Abgeschminkt

Eine britische Airline schafft die Make-up-Pflicht für Stewardessen ab. Viele andere halten noch immer daran fest. Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Sieht eine Frau ohne Schminke etwa ungepflegt aus?

Was ist ein »gepflegtes Erscheinungsbild«? Stewardessen bei Virgin Atlantic Airways.

Foto: Getty Images

Bei meinem ersten Flug war ich zehn Jahre alt. Ich erinnere mich an heiße Handtücher und warme, duftende Croissants zum Frühstück, an Tomatensaft mit zu viel Pfeffer und das Achterbahngefühl im Bauch beim Start. Vor allem aber erinnere mich an die Stewardessen. Sie schienen wie Wesen aus einer anderen Welt: immer freundlich, makellos.

Aus ihren roten Mündern flossen fremde Sprachen, sie rochen nach Parfüm, sie brauchten keinen Schlaf und keine Pausen. Auch später als Erwachsene habe ich mich gewundert, wie sie das machen: Während ich mit geschwollenen Augen und Stützstrümpfen dasaß und die dritte Schicht Labello auf meine trockenen Lippen auftrug, schwebten die Stewardessen von diesen Problemen scheinbar unberührt vorbei.

Als Frau, die einen Beutel voll Make-up daheim hat, weiß ich, wie anstrengend das sein muss, wie viel ölen, cremen und nachpudern dieser »Look« verlangt. 

Meistgelesen diese Woche:

Die Britische Fluggesellschaft Virgin Atlantic verkündete nun pünktlich zum Weltfrauentag, dass ihre Mitarbeiterinnen sich künftig nicht mehr schminken müssen. Angeblich sei dies auf Nachfrage der Angestellten geschehen. Bis jetzt verlangte Virgin Atlantic auf dem Gesicht ihrer Angestellten mindestens Rouge, Mascara und roten Lippenstift.

Jetzt mal die Frage beiseite gelassen, ob die Entscheidung reine Marketingstrategie ist: Für den Flugverkehr ist sie eine kleine Revolution. Make-up und Absatzschuhe sind in vielen Fluggesellschaften noch immer vorgeschrieben. Bei der Lufthansa etwa, wo um dezentes Make-up und gepflegte Hände gebeten wird. British Airways verlangt zusätzlich, dass Unreinheiten abgedeckt werden. Bei manchen Airlines sind Schmink- und Hairstyling-Trainings sogar teil der Ausbildung für Frauen. Männliche Flugbegleiter dagegen warten bis heute auf einen Bartschneide- und Nasenhaar-Trimm-Kurs, der sie dazu qualifizieren soll, ihren Beruf besser auszuüben. Warum hält sich die Idee so hartnäckig, die berufliche Eignung von Frauen ließe sich auch an ihrem Erscheinungsbild ablesen? 

Schon im alten Ägypten wurden Haare mit Zuckerpaste entfernt, und Käfer für die Lippentönung zerquetscht. Schönheit gilt als eine Tugend, die beim weiblichen Geschlecht seit jeher mit etwas mehr Aufwand verknüpft ist. Diese Logik steckt auch hinter Airline-Bestimmungen. Eine Frau hat ihr Gesicht, wie die Lufthansa es ausdrückt, für ihren Arbeitgeber »vorteilhaft« zu betonen. Denn Schönsein gilt als Teil ihres Jobs. Das ist falsch. Noch falscher ist, dass ein Arbeitgeber definiert und darüber entscheidet, was Schönheit ist.

