Die Gewissensfrage

»Mein Bruder war kürzlich mit seinem Freund in meinem Lieblingsrestaurant, einem Türken in Berlin-Kreuzberg. Die beiden wurden von den Kellnern beim Turteln beobachtet, daraufhin zunächst nicht bedient und dann sogar des Lokals verwiesen. Für mich ist nach diesem Vorfall klar, dass ich in einem Restaurant mit schwulenfeindlichem Personal nicht mehr essen will. Ich habe auch all meinen Freunden verboten, dieses Lokal zu besuchen. Ist das in Ordnung?« Marlies B., Berlin

Natürlich können Sie jederzeit ein Lokal meiden, weil Ihnen etwas nicht passt, und auch Ihre Freunde dazu auffordern. Schwierig an Ihrem kleinen Privatboykott – der hoffentlich erst nach einem klärenden Gespräch beschlossen wurde – ist aber, dass Sie damit etwas Ähnliches machen wie die Kellner: Sie wollen mit Leuten nichts zu tun haben, die sich anders verhalten, als es Ihren Vorstellungen entspricht. Im Prinzip fordern Sie Toleranz von den Kellnern, die wohl Homosexualität ablehnen, sind aber nicht bereit, deren intolerante Einstellung selbst zu tolerieren.

Damit wäre man beim »Paradoxon der Toleranz«, wie es der englische Philosoph Karl Popper 1945 nannte. Er meinte, wenn man absolut tolerant sei, also auch gegenüber Intoleranten, würde die Toleranz unterliegen und vernichtet. Deshalb dürfe man Intoleranz nicht tolerieren. Das scheint mir jedoch problematisch. »Die Moral ist weder ein Handel noch ein Spiegel«, schreibt der französische Philosoph André Comte-Sponville in diesem Zusammenhang. Was zu tolerieren ist und was nicht, bemisst sich nach dem Inhalt, nicht danach, wie es vertreten wird.

Und das führt zum Punkt: Auch wenn ein Restaurant privat ist, hat es eine gewisse Öffentlichkeit. Stellen Sie sich vor, man würde sich dort weigern, Farbige oder bestimmte Religionsgruppen zu bedienen: Das würde man zu Recht als skandalös empfinden. Unabhängig von der Frage, inwieweit man Intoleranz tolerieren muss, ist die Diskriminierung von Menschengruppen nicht tolerabel. Man müsste auch kein Vereinslokal des Ku-Klux-Klan dulden.

Meistgelesen diese Woche:

Die ethisch-politische Grundeinstellung einer Gesellschaft ist nicht vollkommen neutral. Ethik ist kein Notar, der sich vor der Ziehung vom ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgerätes und der 49 Kugeln überzeugt hat und das Ergebnis protokolliert. Sie enthält Festlegungen, wie ein richtiges und gutes Zusammenleben aussieht. Und zur Grundfestlegung der Gleichwertigkeit und Freiheit des Menschen passt nicht, Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung zu diskriminieren; genauso wenig wie es dazu passen würde, das wegen Geschlecht, Hautfarbe oder Religion zu tun.

Der Aufruf an Ihre Freunde, das Lokal zu boykottieren, ist deshalb gerechtfertigt. Aber nicht weil die Angestellten dort selbst intolerant sind, sondern weil sie mit ihrem Verhalten moralische Grundprinzipien unserer Gesellschaft negieren. Die aber darf und sollte man verteidigen.

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Literatur zum Thema:

André Comte Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben – Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg 1998, dort das Kapitel 13: Toleranz

Jürgen Habermas, Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat, Kommentar in: Charles Taylor, Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009

John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1979, dort § 35 Toleranz gegenüber der Intoleranz

Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, zitiert nach: Karl R. Popper, Lesebuch (hrsg. von David Miller) Mohr Siebeck /UTB 2. Auflage 1997, dort S. 430f. (Fußnote 4 zu S. 313)

Grundlegend zur Toleranz:

Rainer Forst, Toleranz im Konflikt, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003

Rainer Forst (Hrsg.), Toleranz – Philosophische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis einer umstrittenen Tugend, Campus Verlag Frankfurt/Main 2000

John Locke, Ein Brief über Toleranz, Englisch-Deutsche Ausgabe, Felix Meiner Verlag Hamburg 1996

llustration: Marc Herold

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