Wird schon gehen

Wenn Journalisten etwas über ihr Land rausfinden wollen, begeben sie sich gern auf Wanderschaft. Also haben wir Moritz von Uslar (ZEITmagazin) und Alex Rühle (SZ-Magazin) gegeneinander antreten lassen: Der eine wandert von Berlin nach München, der andere in die Gegenrichtung. Mal sehen, wer schneller ist. Oder mehr erlebt.

I.

Laufen. Einfach nur laufen. Geradeaus, ins Nachmittagslicht. Ich hab mich nach eineinhalb Stunden aus München rausgeschlängelt, über kleine Straßen und Parks, runter an die Isar. Im Tengelmann am Cosimapark noch schnell eine Zahnbürste gekauft und Studentenfutter, das jetzt in der rechten Jackentasche steckt. Am Oberföhringer Stauwehr noch mal die alten Wanderschuhe meines Vaters fester schnüren, Mütze und Handschuhe ausziehen, da reißt der Himmel auf. Von hier bis Freising nur Natur, jetzt kann es losgehen. Genauso fühlt es sich an: Es kann losgehen. Ich auch. Und Überich bleibt endlich mal daheim.

Na ja. Stimmt leider nicht, Überich läuft mit, oder schlimmer noch: mir entgegen. Von Berlin aus. Mein Konkurrent. Moritz von Uslar. Soll ja ein Wettwandern werden: zwei Männer, unterwegs durch Deutschland, »auf der Suche nach Geschichten, nach Gefühlen, nach Erkenntnis« – so zumindest haben die das in der Redaktion ausgedrückt. Spätestens seit Wolfgang Büscher vor zehn Jahren von Berlin nach Moskau zog, wandern lauter Leute schreibenderweise durch die Gegend: Andreas Altmann lief von Paris nach Berlin, Manuel Andrack stiefelte durchs deutsche Mittelgebirge, Landolf Scherzer erkundete die ehemalige Zonengrenze, Büscher umrundete Deutschland, Christian Jostmann pilgerte nach Rom. Und natürlich Hape Kerkeling.

Meist implizieren die aus diesen Wanderungen entstandenen Texte, dass man beim Laufen automatisch mehr erkennt, näher dran ist, authentischer erlebt. »Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt.« Steht schon bei Johann Gottfried Seume, dem Urvater des wilden Wanderns, den sie damals für verrückt erklärten, als er allein nach Syrakus spazierte.

Also los: ich zu Fuß von meinem Büro im Osten von München in Richtung Berlin, Dorotheenstraße, ZEITmagazin. Moritz von Uslar in umgekehrter Richtung. Fünf Tage lang. Soweit uns jeweils die Füße tragen. Der Rest per Anhalter. Von Haustür zu Haustür. Kein Zug. Das sind jetzt die Regeln.

In den Tagen vor dem Aufbruch hab ich viel über Konkurrenz nachgedacht. Soll ich schneller laufen als Uslar? Ist der nicht wahnsinnig stark? Der boxt doch, oder? Soll ich heimlich früher aufbrechen? Hundert Fragen an die Natur stellen? Krassere Sachen erleben? Aber ist Konkurrenzwandern nicht so absurd, als würde man um die
Wette meditieren?

Egal jetzt. Gehen ist großartig. Einfach nur diesen breiten Fußweg langlaufen, dreißig Kilometer die funkelnde Isar runter. Gehen. Atmen. Gehen. Schauen. Leichter Rückenwind, die Bäume schmeißen mir ihr letztes Gold hinterher, dazu die tiefe Sonne, die die Landschaft vor mir anstrahlt, als würde ich in eine prachtvolle Bühne reinwandern, die sich nach hinten immer weiter öffnet.

