Folge 7: Vierzig Jobs und immer angeeckt

Das Zusammenspiel aus ADHS und Autismus macht es für Sascha schwer, sich im Arbeitsleben zurechtzufinden. Dabei hat er wertvolle Talente: Er erkennt Fehler in Sekundenschnelle und hat Ehrgeiz beim Steigern von Akkordstückzahlen – zum Missfallen seiner Kollegen.

Illustration: Paula Bulling

2012

Ein Donnerstag im Januar, gegen Mittag. Sascha hatte Dienst im Getränkemarkt, in dem er zu dieser Zeit arbeitete. Tanja war zuhause, auf einmal klingelte ihr Handy, es war ihr Mann. »Kannst du mal vorbeikommen und mir einen Kaffee bringen?«, bat er sie. Tanja wunderte sich, direkt gegenüber vom Supermarkt war doch ein Café. Aber Sascha bestand darauf, so inständig, dass sie nachgab. Als sie mit einem Pappbecher in der Hand den Supermarkt betrat, fand sie Sascha zuerst nicht. Doch dann entdeckte sie ihn. Er stand zwischen den Bierkisten und weinte. Mit Tränen in den Augen sah er sie an und sagte: »Ich komm nicht mehr klar, ich kann das nicht.«

Es war nicht das erste Mal in seinem Berufsleben, dass Sascha überfordert war. Nicht vom Job selbst, nicht von den Aufgaben, vielmehr von den Umständen, von den sozialen Anforderungen, von den Kollegen.

Sascha ist gelernter Tischler, merkte nach seiner Ausbildung jedoch rasch, dass dieser Beruf nicht der richtige für ihn war. Wie viele Menschen mit Autismus reagiert Sascha extrem empfindlich auf sensorische Reize: Mehl, Staub, Schnee oder auch Sägespäne. Das sind Dinge, die ihn ebenso nervös machen wie Stimmengewirr, grelles Licht oder starke Gerüche. Erst beim Wehrdienst nach der Ausbildung fühlte er sich wohl. Es gab Pünktlichkeit, Ordnung, Struktur bei der Bundeswehr – alles, was einem Autisten das Leben leichter macht. Alles, was Sascha vermisste, als er wieder entlassen wurde.

Er jobbte zunächst in einer Disco, arbeitete sich zum stellvertretenden Betriebsleiter hoch, fing in einer Tankstelle an, wurde dort 2005, kurz nachdem er Tanja kennengelernt hatte, Opfer eines Raubüberfalls. Er zog in Tanjas Heimatort, arbeitete als stellvertretender Leiter eines Getränkemarkts, wurde dort unglaublicherweise noch einmal überfallen. Immer wieder fing er neue Jobs an, kündigte – manchmal nach nur einer Woche, manchmal nach ein paar Monaten. Nirgends hielt er es lange aus. Die Kombination aus Autismus, ADHS und Hochbegabung macht es Sascha schwer, sich in der Arbeitswelt einzufügen. Er braucht die kognitive Herausforderung, aber auch körperliche Betätigung, er langweilt sich schnell, fühlt sich oft ungerecht behandelt.

Schließlich landete er in einer Firma, die Glas herstellte, und war in seinem Element: Akkordarbeit! Immer mehr, immer schneller, er trieb die Stückzahlen nach oben.

»Die Firma mochte es, die Kollegen nicht so«, sagt Sascha. Aber es störte ihn nicht, dass er unbeliebt war. Seine Arbeit war makellos, doch irgendwann tauchte er mitten am Tag zuhause bei Tanja auf: »Es ging nicht mehr.« Sascha hatte ein Problem im Ablauf ausfindig gemacht, sich überwunden und den Vorarbeiter um Hilfe gebeten. Der ignorierte Sascha. Und Sascha schmiss kurzerhand hin. »Wenn mangelnde Qualität herauskommt, kann ich nicht arbeiten.«

ADHS und Autismus spielen bei Sascha oft zusammen, verleihen ihm seine Stärken und Schwächen. Der Wettlauf gegen die Uhr spornt Sascha zu Höchstleistungen an. Er ist fixiert auf Details, erkennt Dinge, die andere übersehen. Doch in Konflikten mit Kollegen wurde er entweder zu laut oder zu leise, hatte eine geringe Frustrationsgrenze, fühlte sich schnell übervorteilt und zu wenig anerkannt.

