»In Sportvereinen war die Willkommenskultur schon immer selbstverständlich«

Noch nie haben so viele Menschen Sport gemacht wie heute, doch die Mitgliederzahlen der Sportvereine stagnieren. Der Soziologe Hans-Jürgen Schulke hat eine Kulturgeschichte der deutschen Sportvereine geschrieben und weiß, dass nicht nur Zumba daran Schuld ist.


Was ist das Besondere an der Landschaft der Deutschen Sportvereine?

Mit heute 90 000 Sportvereinen gibt es in Deutschland einfach extrem viele und vielfältige. In anderen Ländern, die ebenfalls eine lebendige Vereinslandschaft haben wie Schweden, die Schweiz oder die USA, findet sich das nicht so. Die meisten sind aus der Turnerbewegung des 19. Jahrhunderts entstanden. Alles begann damit, dass Friedrich Ludwig Jahn, der spätere »Turnvater«, 1811 einen Turnplatz für Leibesübungen in der Hasenheide errichtet hat.

Ein Art Outdoor-Fitnessstudio.
Exakt. Die Geräte sind vergleichbar. Dies war ein offener und öffentlicher Platz, hier konnte jeder hinkommen, egal welchen Alters, welcher Schicht. Jeder konnte individuell sich aussuchen, was für Übungen er macht. Die Losung der französischen Revolution »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« wurde hier gelebt und führte zu dem damals völlig neuen Konstrukt »Verein«. So etwas gab in der Menschheitsgeschichte zuvor nicht.

Jahn wird von vielen heute als Nationalist und Militarist gesehen.
Ja, auch weil die Nazis ihn für sich beansprucht haben. Das ist aber ungerecht. Jahn war Demokrat, aufgeklärter Pädagoge und, insoweit militärisch, als er ein Vertreter der Wehrertüchtigung war, allerdings nur im Sinne eines Schutzkrieges, keines Angriffskrieges. Er war der Meinung, Deutschland, das ja von Napoleon überfallen worden war und von dessen stehendem Heer unterdrückt wurde, müsse sich verteidigen können. Aber was er mit seinen Turnplätzen etablierte, war das Gegenteil des »Kadavergehorsams«, der noch zu Zeiten Friedrich des Großen herrschte.

Sportvereine sind die »Pioniere der Demokratie«, schreiben Sie in Ihrem Buch*.
Genau. Es gab keinen Direktor, Kardinal oder General, man hat demokratisch einen Vorturner gewählt, der Hilfestellung gab.

Warum finden sich in Hamburg bis heute so viele Sportvereine?
Gehen wir noch mal einen Schritt zurück: Die Turnerbewegung war das eine, was zu den Sportvereinen geführt hat. Unter Turnen verstand man alles, was wir heute als Fitness-, Outdoor- und Gesundheitssport bezeichnen würden. Das zweite Element kam aus England und nannte sich »sports«. Man wettete auf die Sieger beim Rugby, Hockey, Tennis, Badminton oder Football. Aus diesem Gedanken des strikt geregelten »Wett-Kampfs« entstand der Leistungssport. In England hatten sich innerhalb des gehobenen Bürgertums hierfür Clubs gebildet. Und durch die Hanse und die Nähe zu England ist eine extrem dichte Vereinskultur vor allem in Hamburg entstanden. Erst nach dem zweiten Weltkrieg haben sich in Deutschland das »Turnen« als Breitensport und »Sports« als Spitzensport zusammengeschoben.

Seit 2001 stagnieren die Mitgliederzahlen der Sportvereine. Wie auch Parteien und Gewerkschaften stehen sie vor demografischen Herausforderungen. Wird es ein Vereinssterben geben?
Womöglich, wenn Vereine an starren Mustern festhalten. Im selben Zeitraum gab es eine Verdrei- bis Vervierfachung der Mitglieder bei Angeboten wie Fitnessstudios, Bewegungshallen für Kinder, Yogastudios, Bootcamps.

Die Menschen machen so viel Sport wie nie zuvor.
Ja, das ist beeindruckend. Aber als Soziologe sehe ich natürlich die Gesamtzahl: Acht Millionen Deutsche sind in kommerziellen Fitnessstudios, aber eben noch immer dreimal so viele Menschen in Sportvereinen. Der Sportverein ist noch immer hochattraktiv, vor allem in den Dörfern und Kleinstädten. Er ist für Kinder und Jugendliche die erste Anlaufstelle. Und es gibt auch eine stark wachsende Zahl an Senioren, die wieder Wettkampfsport betreiben...Wir haben hunderte Mannschaften beim Hockey oder Basketball und Leichtathletik von über 60-Jährigen, die 30 Jahre lang nicht mehr auf einem Feld gestanden sind.

Hat sich nicht einfach der Zeitgeist verändert? Sport wird zunehmend vereinzelt ausgeübt, mit Jogging-Licht nachts oder mit der Yoga-Matte vor dem Fernseher?
Ja, absolut. Ich mache das immer mit einem Bild der Umkleidekabine deutlich: Der Team- und Breitensportler verbringt die »dritte Halbzeit« unter der Gemeinschaftsdusche, dort erzählt man sich alles, trinkt später ein Bier zusammen. Der Fitnesssportler duscht am liebsten alleine in einer Kabine, um sich dann auch noch zu stylen. Und die Gesundheitssportler....