Ich weiß nicht, was während des Laufens tief unten in meinem Metabolismus passiert, ich verstehe aber, warum es in nahezu allen Kulturen das Pilgern gibt. Wandern zentriert. Das Denken bekommt beim Laufen einen anderen Ruhepuls. Im Alltag steht man inmitten von Verstehensanfängen, das Gehirn ist am Abend verstopft wie ein Flusensieb, lauter kleine rote Fäden, von denen man weiß, irgendwie waren die doch alle wichtig heute, aber es ist alles wieder abgerissen, weil dann kam ja der Kollege rein. Hier kommt keiner.

Doch. Ein Fischer. Mit dickem Barsch an der Angel, »a sauwara Striezi«, wie er sagt. Und ein Spaziergänger mit seinem Hund, ein ehemaliger Moosburger Kesselbauer, mit dem ich am Nachmittag zwei Kilometer unter der Einflugschneise durchwandere und der über den Flughafen schimpft, der habe alles versaut, preislich jetzt, er habe das Gefühl, den Mieten seit Jahren davonziehen zu müssen, immer weiter nach Norden raus.

Als ich abends im Freisinger Hotel den Bademeister in der »Wellnessworld« frage, was denn bei Muskelkater und wunden Füßen am besten sei, Sauna, Dampfbad, kalte Wanne, sagt er: »Können Sie alles vergessen. Am besten, ich leih Ihnen eine Badehose und Sie machen mit beim Aquatraining.« So endet dieser erste Tag mit einer neongrünen Schwimmnudel zwischen den Beinen. Aus dem CD-Player der Schwimmlehrerin dröhnt It’s Raining Men. Die Enden der Nudel schauen hinten und vorn aus dem Wasser, und ich bewege mich, allein unter zehn älteren Damen, langsam tretend, in Fahrradfahrerpantomime im Kreis.

Wirklich gewirkt hat die Gymnastik nicht, meine Beine fühlen sich am nächsten Morgen so hart und klobig an, als hätte ich Holzscheite in den Schenkeln. Trotzdem: Ich will nur los und weiter, raus aus der Klimaanlagenluft und dem Cateringgeklapper, rein in die Landschaft hinter Freising. Nach nächtlichem Dauerregen wirkt alles wie frisch gewaschen und gewienert, ich laufe nach Norden raus, in Richtung Holledau.

Laufen. Hügel. Laufen. Laub. Laufen. Grün. Tote Katze. Bauernhof. Laufen. Atmen. Oh du bayerisch weiter Himmel. Laufen. Mehr nicht. Aber sehen Sie dieses feine Licht, das alles zum Leuchten bringt? Das Gold? Das Glück? Wunderbar. Sie können zwischen den Zeilen lesen, und ich kann mir alle weitere Wanderlyrik sparen.

Zumal es dann übel wird. Hinter Freising fängt die Landschaft an zu schwingen, hügelan, hügelab, ziemlich hinterfotzig das Ganze, man merkt das anfangs gar nicht, aber auf die Dauer eines Tages macht es einen fix und fertig. Vielleicht hätten mir die Worte der Zollinger Apothekerin, bei der ich Mineraltabletten gegen den Muskelkater kaufe, eine Warnung sein sollen. Auf die Frage nach einem Wanderweg in Richtung Attenkirchen sagt sie: »Wandern? Wandern tu ich in den Alpen.« Das aber bekomme ich vor lauter Morgeneuphorie gar nicht mit, im Gegenteil, ich beschließe ein bizarres Projekt: Heute ist doch Obama-Wahl – ich laufe jetzt einfach immer weiter, die Landstraße lang, die ganze Nacht durch, ich hier allein an der Bundesstraße, so lang, bis drüben die Swingstates kippen, yes, we can.

Keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam, vielleicht, weil ich am Abend noch in Werner Herzogs Buch Vom Gehen im Eis gelesen hatte. Der Regisseur ist 1973 ebenfalls im November bei Regen aufgebrochen: Er hatte erfahren, dass Lotte Eisner in Paris im Sterben lag, die große Filmkritikerin und ferne Übermutter der jungen deutschen Regisseure. Herzog nahm sich vor, sie zu retten, er schloss eine Art Pakt mit dem Schicksal: Wenn ich zu Fuß durch Regen, Wind und Schnee laufe, wird »die Eisnerin« nicht sterben. Was soll man sagen, es hat geklappt: Als er ankam, war sie auf dem Weg der Besserung und hat dann noch zehn Jahre gelebt.

Der Obama Plan

Mein Obama-Plan dagegen führt direkt in einen Tunnel aus Schmerz und Erschöpfung, und mein Solidaritätslauf ist schon vorüber, bevor in Kalifornien die Wahllokale öffnen: Als ich um fünf Uhr nachmittags nach Mainburg reinstolpere, bin ich froh, dass ich es überhaupt bis hierher geschafft habe. Von dem Nachmittag weiß ich nur noch: Vier Junglamas im Nieselregen, die fiese Bundesstraße mit all den toten Tieren am Rand, alte Gleise, die bei Iglsdorf plötzlich im Gras enden. Leere Hopfenfelder. Das Lebensmittelgeschäft in Mainburg, das aussieht wie aus den Sechzigerjahren. Und die fabelhafte ältere Dame an der Rezeption im »Hotel Seidlbräu«, die sich mir zuwendet wie einem Therapiepatienten: »So. Jetzt sprechen S Eana aus.« – »Oh. So richtig?« »Nur zu. Ich hör hier mehr als jeder Pfarrer im Beichtstuhl. Die ganzen einsamen Außendienstler, die mir jede Woche ihr Herz ausschütten – oh mei …« Das Zimmer kostet nicht mal halb so viel wie das in Freising.

II.

Als ich am nächsten Morgen in Mainburg die Brücke über die kleine Abens überquere, will ich nur weiterlaufen. Immer weiter diesen Fluss runter, der sich zwischen Birken wegschlängelt. Aber ich soll ja Hausaufgaben machen. Berlin. Der Wettlauf.

Schweren Herzens stelle ich mich also an die Straße. Kommt mir so vor, als werde das ab jetzt eine komplett andere Reise. Stimmt ja auch: Der Wanderer ist autark, der Tramper hängt von anderen ab. Beim Wandern ist man Teil der Landschaft, im Auto wird sie zum vorbeigleitenden Stummfilm. Der Wanderer ist allein, der Tramper immer in Begleitung. Nein, er ist die Begleitung: Die meisten nehmen einen ja mit, um zu reden.

Der Hobbyangler, dessen Freund beim Angeln starb, »direkt neben mir, der saß so weit weg wie Sie jetzt, Herzinfarkt. Dabei hatte er an dem Nachmittag so einen prächtigen Waller gefangen.«

Später, kurz vor Berlin, der Wiesbadener, der alles hatte, glückliche Ehe, zwei Kinder, großes Haus, drei Pferde, ein Boot, gut gehendes Geschäft. Dann wurde er spielsüchtig. »Natürlich von Nachteil, wenn man mit so einer Macke in Wiesbaden wohnt.« Heute lebt er allein. Nicht mehr in Wiesbaden, sondern in einem Dorf in Polen, weil da das Benzin und die Lebensmittel billiger sind.

Oder Christov, der bulgarische Biologe, der im Januar ’89 als Promovend in die DDR kam und als Gast die Wende miterlebte: »Wie naiv die Leute waren. Die dachten, jetzt kommt der große Bruder und dann ist jeden Tag Weihnachten. Stattdessen kam der Kapitalismus. Kapitalismus heißt: Konkurrenz.« Christov, der heute an der Uniklinik Halle arbeitet, erzählt, wie er sich damals seine erste Dose Cola kaufte, »für 7 Ostmark 50«, und dann einen Abend lang nicht rausbekam, wie man die aufkriegt. »Ich saß in meiner Küche am Tisch, hab diesen Ring gedreht und gedreht und war so sauer auf mich, dass ich das nicht schaffe. Ein paar Tage später seh ich Nachrichten, Weltpolitik, Wiedervereinigung, und plötzlich bemerke ich am Bildrand, wie sich der Gorbatschow eine Cola-Dose nimmt, ratlos anschaut, und dann dreht er und dreht am Verschluss, und keiner merkt seine Not. Irgendwann stellt er sie stinksauer weg, als würde er sagen, ach, Scheißkapitalismus, die kriegen auch keine besseren Geräte hin als wir.« Hinten im Wagen sitzt seine lachende Tochter, die nächstes Jahr in Halle Abitur macht, isst »Burger King«-Pommes von der Autobahnraststätte und trinkt Cola aus dem Einwegbecher.

»Vagabund, Zigeuner, Tramp, treib ich mit den Vogelschwärmen, Güterzügen, Knochensammlern von New York bis San Francisco, von St. Lorenz bis Habana.« Na ja, erst mal nur von Mainburg bis Pentling, von Tirschenreuth bis Waldsassen. Klingt nicht ganz so weltliterarisch beatnikhaft wie bei dem Lyriker George Forestier, aber Hauptsache treiben lassen: Wenn man sich wirklich drauf einlässt, kommt man beim Trampen in Ecken, von denen man vorher nicht mal wusste, dass es sie gibt. Statt mich also auf den Hauptschlagadern in Richtung Berlin spülen zu lassen, zweig ich ab in die Kapillaren und fühl dort dem Leben auf den Puls. Der Erste, der mich mitnimmt, muss nach Tirschenreuth. Wo war das noch mal gleich? Eine Stunde später weiß ich es. Tirschenreuth ist da, wo mitten auf dem Marktplatz ein Alteisendenkmal steht mit der Inschrift »Zukunft gestalten – Geschichte wahrnehmen«. Tirschenreuth ist da, wo die Hälfte der Wegweiser tschechische Ortsnamen trägt und wo einen keiner mehr mitnimmt, weil alle, die vorbeikommen, von hier sind und dementsprechend achselzuckend auf ihre Fußbodenmatte zeigen.

Einsamkeit am Kreisverkehr, die Luft schmeckt nach Schnee, unterm Verkehrsschild liegt eine tote Kohlmeise. Fühlt sich elend an, wenn alle vorbeifahren. »Abfall bin ich und Verschnitt auf der Waage aller andern, eine Made in dem Fleisch ihrer Städte, ihrer Dörfer.« Noch mal der wilde, freie Forestier. Der schlug mit seinen Tramp-Gedichten 1952 in der braven deutschen Nachkriegsliteraturlandschaft ein wie eine Bombe. Ehemaliger Soldat, Russlandfeldzug, lebte erst unter falschem Namen in Marseille, dann als Fremdenlegionär in Indochina, im Dschungel verschollen bei den Kämpfen um Song-Woi. Es blieb eine schmutzverschmierte Kladde mit Gedichten, von Gottfried Benn, Karl Krolow und Heinz Piontek in den Himmel gelobt, Texte voller Fernweh und Unruhe, dieses satte – Moment, da hält einer, endlich: ein alter Mann, der, kaum dass ich die Tür zugemacht habe, ansetzt zu einer Suada über die arroganten Städter, die keine Ahnung von dieser Gegend hätten. »Bayerns Sibirien«, wenn er das schon höre. Die großartige Natur, das Hofer Symphonieorchester, die Luisenburg Festspiele in Wunsiedel, »kein Wort davon, nie, immer geht es nur um die Naziaufmärsche und dass alle wegziehen«.

Er hält in Waldsassen. Als ich ihn frage, wo ich mich hier hinstellen kann, um wegzukommen, sagt er: »Hier? Hier fährt keiner weg. Höchstens der Aldi-Parkplatz. Da kaufen die Tschechen.«

So komme ich am Nachmittag nach Tschechien. Genauer gesagt: Nach Cheb, ins frühere Eger. Im Nachhinein sehe ich, dass das gar kein Umweg ist, es gibt da diese kleine tschechische Ecke, die ins bayerisch-thüringische Grenzland hineinragt. Erst mal aber fühlt es sich nach großer Expedition an.

