Lass dich täuschen

Einige Städte testen eine 3D-Optik, die Autofahrer durch lebensgroße Bilder vom Rasen abhalten soll. Wie effektiv ist diese Schocktherapie wirklich?


Das Problem:
Mehr als 3000 Menschen verunglücken jedes Jahr tödlich im deutschen Straßenverkehr, davon fast ein Zehntel Fußgänger
Die Lösung: Fata Morgana in Farbe
Effektiv: Reduziert Raser um 15 Prozent

Zack! Wie aus dem Nichts taucht das spielende Mädchen vor der Windschutzscheibe auf – blonder Pferdeschwanz, blauweiß gestreifter Sweater, es jagt einem rosa Ball über die Straße hinterher. Was für ein Schock! Sofort zuckt der Fuß vom Gaspedal.

Das Mädchen heißt »Pavement Patty« und ist im kanadischen Vancouver zu Hause. Die Stadt hat sie lebensgroß in 3D-Optik nahe einer Schule auf den Asphalt gemalt, um notorische Raser dazu zu bewegen, langsamer zu fahren.

Viele Städte wissen sich nicht mehr anders zu helfen als mit so einer Schocktherapie. In Delhi etwa sieht es seit vergangenem Jahr auf 20 Straßen so aus, als blockierten kniehohe Betonklötze die Fahrbahn. Auch das ist nur eine optische Täuschung, es handelt sich um 3D-Zebrastreifen, aber nach Angaben der indischen Polizei fahren die Verkehrsteilnehmer durch diesen simplen Trick 15 Prozent langsamer. Ähnliche Projekte gibt es im amerikanischen Oklahoma, im österreichischen Linz, in mehreren Städten in China und Island sowie in London. Dort malte die Polizei erhöhte Bremshügel auf den Asphalt, obwohl die Straße flach ist, sogenannte »2D-Kissen«. Die Street Art kostet einen Bruchteil der echten Tempohöcker. Und in Ontario versucht die Stadt mit riesigen aufgemalten Schlaglöchern den dringenden Impuls zu fördern, sofort vom Gas zu gehen.

Pavement Patty from Allen Forbes on Vimeo.Normale Zebrastreifen funktionieren nämlich nicht: Nur gut fünf Prozent der Autofahrer halten für Fußgänger am Zebrastreifen und nur 15 Prozent drosseln das Tempo - zumindest wenn man einer schwedischen Studie glaubt, aber vermutlich ist es in Deutschland nicht viel anders. Während Raser die »Bitte langsam!«-Schilder einfach ignorieren, reagieren sie instinktiv auf die vermeintlichen Hindernisse, die sich ihnen unvermittelt in den Weg zu stellen scheinen.

Unmittelbar nach dem Aufmalen der 3D-Elemente ist der Effekt am größten, dann gewöhnen sich Autofahrer allmählich an die Illusion. Aber die oben genannten Zahlen wurden neun bis zwölf Monate nach der Installation gemessen; der Effekt hält also durchaus etwas an an. Die Kunst ist, die Fata Morgana so auf die Straße zu pinseln, dass sie schnell genug auftaucht, um den Schockeffekt zu bewirken, aber sanft genug, dass niemand so abrupt auf die Bremse tritt, dass es gefährlich wird.

Der ADAC sieht den 3D-Effekt positiv. »Alles, was die Aufmerksamkeit erhöht, ist gut für die Verkehrssicherheit«, sagt eine Sprecherin vom ADAC Niedersachsen und bemängelt bloß, dass der Effekt nur aus einer Richtung funktioniert. Der größte Nachteil: Fußgänger bleiben jetzt öfter mitten auf der Straße stehen, um Selfies mit der Street Art zu schießen. Auch bei Regen oder Schnee wirken die Trickbilder schlecht. Auch mehrere deutsche Städte erwägen mittlerweile, die Kunst-Streifen einzuführen, aber ein entsprechender Antrag der Grünen scheiterte gerade in Braunschweig.

Wer die Street Art in der eigenen Stadt noch nicht hat, kann sich übrigens selbst in eine Illusion verwandeln: Die Britin Emily Brooke hat ein Laserlicht für Radfahrer entworfen, das die Silhouette des Rads sechs Meter nach vorne projiziert, damit die Autofahrer aufmerksam werden: »Blaze«.  In London fahren inzwischen mehr als 12.000 Fahrräder mit ihrem erleuchteten Doppelgänger durch die Straßen und werden deshalb nicht mehr im toten Winkel übersehen.

Also: Wir sollten uns öfter mal was vorgaukeln lassen.

Foto: DPA

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