Es stimmt: Flugbegleitung gehört zu den Berufen, bei dem »gepflegtes Aussehen« wichtig ist. Gepflegt heißt, soweit ich weiß: regelmäßig duschen, saubere Kleidung und kein Spinat zwischen den Zähnen. Von Stewards wird zwar ebenfalls ein ordentliches Erscheinungsbild verlangt, doch das bedeutet für sie, sich den Bart zu stutzen und die Nägel zu schneiden. Bei Männern geht es um Hygiene, bei Frauen um Kussmünder und betonte Wangenknochen. Warum ist Make-up nötig, um als Frau einen guten Eindruck zu machen? Sind Frauen nur dann tadellos, wenn sie auch die richtige Farbe im Gesicht tragen? Wenn Frauen mit dem Argument des Gepflegtseins Make-up vorgeschrieben wird, heißt das doch im Umkehrschluss, dass sie ungeschminkt ungepflegt aussehen.

Frauen sind schön so, wie sie sind, ist ein Mantra der Body-Positivity-Bewegung, die seit einigen Jahren immer mehr Befürworter findet: Damit der Satz aber länger als einen gleichlautenden Dove-Werbespot lang gilt, sollten ab sofort alle Fluglinien auf Make-up-Richtlinien verzichten. Dann könnten Frauen in Ruhe das tun, wofür sie bezahlt werden: ihren Job. Der ist in der Regel auch ohne Nachpudern, kurze Röcke und High Heels anspruchsvoll genug.

Schminke ist für manche Frauen Ausdruck ihrer Persönlichkeit, sie haben Spaß an Farben, vielleicht auch daran, sich mit Make-up ein bisschen verwandeln zu können. Nicht alle Stewardessen von Virgin Atlantic werden aufhören sich zu schminken. Aber vielleicht dürfen sie ihre Lippen, Augen und Münder jetzt ein bisschen zurückerobern – ob mit oder ohne ihren Lieblingslippenstift.

Ich kann die Aussage vieler Frauen, sie fühlten sich mit Make-up wohler, nachvollziehen. Mit 13 bekam ich von einer Freundin ein Umstyling. Sie zupfte meine Augenbrauen, tupfte mit einem Schwamm Make-up über meine Pickel und zog meine Augenränder mit Kajal nach. Meine Freundinnen saßen im Halbkreis um mich und schauten bei der Verwandlung zu. Als ich danach in den Spiegel schaute, war da kein pubertierendes Kind mehr, sondern, dachte ich, »endlich eine Frau«.

Heute weiß ich auch, dass »sich mit Schminke wohler fühlen « oft ein Synonym für »schöner fühlen« ist. Und deswegen schminke ich mich seit einiger Zeit weniger. In den ersten Tagen fühlte ich mich schutzlos, blass und hässlich. Aber es war wie ein kleines Wunder, zu merken, dass mir niemand anders begegnete. Die Leute lächelten genauso freundlich, ich wurde bei Arbeit nicht anders behandelt und meine Gespräche wurden sogar ein bisschen besser, weil ich weniger daran dachte, ob man in diesem Licht meinen Abdeckstift sehen kann.

Mit der Zeit gab mir das mehr Selbstbewusstsein. Die Zeit meines Tages, die ich zuvor mit der Instandhaltung meines Gesichts beschäftigt war, ist jetzt frei, um sich auf anderes zu konzentrieren. Es ist so wichtig, das Fluglinien das verstehen: Es ist für Frauen schwer genug, den inneren Teenie zum Schweigen zu bringen, der immer noch glaubt, Weiblichkeit hieße Perfektion. Es ist schwer genug, sich im Privatleben von dieser Idee zu lösen, schlimm ist es, wenn ihnen der Arbeitgeber zustimmt.

Dass es mir so schwer fiel, mich weniger zu schminken, hat nicht zuletzt mit meinem ersten Flug zu tun. Das kleine Mädchen in mir möchte immer noch so sein wie diese makellosen Frauen, die mir lächelnd meinen Tomatensaft reichten. Wer Frauen vorschreibt, dass sie sich schminken müssen, perpetuiert ein überholtes Ideal von Weiblichkeit. Viel schöner wäre es, kleinen Mädchen zu zeigen, was ihr Geschlecht außer Kussmünder zu präsentieren noch kann.

Artikel teilen: