Drecksgeschäft

Weil es mehr Mastvieh als Ackerfläche gibt, erlebt Deutschland einen Gülle-Überschuss. Damit die hiesigen Bauern das Grundwasser nicht verseuchen, müssen Sie den Tierkot exportieren. Nur wohin?

Was soll er sagen? 27 Jahre macht Egon Harms diese Arbeit, sein ganzes Berufsleben hat er gekämpft. Und wenn er nun auf das Ergebnis schaut, auf diese Kurve auf seinem Computer, ist das einfach bitter. Wie lange, fragt sich Egon Harms, geht das noch gut?

Er fährt mit dem Zeigefinger diese Kurve entlang. Sie zeigt die Nitratbelastung an einer seiner Messstationen. Die Kurve durchläuft ein Tal. Ja, eine Weile hatte er Hoffnung, die jahrelange Arbeit schien zu fruchten: Im Wasser war weniger von diesem krebserregenden Salz, dem Nitrat. Doch es war nicht von Dauer, am Ende sind alle Maßnahmen gescheitert. »Wir sind wieder genau dort angekommen, wo wir angefangen haben«. Harms Arbeitgeber, ein Wasserversorger, beliefert Haushalte von Vechta bis an die Nordsee, von Cloppenburg bis Oldenburg. Harms ist verantwortlich für die Wasserqualität. Und will er Tag erklären, was ihn dabei am meisten beschäftigt, kommt er schnell auf das Thema Gülle.

10,5 Millionen Schweine leben in Niedersachsen, 2,6 Millionen Rinder und mehr als hundert Millionen Puten und Hühner. Geboren, gemästet, geschlachtet. Und obwohl die Tiere nicht lange leben, hinterlassen sie etwas Bleibendes: Kot. 200 Milliarden Kilo Gülle landen in Deutschland jedes Jahr als Dünger auf den Feldern. Das ist mehr, als der Konzern Coca-Cola im selben Zeitraum weltweit an Getränken verkauft.

Über Jahrhunderte nutzten die Landwirte ihre Gülle als Dünger. Es war der bäuerliche Kreislauf. Doch in den vergangenen Jahren wurden es immer mehr Tiere. Und den Landwirten ging der Platz aus: Es gibt nicht mehr genug Ackerfläche für die Gülle. Es wird überdüngt, Nitrate sickern ins Grundwasser, gelangen in Flüsse, Seen und Meere. Jahr für Jahr eine Million Tonnen in der Ostsee. Ein Umweltdesaster.

Dabei hat die EU eine Grenze gesetzt. Nicht mehr als 50 Milligramm Nitrat pro Liter darf im Grundwasser sein. Doch die deutsche Politik sabotiert das. Die Lobby der Bauern ist groß, die Nitratwerte sind zuweilen um das Fünffache erhöht. Nun hat die EU Deutschland verklagt. Und Niedersachsen genau im Blick. Die Gülle muss weg. Harms darf also hoffen. Nur: Wohin damit? Und was richtet sie an anderer Stelle an? Etwa in Sachsen-Anhalt, wo seit einiger Zeit Tankwagen ankommen - zum Entsetzen vieler Anwohner. Eine Reise zu den Gewinnern und Verlierern eines stinkenden Geschäfts.

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Elender Haufen

Deutschland ist Europas zweitgrößter Wassersünder. Schuld ist die Gülle. Weil viele Bauern nicht mehr wissen, wohin damit, hat sich ein regelrechtes Gülle-Business entwickelt - mit bösen Folgen.

Foto: dpa