschrieben wurde, oder?
Denken Sie? Da wäre ich nicht so sicher. Der kanadische Sportjournalist Cathal Kelly war genauso skeptisch wie Sie und hat das Programm einem Test unterzogen.

Wird Ihr Service bereits bei richtigen Spielen angewandt oder dient er nur Forschungszwecken?

Ganz und gar nicht. Wir - oder vielmehr unsere Computer - berichten bereits über wirklich stattfindende Baseball und Frauen-Softball-Spiele. All unsere Berichte finden Sie auf Big Ten Network. Kein Artikel, den Sie dort sehen, ist noch von Menschen geschrieben.

(L. Birnbaum, der zusammen mit Kris Hammond, Nick Allen und John Templon Stats Monkey erfand.)

Dann riskieren Sie aber doch, dass viele Sportjournalisten ihre Arbeitsplätze verlieren!
Wir wollen ganz sicher keine Arbeitsplätze in Gefahr bringen, sondern lediglich Leistungen anbieten, wo Bedarf besteht. Fakt ist nämlich, dass bei vielen regionalen Spielen überhaupt keine Berichterstattung stattfindet, da gar nicht genug Reporter zur Verfügung stehen, um auch noch die unbedeutendsten Kreismeisterschaften abzudecken. Wir sind vielmehr davon überzeugt, sogar Arbeitsplätze zu schaffen, indem die kleinen Zeitungen durch die von uns angebotenen Berichte ihr Repertoire erweitern können und dadurch dann ein größeres Anzeigenkontingent zur Verfügung haben. Somit können einmal neue Kräfte eingestellt und außerdem die bereits angestellten Journalisten entlastet werden, da diese nun Zeit für wichtigere und kreativere Aufgaben haben.

Kann denn ein Computer jemals so kreativ sein wie ein Mensch?
Es gibt bereits Forscher, die an einem Computerprogramm arbeiten, das humoristische Texte zu Bildern erzeugt, was ja definitiv als kreativ zu bezeichnen wäre. Dieses Projekt steckt allerdings noch in den Kinderschuhen.

... während Ihr Programm angeblich bereits den Schreibstil bestimmter Personen imitieren kann.
Richtig. Theoretisch ist es möglich, dem Leser einen Artikel zu präsentieren, der im Stil seines Lieblingsjournalisten geschrieben ist. Der Computer merkt sich dafür Adjektive, die jemand häufig benutzt und imitiert auch den Satzbau bis hin zu gängigen Klischees, auf die ein Sportjournalist immer wieder zurückgreift.

Ist der virtuelle Journalist noch in der Ausbildung oder arbeitet er bereits fehlerfrei?
Unser System weist eine sehr geringe Fehlerquote auf, die sogar schon in der Version 1.0 erstaunlich niedrig war. Wenn noch Fehler vorkommen, ist das eher auf fehlerhaftes Ausgangsmaterial zurückzuführen, also unvollständige oder unsinnige Daten.

Und wie lange braucht der Computer, um einen Artikel über ein Baseball-Spiel zu verfassen?
Ungefähr eine Viertelsekunde.

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Die Auflösung:

Der Computer-Text:
a) Boston - Es sah düster aus für die Angels, als sie mit zwei Punkten Rückstand in das neunte Inning gingen, aber Los Angeles befreite sich dank des spielentscheidenden Schlags von Vladimir Guerrero, der einen 7:6 Sieg über die Boston Red Sox im Fenway Park Stadion am Sonntag herausholte.

Der Sportreporter-Text:
b) Boston - Vladimir Guerrero erzielte einen zwei Punkte-Schlag vorbei an Red Sox-Catcher Jonathan Pabelbon, mit dem die Los Angeles Angels an Boston vorbeibrausten mit einem 7:6 am Sonntag - ihr erster Erfolg nach Ende der Saison, der sie zur American League Championship Series aufstiegen ließ. 

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Fotos: Reuters, Northwestern University

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