Die Fliesenwand

Wer gleich an Metzgereien und Pissoirs denkt, hat nichts verstanden. Eine Ehrenrettung der Fliese.

Ob prachtvoll oder - wie hier im Bild - dezent: Fliesen schützen die Wand nicht nur, sie schmücken sie auch.

Metzgerei, Anatomiesaal, Pissoir: Wird es unappetitlich, kommen Fliesen zum Einsatz. Deshalb sind sie auch in den meisten Fällen weiß: Damit man Spuren besser erkennen – und spurlos wegwischen kann. Die klinische und zweckmäßige Anmutung, die der Wand- und Bodenkeramik anhaftet, ist ihr größtes Hindernis – in Luxusbädern von heute ist stattdessen dezenter Naturstein angesagt, in der Küche grauer Schiefer. Doch man sollte sich in Erinnerung rufen, dass Fliesen einmal das Gegenteil von Nüchternheit und Dezenz bedeuteten: Maurische Kacheln, Delfter Ware, portugiesische Azulejos – das stand für Pracht. Die Brüder Schwadron kachelten um die Jahrhundertwende so gut wie jedes wichtige Gebäude in Wien mit ihrer filigranen Keramik aus. Eine späte Blüte dieser prunkvollen Tradition waren die zukunftsfrohen, bunt gefliesten U-Bahnhöfe der BRD. Leider gilt so etwas heute bloß noch als altmodisch. Die leuchtend gelben Kacheln, mit denen der Architekt Paolo Nestler 1972 den Münchner U-Bahnhof Sendlinger Tor gestaltete, werden bald wegsaniert – eine Fliesenenttäuschung. Wenn sie schon das Stadtbild verlassen müssen, könnten sie, statt entsorgt zu werden, doch wenigstens Bäder, Küchen und Flure zieren. Nicht als Zeichen für Antiseptik, sondern für glänzende Opulenz. Vielleicht sollte man die Bauarbeiter bestechen?


(Produktauswahl: Simona Heuberger und Nadja Tadjali. Fotos: Arden Wray, Ferm LIVING)

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