... also die Yoga, Pilates und Gymnastik-Leute...
... kommen in Sportkleidung, gehen wieder in Sportkleidung und duschen zuhause. Der moderne Verein muss heute versuchen, nicht nur zu hoffen, dass die Breitensportler und Mannschaftssportler zurückkehren, er muss alle drei Sportler-Typen ansprechen, verstärkt den zweiten und dritten Typus.

Der Soziologe Hans-Jürgen Schulke

Foto: privat

Wie sieht das Vereinsleben in einer typischen Biografie heute aus?
Es fängt immer noch mit dem Eltern-Kindturnen an, geht dann weiter mit dem Kleinkind- bzw. Kinderturnen bis zum 4.,5.,6, Lebensjahr, dann kommen mit Schwimmen oder Fußball die ersten Vorläufer für eine Spezialisierung, die dann etwa ab neun Jahren passiert.

Wann wenden die Leute sich ab?
In dem Moment, wo sie merken, der Sport ist zu zeitaufwändig, verletzungsanfällig oder – und das ist der Hauptgrund – er ist zu sehr sozial diskriminierend...

Was meinen sie mit »sozial diskriminierend«?
...wenn sie z.B. in einer Mannschaft nur selten mitspielen, weil sie nicht so talentiert sind, dann haben sie mit 14,15,16 Jahren keine Lust mehr. Mädchen etwas früher als Jungs.

Haben die Sportvereine es verpasst, den Wert von Sport in der Gemeinschaft zu vermitteln?
Vielleicht. Aber das Pendel wird auch wieder in die andere Richtung schwingen, da bin ich sicher. Es wird auch wieder Menschen geben, die sagen, ist ja ganz schön mit meinem Wearable auf dem Wohnzimmerteppich, aber mir fehlt die Gemeinschaft. Die Vereine wiederum müssen besser darauf achten, offen zu bleiben für alle, so wie einst auf dem Turnplatz vor 200 Jahren.

Was müssen Sportvereine tun, um für die Millenials wieder attraktiv zu werden?
Sie müssen ihre Vereinskultur überdenken und ja, sie müssen sich stärker als sozialer Dienstleister sehen. Vieles passt nicht mehr zu den heutigen Bedürfnissen der Leute. Endlose und inhaltsleere Mitgliederversammlungen mit ritualisierten »Ehrungen« schrecken ab... Aber es gibt viele Vereine, die wandlungsfähig sind, die aktive und kreative Vorstände und Trainer haben. Die sind digital gut aufgestellt, bieten Apps und Wearables mit an für neue Angebote, bauen eine Kletterwand in die Halle. Die bieten Zumba an, vier Wochen nachdem es nach Deutschland gekommen ist. Der MTV München gehört dazu, die TG Bornheim in Frankfurt, ASC Göttingen, Eimsbüttler TV u.v.a....

Können Vereine mit ihrer Ausstattung und ihren finanziellen Möglichkeiten überhaupt mit kommerziellen Anbietern wie McFit mithalten?
Wenn die Sportvereine versuchen, zu chicen Wellness-Oasen zu werden, das werden sie nicht schaffen, aber Fitness zu einem vernünftigen Preis anzubieten plus die Möglichkeit, auch am Rest des Vereinslebens teilzunehmen, an anderen Sportarten oder an Vereinsfesten, das ist realistisch. Der Hamburger Verein »Sportspaß« macht das gut, mit 72 000 Mitgliedern ist das der aktuell größte Breitensportverein bei uns.

Sportvereine sind Integrationsbeschleuniger. Wie werden die vielen Flüchtlinge die Vereinslandschaft in Deutschland verändern?
Sehr, es wird viel Zulauf geben. Es war immer schon selbstverständlich, dass in Sportvereinen Menschen aufgenommen werden, die das Vereinsmodell vorher nicht kannten. Russische Spätaussiedler haben das Boxen, Gewichtheben und Ringen geprägt. Im Tischtennis haben Chinesen eine sportliche Heimat gefunden. Beim Tanzen und Sportgymnastik viele aus Ex-Soviet-Republiken....

... jetzt gibt es einen Cricketboom durch die vielen Afghanen und Pakistaner, die neu nach Deutschland gekommen sind.
Ja, und da sieht man, wie bereichernd das für ein Land ist! Die Willkommenskultur war in den Vereinen immer schon selbstverständlich. Die größte Integrationskraft hat der Fußball, das ist eine Weltsprache geworden. Der DFB hat vor einem Dreivierteljahr eine Broschüre erstellt, wie man ohne große Bürokratie die Flüchtlinge schnell in die Vereine integrieren kann. Das war vorbildlich. Ein Selbstverständnis des Vereinslebens ist, dass man keinen ausgrenzt oder auslacht, sondern dass man sich gegenseitig hilft. Das zeigte sich immer schon, wenn Frauen ganz selbstverständlich Kuchen für den Spieltag gebacken haben oder die Männer die schweren Geräte aufgebaut haben, und in der Flüchtlingskrise zeigte es sich auch. Da wurde auf kurzen Wegen den Elektrotechniker aus der Mannschaft kontaktiert, wenn es darum ging, ein paar Leitungen zu legen, damit Flüchtlinge in der Turnhalle untergebracht werden können. Aber diese solidarische Geisteshaltung ist natürlich in Gefahr, je mehr die Menschen Sportvereine als anonyme Dienstleister sehen.

* Als Vereine in Bewegung kamen. Eine faszinierende Zeitreise durch den Sport. Hrsg. von Hans-Jürgen Schulke, Verlag Die Werkstatt 2016

Fotos: Plainpicture / Annie Engel; privat