Ich überlege, gleich weiterzutrampen, bleibe dann aber da, um einen auf Völkerverständigung zu machen. Es ist nur leider kaum tschechisches Volk zum Verständigen da: In der Fußgängerzone werden nahezu alle Geschäfte von Asiaten betrieben, es gibt auf den 800 Metern sechs vietnamesische Nagelstudios, auch in den alteingesessenen Kleiderläden sitzen Asiaten hinterm Tresen.

Zwei Romaprostituierte quatschen mich an, und dann ist da noch der merkwürdige große Mann, der so lange neben mir herläuft und mich aus den Augenwinkeln beobachtet, dass ich irgendwann stehen bleibe und ihn fixiere. Er: »Was hier so alles los ist …« Ich: »Woher wissen Sie, dass ich Deutscher bin?« – »Der Rucksack, die Jacke. Brauchen Sie was? Wird bald dunkel.« Er sagt, Cheb sei ideal, wenn man mal ein Jahr untertauchen müsse.

Um fünf machen alle Geschäfte zu, um sieben ist kein Mensch mehr auf der Straße, ab halb neun kann man in einigen menschenleeren Restaurants den Bayern-Spielern dabei zusehen, wie sie Lille überrennen. Wo Moritz von Uslar wohl gerade steckt?

Und was ist das überhaupt für eine bizarre Magazin-Idee? Dem ganzen Land den Puls fühlen durch ein bisschen Wanderei? Mal kurz rausgehen und dann einen Sack voll Leben mitbringen, unplugged, komprimiert, was soll ich denn rausfinden in den paar Tagen? Ich kann froh sein, wenn ich am Freitag in Berlin ankomme. Außerdem ist keiner da zum Rausfinden, die Landschaften sind leer geräumt, die Menschen sitzen in ihren Autos und Büros. Oder soll ich hier was über mich selbst rausfinden? Ich geh jetzt in mich selbst hinein, ei, was mag da drinnen sein. Grmbl.

Nach diesem Wutanfall unter tschechischem Nachthimmel schlafe ich tief und fest und sehr zufrieden und träume von endlosen Wiesen.

Am nächsten Morgen wandere ich weit aus Eger raus, bis mich ein alter Mann in Försterkleidung ein paar Kilometer in Richtung Grenze mitnimmt und mir dabei die Welt erklärt. Ich gebe seinen Monolog so wieder, wie er gesprochen hat, nicht weil ich mich über ihn lustig machen will, er kann schließlich unendlich viel besser Deutsch als ich Tschechisch, sondern weil er die ganze Misere so gut auf den Punkt bringt: »Hier, siehst du: Textilfabrik. Früher Arbeit. Jetzt kaputt. Textil geht Asien. Hier, siehst du: Felder. Nix Bauer. Kein Kartoffel. Solar. Solar. Solar. Hier, siehst du: Nightclub. Ich Arbeit. Klein Arbeit: Tür auf, Chef fahren, putzen. So Arbeit. Nightclub Frauen Brasilien, Männer alle Deutschland. Alle.«

In seinem Panorama zum kleinen Grenzverkehr fehlte nur das Crystal Meth, das von hier aus nach Deutschland verkauft wird. Als ich in Hazlov an der Tankstelle aussteige und dort, beeindruckt von der einsamen Kulisse, Schnappschüsse mache, stürzen zwei Vietnamesen aus ihrem winzigen Shop, nehmen mir das Smartphone weg und löschen die Bilder. Dann wiegt der eine der beiden das Handy in seiner Hand und grinst mich an, als wolle er sagen: Ich kann’s auch behalten. Er gibt es mir wieder, dreht sich um und verschwindet in seinem Schuppen, auf dem steht: »Zigaretten Nur Mit CZ-Banderole«. Ich fotografiere einfach noch mal und haue ab, die staubige Straße runter.

