Vom Fußballfest in den tödlichen Drogenkrieg

Vor vier Jahren feierte Brasilien ein riesiges Fußballfest, vor zwei Jahren trafen sich die Olympioniken in Rio. Und heute? Eskaliert in der Millionenstadt die Gewalt. Über das Vermächtnis sportlicher Mega-Events. 

Eine Anwohnerin der Favela Complexo do Alemão vor einem Haus, das Schauplatz eines Militäreinsatzes war.

Foto: AFP

Marcos Vinícius aus Rio de Janeiro war 14 Jahre alt, Rapper und Fußballfan. An einem Mittwoch im Juni hat ihn die Polizei erschossen.

Er lebte im Favela-Komplex Maré und war auf dem Heimweg von der Schule, als es geschah. Bei der WM 2018 in Russland lief gerade das Vorrundenspiel zwischen Uruguay und Saudi-Arabien. In Rio, der Stadt, die das WM-Finale 2014 ausgerichtet hat, spielte die Militärpolizei Apocalypse Now.

Rund 120 wie Krieger bewaffnete Beamte stürmten die Maré an diesem Tag. Sie hatten 23 Haftbefehle gegen mutmaßliche Drogenhändler dabei, dazu Panzer und Helikopter. Von oben feuerten sie auf das extrem dicht besiedelte Viertel. Zwischen Schulen und Kindergärten, Kirchen und Geschäften wurden später über 120 Einschusslöcher gezählt. Kein einziger Haftbefehl wurde vollstreckt, aber sieben Leichen lagen auf der Straße, darunter auch Marcos Vinícius. Die Polizei teilte mit, die anderen sechs seien »Verdächtige« gewesen. Als ob es in Brasilien ein Gesetz gäbe, dass es erlaubte, Verdächtige aus der Luft zu killen.

Querschläger aus den täglichen Schusswechseln zwischen Drogenbanden und der Polizei werden in Rio »balas perdidas« genannt. Nach einer Zählung der Menschenrechtsorganisation »Rio de Paz« haben solche „verlorenen Kugeln“ seit 2007 mindestens 50 Minderjährige getötet: Schüler, spielende Kinder, Säuglinge in vorbeifahrenden Autos, einmal auch einen Embryo im Bauch seiner Mutter.

Das zauberhafte Rio de Janeiro hat seit eh und je ein Sicherheitsproblem, aber so schlimm wie im Moment war es schon lange nicht mehr. Wenn man die Cariocas, die Bewohner der Stadt fragt, wann die Lage eskalierte, dann sagen fast alle: direkt nach der olympischen Schlussfeier.

Die Fußball-WM 2014 und die Sommerspiele 2016, das waren einmal zwei Symbole für einen brasilianischen Traum. Dafür, dass das ewige Land der Zukunft endlich in der Gegenwart ankommen würde. Die Vergabe dieser beiden Sportevents hielten viele für den Ausdruck einer neuen Weltordnung, in der das größte Land Südamerikas als globale Supermacht mitmischt. Im Rückblick wirkt das geradezu lächerlich. 2018 ist Brasilien ein wirtschaftlicher, politischer und moralischer Krisenherd.

Bei der Frage, was von solchen Mega-Events bleibt, wenn der Tross wieder weiterzieht, ist Rio eines der erschreckendsten Beispiele. Schon die Fußball-WM hat vor allem enttäuschte Hoffnungen hinterlassen. An Olympia ist die Stadt dann zerbrochen. Sie hat für eine knapp dreiwöchige Party ihre letzten Finanzreserven zusammengekratzt. Das Geld fehlt jetzt in den Schulen, den Unis, in den Krankenhäusern und der Rentenkasse und vor allem bei der öffentlichen Sicherheit.