»Gerade im Berufsleben verwandeln sich viele meiner Stärken in katastrophale Schwächen«, stellt Sascha resigniert fest. Auch wenn es wenig aussagekräftige Zahlen zur beruflichen Situation von Menschen mit Autismus gibt, deuten Studien darauf hin, dass international die Beschäftigungsquote von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung bei fünf bis sechs Prozent liegt, mit Asperger-Syndrom oder hochfunktionalem Autismus bei zwanzig bis dreißig Prozent. Doch Sascha wollte arbeiten, unbedingt. Fand eine Stelle als Leiharbeiter in einem Technikunternehmen, wurde betriebsbedingt gekündigt. Fand eine neue Stelle, legte sich mit Kollegen an, kündigte selbst und wechselte wieder. Eine Erwerbsbiografie wie ein Flickenteppich. Seine Beschäftigung im Getränkemarkt sollte die letzte sein, sie endete mit Tränen zwischen den Bierkisten. »Nimm deine Sachen aus dem Spind, das war’s«, sagte Tanja, und: »Mach dir keinen Kopp.«

Sie selbst machte sich allerdings durchaus einen Kopp. Wie sollte es weitergehen? Sie selbst war gelernte Arzthelferin und arbeitete in der Pflege, musste ihre Berufstätigkeit aufgrund der kleinen Kinder immer wieder unterbrechen. Um vier Kinder, zwei davon ebenfalls mit Autismus und hohem Förderbedarf, zu ernähren, brauchte es jedoch zumindest einen in der Familie, der Geld verdiente.

Eine verrückt normale Familie: Mutter Tanja, Vater Sascha. Er fand mit 33 Jahren heraus, Autismus zu haben. Luis, 11 (ganz links), gilt als vom Autismus schwer betroffen, bei Hannah, 10 (vorne links), ist das Syndrom etwas schwächer ausgeprägt. James, 6 (vorne Mitte), hat ADHS. Jennifer, 17 (vorne rechts), ist Tanjas Tochter aus einer früheren Beziehung und, wie sie, »neurotypisch«.

Illustration: Paula Bulling

Seit seiner Diagnose im Jahr 2011 war Sascha zwei Mal stationär in der Psychiatrie gewesen, eine Zeitlang krankgeschrieben und nun wurde er, nach dem beinah vierzigsten Job in seinem Leben, als erwerbsunfähig eingestuft.

Bis er jedoch eine Erwerbsunfähigkeitsrente erhalten konnte, bekam er monatlich ein Überbrückungsgeld, das er beim Arbeitsamt beantragen musste. Auch aufstockende Leistungen mussten immer wieder beim Arbeitsamt beantragt werden. Und dort ereignete sich, an einem Freitag Ende August, die nächste unheilvolle Episode.

Sascha war pünktlich zu seinem Termin da, zog seine Wartenummer – und wartete. Die Menschen, die mit ihm warteten, wurden aufgerufen, neue kamen und gingen. Sascha wartete. Bis er irgendwann keine Lust mehr hatte. Bis ihm der Kragen platzte, wie so oft. Bis er vor Zorn überschäumend den Stapel an Formularen nahm, die er ordentlich ausgefüllt mitgebracht hatte, mit langen, wütenden Schritten zur Pforte raste, dem verdutzten Pförtner den Stapel Papiere hinknallte und ihn anzischte: »Ich geh jetzt! Ich bin doch nicht bescheuert. Ich bin doch nicht angewiesen auf euer Scheiß-Geld.«

Er fuhr nach Hause und erzählte seiner Frau Tanja empört, was vorgefallen war. Die hörte geduldig zu, nickte an den richtigen Stellen und sagte dann vorsichtig: »Schatz, morgen ist der Monatserste. Wenn du das heute nicht klärst, haben wir morgen kein Geld.«

»Er hat in der falschen Wartezone gewartet, stellte sich hinterher heraus«, sagt Tanja.