Forestiers Büchlein Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße avancierte damals, 1952, übrigens zum meistverkauften Lyrikband der Nachkriegszeit. Leider stellte sich ein Jahr später raus, dass der so tragisch jung verstorbene Outlaw Forestier die Erfindung eines Mannes namens Karl Emerich Krämer war: Hauptmann in der Wehrmacht, Oberbannführer der Würzburger Hitlerjugend, mehrere Auszeichnungen von der Reichsschriftkammer für seine strammen Texte. Nach Kriegsende promovierte er erst mal in aller Ruhe und werkelte dann in dem Verlag vor sich hin, in dem auch die Werke seines Alter Ego erschienen. Ausgerechnet der erfolgreichste deutsche Tramplyriker war in Wahrheit ein Altnazi.

»Hundeschule Zwanglos«

III.

Das Wandern als Klammer: Ich bin zwei Tage aus München in die Landschaft und Provinz rausgelaufen, jetzt mach ich’s umgekehrt, von der menschenleeren Mark Brandenburg zu Fuß in die Hauptstadt. Der nette Wiesbadener, der mittlerweile zum Leben nach Polen rüber muss, lässt mich am Donnerstagnachmittag in Ludwigsfelde raus, 35 Kilometer südlich von Berlin-Mitte. Felder, Birken, flaches Land, alles eher Grau-zone. Da ich keine Wanderkarte von der Gegend habe, laufe ich in einem merkwürdigen Zickzack über Ahrensdorf zurück nach Ludwigsfelde. Alle, die ich nach dem Weg nach Berlin frage, klingen so erstaunt, als würde ich nach der Route nach Minsk oder Lissabon fragen. Im Ernst? Zu Fuß?

Sandiger Boden, »Hundeschule Zwanglos«, leere Schrebergärtenkolonien, und das letzte Licht versickert: Hier oben wird’s merklich früher dunkel als in München. Mir fallen die Berliner Winter wieder ein, die Winter, die ich erlebt habe, als ich hier studierte: Fühlten sich immer an, als würde die Stadt im Oktober den Kanaldeckel über sich zuklappen, und dann lastet dieser graue Himmel vier Monate lang so tief über einem, dass man sich dran aufhängen könnte.

Folgt der ätzendste Teil: die Bundesstraße nach Großbeeren und Teltow, abends zwischen fünf und sieben. Kein Fußweg, kein Radweg, auf beiden Seiten steile gestrüppbewachsene Böschung. Bleibt nur, auf der schmalen Straße langzulaufen. Ein dunkler Opel brettert hupend vorbei, dreht um, hält auf der Gegenspur an, Technobässe, der Typ schreit raus, ich sei ja wohl nicht mehr ganz dicht. Stimmt, mein linker Fuß fühlt sich nass an, die Blasen müssen aufgegangen sein. Ich find’s jetzt ziemlich grausam, wie jeder ausgeschilderte Kilometer auch darauf beharrt, bis auf den letzten Meter gegangen zu werden. Abends, im »Hoteltow« in Teltow, hab ich Sand in beiden Schuhen.

Und dann Berlin, die alte Sau. Aus München kann man innerhalb einer Stunde rauslaufen. Berlin ist wie ein Pfannkuchenteig, der immer weiter ins Umland ausfließt. Als ich am Freitagmittag durchs Kreuzberger Freiluft-Trendlabor laufe, komm ich mir erstmals aussätzig vor in meiner verschwitzten Kluft und muss an Seume denken, der auf seiner Wanderung nach Syrakus regelmäßig für Irritationen sorgte, wenn er in den Gasthäusern auftauchte: Dachsrucksack, »schwerbezwingter Knotenstock«, grimmiger Blick. Oft ist er dann einfach weiter und schrieb abends schnaubend, er habe noch mal ein paar Stunden die Chaussee »abtornistert« oder sei »trotzig vor sich hin gestapelt«.

Auch was Berlin betrifft, mach ich’s jetzt wie Seume, der das Genre des kulturhistorischen Reiseberichts in seinem Buch regelmäßig mit großem Vergnügen torpedierte: »Ich lief eine Stunde in Pompeij herum und sah, was die anderen auch gesehen hatten.« Also rein nach Berlin: Teltowkanal, Steglitz, Südkreuz. Als ich den Weg an den Gleisen abtornistere, überholt mich ganz langsam eine Lok mit der riesigen Aufschrift: »Wir sind fast am Ziel. Steigen Sie ein.« Erst beim zweiten Hinsehen entdecke ich den Satz: »Gemeinsam für eine Welt ohne Kinderlähmung«.

