Vergiftete Komplimente

Früher sprach man von »Karrierefrauen« und »Powerfrauen«, heute sagt man »working mums« und »girlbosses«. Warum diese Begriffe Frauen schaden.

Mehr als eine Million mal wurde der Hashtag #workingmum auf Instagram benutzt, #workingdad nur 70.000 mal

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Sorry Welt,
du hast dich an die Vorstellung vom Mann als Jäger und Ernährer gewohnt, und von der Frau als Heimchen, die das Erlegte an der Feuerstelle zubereitet. War aber gar nicht so, wie zuletzt die ZDF-Dokumentation »Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen?« (immerhin mit Fragezeichen) gezeigt hat. Schon die alten Wikingerinnen waren Händlerinnen und Handwerkerinnen, Kriegerinnen, Clan-Chefinnen und führten Heere an. Frauen, das zeigen Funde von weiblichen Skeletten, hatten nicht selten die gleichen Grabbeigaben wie – nach bisheriger Interpretation – männliche Krieger und Anführer.

So viel zum Thema »natürliche Geschlechterhierarchie«. Diese Erkenntnis wirft Fragen auf. Zum Beispiel, wie die WikingerInnen diese Frauen wohl nannten? »Starke« oder »Power-Frauen« (oder wie die altnordische Übersetzung auch lauten mag)? Hießen sie »Warrior Girls«? Schrieben sie #huntingmum auf Höhlenwände? Entweder waren die WikingerInnen uns da weit voraus, oder die modernen Menschen sind 10.000 Jahre später immer noch nicht weiter.

So oder so kommen sie dabei nicht gut weg. Frauen und Mütter, die arbeiten, in ihrem Beruf gar Erfolg haben, sind 2020 immer noch nicht normal – oder warum gibt es für sie, und nur für sie – spezielle Begriffe? Früher nannte man sie »Karrierefrauen«. Im Duden stand bis 2012 als Definition: »Frau, die ohne Rücksicht auf ihr Privatleben, ihre Familie ihren Aufstieg erkämpft [hat]«. Den Zusatz, »oft abwertend«, hätten sie sich sparen können. Als Geschlechter-Pendant schlägt der Duden diplomatischerweise »Karrieremann« vor. Aber wer benutzt diesen Begriff schon?

Später wurden die Karriere- von »Power«- und »starken« Frauen abgelöst. Von der Powerfrau gibt es gleich gar kein männliches Gegenstück. Wozu auch? Man muss nur betonen, was nicht selbstverständlich oder allgemeingültig ist, das, was von der Norm abweicht. Und die Norm ist eine Gesellschaft, die gelernt hat, dass der Mann von Natur aus Höheres anstrebt, dass bei ihm berufliche Ambition zur Standardausstattung gehört, und das inzwischen teilweise sogar glaubt. Der Zusatz »Karriere«- wäre eine Verschwendung von Silben, ein Pleonasmus wie ein runder Kreis oder eine tote Leiche.

Lange wurden Etiketten wie Karriere- und Powerfrau in Ratgebern benutzt, in Zeitungsartikeln oder Inhaltsangaben von Filmen. Klingt gut und ist toll, dass es sie gibt, nur anders heißen müssen sie doch nicht. »Power«- und »Karrierefrauen« sind kein Lob, nicht mal neutral, nein, es sind vergiftete Komplimente. Der Begriff »Powerfrau« suggeriert, dass sie Power hat, trotz ihres Geschlechts. Die »Karrierefrau« macht Karriere, obwohl sie eine Frau ist. Obwohl sie eigentlich andere Aufgaben hat. Sie steigt nicht auf, weil sie gut ist, sondern weil sie sich rücksichtslos erkämpft, was ihr eigentlich nicht zusteht.

»Mein Mann wird gefragt: Wie ist es denn, mit einer Karrierefrau zusammen zu sein? Ich werde gefragt: Wie schaffen Sie das denn mit den vier Kindern?«, sagte die Microsoft-Managerin Magdalena Rogl im vergangenen Jahr bei der Jahreskonferenz der »Initiative Chefsache«. In einer Welt, in der Kinder Frauensache sein sollen, stören Karrierefrauen, auf jeden Fall sind sie eine Herausforderung.