»Ich dachte, die wollen mich für blöd verkaufen, dass ich nicht drankomme«, sagt Sascha.

»Er fragt eben auch nicht mal nach, warum er nicht aufgerufen wird«, sagt Tanja.

»An der Pforte hieß es nur, ich hätte keinen Termin«, sagt Sascha. »Bumm! Bei sowas werde ich stinkig.«

Und wenn Sascha stinkig ist, wird es brenzlig, das weiß Tanja. Also fuhr sie direkt nochmal mit ihm zusammen zum Amt.

»Die Sachbearbeiterin war gleich so von oben herab«, sagt Tanja.

»›Sie waren ja nicht da‹, hieß es«, sagt Sascha. »Und: ›Heute passiert hier gar nichts mehr.‹«

Zum zweiten Mal am diesem Tag Bittsteller beim Arbeitsamt spielen? Zum zweiten Mal ohne Erfolg? Nachhause gehen und einen Monat lang die Familie knapsen lassen? Sascha sah rot. Er riss seinen Antrag vom Schreibtisch der Frau herunter und brüllte wieder: »Mir reicht’s. Wir gehen jetzt!«

Doch bevor die B.s sich umdrehen konnten, standen drei Männer vor ihnen. Mitarbeiter, die Sascha hinauseskortieren wollten. Sascha bewegte sich schimpfend auf die Tür zu, da packte ihn einer der Männer an der Schulter. Und Sascha reagierte instinktiv.

»Das geht einfach nicht«, sagt Tanja. »Wenn er so in Rage ist, dürfte selbst ich ihn nicht anpacken.«

»Ich hab ihn nicht geschubst, ich hab ihn nur von mir weggedrückt«, sagt Sascha. »Dann hab ich denen noch mein Portemonnaie und mein teures Feuerzeug vor die Füße geknallt.«

»Im Weggehen hat er gerufen: ›Behinderte sind für euch nur eine Last!‹«, sagt Tanja.

»Ich hab gerufen: ›Ihr wärt froh, wenn ihr alle Behinderten in die Gaskammer schicken könntet‹«, sagt Sascha.

»Und der hat geantwortet: ›Ja, dann hätten wir weniger Arbeit‹«, sagt Tanja.

Eine Woche später flatterte eine Anzeige ins Haus. Gegen Sascha B., wegen Körperverletzung. Er hätte den Mann an die Wand gedrückt und der hätte sich dabei den Arm verstaucht, hieß es.

Tanja schrieb einen mehrseitigen Brief ans Amt, in dem sie erklärte, wieso es für Sascha Körperverletzung ist, wenn er im Moment solch überschäumender Wut von einem Fremden angefasst wird. Doch es half nichts: Sascha bekam zwei Jahre Hausverbot beim Arbeitsamt.

Um die Bürokratie unkomplizierter zu gestalten, wurde Tanja 2012 Saschas rechtliche Betreuerin. Wie immer stand sie zwischen den Stühlen: Auf der einen Seite kennt und versteht sie ihren Mann. Auf der anderen Seite weiß sie, dass sein Verhalten auf Außenstehende rabiat wirkt, dass er Grenzen oft überschreitet. Und wie immer ist letztlich sie diejenige, die alle Arbeit, alle Gänge erledigen muss, die Sascha selbst nicht erledigen kann.