Yorckstraße, Mitte, SPD-Zentrale. Am Checkpoint Charlie fotografieren mich einige Touristen, vielleicht halten sie mich mit meinem Rucksack für den letzten Republikflüchtling. Dann bin ich da. Dorotheenstraße 33. Ich fahre in den sechsten Stock hoch und werde von den Kollegen des ZEIT-magazins nett empfangen, störe aber auch ihr stilles Bildschirmarbeiten. Auf der Dachterrasse (die haben eine Dachterrasse!), trinke ich mit Blick auf den Fernsehturm eine Flasche Mineralwasser, dann mache ich mich auf zum ICE.

Bleibt die Sache mit der Konkurrenz. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich aus diesem Thema, das mich vor der Wanderung so viel beschäftigt hatte, schon am ersten Nachmittag rausgewandert bin. Kaum hatte ich meinen Rhythmus gefunden, war es mir eigentlich egal, was Uslar treibt. Kaum aber bin ich wieder zu Hause, nagt es: Wo der wohl ist, was er wohl macht? Oha, der twittert ja sogar von unterwegs. Muss ich jetzt also noch konkurrenzkompatible Rekorde apportieren?

Na denn: Der schönste Satz fiel in einem Teltower Restaurant, am Nebentisch. Vier Systemadministratoren sitzen bei griechischem Essen und Bier, der eine erklärt den anderen die Welt: »Weeste ditt noch, wo ich jesacht hab, der Chinese wenn richtich Luft holt, hab ich jesacht, is hier bei uns der Ofen aus.«

»Haste jesacht. Wees ick.«

»Und? Wat is? Ofen aus.«

Pathetischster Moment: Am letzten Morgen merke ich beim Packen, dass sich eine einzelne Socke meines Sohnes in meinen Rucksack verirrt hat. Ich habe in den Schuhen meines Vaters eine blaue Socke meines Sohnes durchs Land getragen. Rührung im Hotelflur.

Größte Verblüffung: Ich bin durch viel Natur gekommen die ersten beiden Tage, habe aber kein einziges wildes Tier zu Gesicht bekommen. Am letzten Morgen, am Teltowkanal, schon Teil des Berliner Stadtgebiets, sehe ich zwei Reiher, einen Milan, einen Eisvogel und einen Fuchs. Am beeindruckendsten aber waren die Biberspuren. Ganze Bäume waren umgenagt, an anderen hatten sie die breiten Zähne gewetzt.

Die entlegenste Ecke war Waldsassen, das beste Bier gab’s im Hotel in Cheb und der schrägste Ort war der Autohof Nempitz, auf dem gibt es nämlich neben handelsüblicher Tankstelle und Rastrestaurant das »einzige Erotikparadies auf einer Autobahn«. Das war ein groteskes Huschen. Nur die Fernfahrer gingen stolzen Schritts auf die Kaschemme zu.

Ansonsten: 102 Kilometer Wanderstrecke. Fünf Blasenpflaster. Und am Tag nach meiner Rückkehr sagt meine Tochter abends im Bett: »Was ist eigentlich ein Konkurrent? Ist das ein Feind?« – »Na ja, das ist einer, der dasselbe macht wie man selber, und jeder will besser sein als der andere.« – »Ah. Dann ist das ein klitzekleiner Feind.«

➳ Für die Konkurrenz hat sich Moritz von Uslar auf den Weg von Berlin nach München gemacht. Bei uns in der Redaktion ist er allerdings nie aufgetaucht. Ob er den ganzen Weg gelaufen ist, welche Gegend die finsterste war und wo es die beste Bratwurst gab, erzählt er Ihnen im ZEITmagazin.

Fotos: Gerald von Foris

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