Die Zukunft dieser Stadt stirbt in den verlorenen Kugeln

Mit Blick auf die beiden anstehenden Großveranstaltungen hat die Stadt vor knapp zehn Jahren ein weltweit als vorbildlich gefeiertes Projekt zur Gewaltprävention angestoßen, die sogenannte »Unidade de Polícia Pacificadora« (UPP). Geplant war, von Drogenbossen kontrollierte Favelas zunächst militärisch zu erobern und sie dann mit großen Sozialprogrammen dauerhaft zu befrieden. Der erste Schritt hat nicht vollständig geklappt, mit dem zweiten wurde nie begonnen. Inzwischen werden schon Kinofilme gedreht, die vom Scheitern der UPP erzählen. Gleichzeitig hat die brasilianische Armee die Kontrolle über die komplett überforderte Polizei in Rio übernommen. In vielen Ecken geht es jetzt zu wie in einem Kriegsgebiet. Wo dringend Sozialerbeiter gebraucht würden, patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten, die vor allem Schießen gelernt haben. Das Ergebnis sind 50 »zufällig getötete Kinder« in anderthalb Jahren. Die Zukunft dieser Stadt stirbt in den verlorenen Kugeln.

Der Sport ist wahrlich nicht an allem schuld, aber seine Organisatoren müssen sich sehr wohl daran messen lassen, was sie versprochen haben, um die gigantischen Investitionen zu rechtfertigen. Im Fall von Rio waren das unter anderem: befriedete Favelas, ein funktionierendes Verkehrssystem, die Säuberung der abwasserverseuchten Guanabara-Bucht sowie »neue Standards für nachhaltige Planung«. Im Jargon des Fußball-Weltverbandes Fifa und des Internationalen Olympischen Komitees ist in diesem Kontext gerne von der »Legacy« die Rede, vom Vermächtnis - ein Begriff, der zu den größten Lügen unserer Zeit gehört. Denn damit wird vorgetäuscht, dass es sich bei solchen Mega-Events um Konjunkturprogramme und Entwicklungshilfe handelt. In Wahrheit sind sie vor allem ein teures Vergnügen, das man sich als Ausrichter leisten können muss. Rio konnte das nicht.

Das Vermächtnis der Spiele sieht heute so aus: In den Favelas wird so viel geschossen und gestorben wie schon lange nicht mehr. In die Bucht ergießen sich weiterhin die ungefilterten Abwässer von sechs Millionen Haushalten. Im Olympiapark verfallen leerstehende Sportstätten. Zehn der zwölf für die WM gebauten oder ausgebauten Fußballstadien in Brasilien sind Gegenstand von Korruptionsermittlungen, darunter auch das Maracanã von Rio. Die Stadt steht weiterhin im Stau. Zu den angeblich nachhaltigen Verkehrsprojekten mit Symbolcharakter gehörten die Verlängerung der U-Bahn sowie die Seilbahn hinauf auf Hügel des Favela-Komplexes Alemão. Die neue U-Bahnstation in Gávea wurde wegen akuter Einsturzgefahr inzwischen geflutet. Die Seilbahn steht seit September 2016 still. Und wenn man schon von Nachhaltigkeit spricht, dann sollte man vielleicht erwähnen, dass 77000 größtenteils arme Stadtbewohner nachhaltig umgesiedelt wurden.

Es stimmt natürlich, was die Organisatoren sagen, dass in Rio Milliarden in die Infrastruktur investiert wurden, in Tunnels, Schnellbus-Trassen, in die U-Bahn. Dabei standen aber nie die Bedürfnisse der Allgemeinheit im Vordergrund, sondern stets der Ablaufplan von zwei relativ kurzen Veranstaltungen. Hier und da gibt es einige positive Effekte, die man als »Kollateralnutzen« bezeichnen könnte. Aber die Gesamtbilanz bleibt katastrophal.

Große Sportevents haben durchaus ihren Sinn. Aber dieser Sinn liegt im Sport selbst. In seinen besten Momenten lenkt er von dem ganzen Wahnsinn ab, den er nebenbei so produziert. Und es wäre vielleicht mal zu prüfen, ob es nicht irgendwo auf dieser Welt eine unbewohnte Insel gibt, die man zu einem dauerhaften Großevent-Park ausbauen könnte, wo dann grundsätzlich alle Weltmeisterschaften und Olympiawettkämpfe stattfinden. Wo der Sport Sport sein kann und ansonsten nicht weiter stört.

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