In Artikeln und Filmen geht es folgerichtig meistens darum, warum die Karrierefrau Single ist und wie sie doch noch einen Mann abbekommt. Auf Instagram, dem Medium der Selbstdarstellung, bezeichnen sich Frauen heute stolz selbst als #workingmum und #girlboss. Mehr als eine Million mal wurde der Hashtag #workingmum auf Instagram benutzt, #workingdad nur 70.000 mal. Nicht, weil es mehr berufstätige Mütter als Väter gibt, sondern weil man einen arbeitenden Vater nicht extra erwähnen muss.

Für Female Empowement sollen die Hashtags stehen, für weibliche Ermächtigung, und es ist natürlich Teil der Ermächtigung, dass man sich so bezeichnen darf, wie man will. Die Begriffe zeigen aber, dass man für arbeitende Frauen immer noch ein extra Vokabular braucht. In Deutschland wird über Binnen-Is und Gender-Sternchen gestritten, das Schöne am Englischen ist eigentlich, dass es meistens kein Geschlecht braucht. Weder für pilot, engineer und doctor noch für boss. Alle sind mitgemeint, wie gleichberechtigt und demokratisch ist das?

Es braucht kein #fem vor boss und erst recht kein #girl als Diminutiv einer Führungskraft. Warum nehmen Frauen sprachlich weiter freiwillig Maß am Mann? #workingmum und #girlboss wollen Fortschritt markieren und tun das Gegenteil. Sie betonen immer noch die Abweichung von der Norm, das Außerplanmäßige, den Unfall, sie heißen nur anders und kommen modern daher. Es ist Zeit, alle diese Begriffe auf den Müll zu schmeißen.

Für den Begriff »Familienvater« gilt übrigens dasselbe. Gehören Vater und Familie nicht immer zusammen?

Denn Worte schaffen Wirklichkeit. Hashtags wie #workingmum hinken der Realität sogar hinterher. Fast 74 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern waren im vergangenen Jahr erwerbstätig. Jedes dritte Kind unter drei Jahren in Deutschland wurde in einer Kita betreut. Arbeitende Mütter sind längst normal, mit #workingmum ist allerdings nur eine bestimmte working class gemeint, keine Alleinerziehenden, Arbeiterin oder die Carework, die sie verrichten, aber das ist ein anderes Thema.

Wie sollen gut ausgebildete, ambitionierte Frauen ihr Streben, ihren Ehrgeiz als normal empfinden, wenn sie durch Sprache eingestehen, dass er es nicht ist? Für den Begriff »Familienvater« gilt übrigens dasselbe. Gehören Vater und Familie nicht immer zusammen? Will man ihn abgrenzen von einem Katzen-Papa oder Vätern, die nicht bei ihrer Familie leben? Im römischen Reich war der pater familias das Familienoberhaupt, der Versorger, der über Frau, Kinder, Feld- und Haussklaven herrschte. Den Familienvater zeichnet also weniger seine Rolle oder sein familiäres Engagement aus als sein Status in der Familie.

Man kann keine Parität erwarten, wenn man mit emotional aufgeladenen Begriffen eine überholte Vorstellung von Familie zelebriert. Erst 2133 sollen Frauen und Männern gleichberechtigt sein, errechnete das Weltwirtschaftsforum. Wer in Filmen, Schulbüchern und auf Instagram arbeitende und erfolgreiche Frauen exotisiert und ein altbackenes Versorgerbild aufrechterhält, zögert die Sache nur weiter raus. Stattdessen sollen Väter so sichtbar sein wie Mütter (Stichwort Mutter-Kind-Parkplatz). Macherinnen, Managerinnen und Chefinnen keine Ausnahme, sondern zahlenmäßig und hierarchisch den Männern ebenbürtig. Ohne »Karriere«- oder „Power«-Etikett. Die sind schon seit 10.000 Jahren überflüssig. Mindestens.