Als Sascha auf Medikamente mit Depressionen und mehrfachen Suizidversuchen reagierte, war der Betreuerstatus auch wichtig, damit Tanja dafür sorgen konnte, dass er ins Krankenhaus kam, dass sie sofort die Polizei rufen konnte, wenn er mal wieder verschwunden war. Inzwischen gilt die Betreuung nur noch für Gesundheitsfürsorge und Behördengänge.

»Er ruht sich schon sehr darauf aus«, sagt Tanja.

»Ich komm nicht gut klar mit Ämtern und so«, sagt Sascha.

»Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht mehr alleine schaffe«, sagt Tanja.

»Neulich war ich zum ersten Mal bei einem Gespräch mit dem Bankberater dabei«, sagt Sascha. »War okay.«

2018

Heute erhält Sascha eine Erwerbsunfähigkeitsrente und ist Hausmann – was gut klappt, solange alles nach Plan läuft. Ob ein Tag gut oder schlecht wird, hängt davon ab, ob Tanja es schafft, den Tagesablauf einzuhalten, davon, ob keine Änderungen dazwischenkommen, alle Busfahrer, Therapeuten, Ärzte pünktlich sind, ob kein Lehrer krank wird und von einem Unbekannten vertreten wird, ob jeder Teller in der Spülmaschine am richtigen Ort einsortiert ist.

Sascha, Luis, 11 Jahre alt, und Hannah, 10 Jahre alt, haben Autismus. Tanja, Jennifer, 17 Jahre alt, und James, 6 Jahre alt, nicht. Aber der Alltag richtet sich nach den Bedürfnissen der Familienmitglieder mit Autismus. Tanja hat häufig Frühdienst. Dann weckt Sascha die Kinder und macht sie fertig für Schule und Kindergarten – in guten Phasen. Immer wieder gibt es aber auch Zeiten, in denen alles über ihn hineinstürzt, er überfordert ist und nicht einmal für sich selbst, geschweige denn für seine vier Kinder sorgen kann. In diesen Zeiten muss Tanja ran. Muss seine Pflichten übernehmen, muss die Kinder von ihm fernhalten, muss ihren Mann manchmal sogar daran erinnern, sich zu rasieren.

Eine Zeitlang halfen in der Wohnung Piktogramme an den Küchenwänden, um den Tagesablauf zu strukturieren: Aufstehen, duschen, auf Toilette gehen, Kindergarten, Therapien, spielen, draußen spielen, Besuch bekommen, essen, trinken, entspannen … Alles, was Kinder so machen, wurde penibel als Symbol dargestellt. Die Bildchen wurden mithilfe eines Klettbands in verschiedene Reihenfolgen gebracht. Mit farbigen Smileys durften alle Kinder anzeigen, wie ihre Stimmung war. Bei Luis stand das Barometer meist auf Rot: schlechte Laune. Irgendwann wollte Tanja das rote Zornesgesicht nicht mehr sehen und schaffte die Piktogramme ab.

Wenn Tanja mittags heimkommt, geht der Therapiemarathon los: Verhaltenstherapien, Ergotherapien, Arzttermine. Die meisten Termine nehmen sie alle zusammen wahr, erklären die Pflicht zum Familienausflug.

Manchmal erwischt sich Tanja dabei, dass sie einen Plan nicht einhält. Weil sie erschöpft ist, weil die Zeit knapp ist, weil sie manchmal einfach keine Lust mehr hat, die Kinder nach einem langen Tag auch noch zu baden – obwohl das so auf dem Programm steht. Luis erinnert sie dann dran, ihr rutscht heraus: »Ach, das machen wir morgen.« Doch Luis besteht darauf. Und auch Sascha lässt nicht locker. Plan ist Plan.

»Wir brauchen unsere Routine, die Kinder und ich«, sagt Sascha. »Vor allem morgens.« Wenn Tanja vormittags frei hat, wird ihr Mann nervös. »Das ist ganz, ganz schlimm für mich«, erklärt er. »Da komm ich mit meinen Aufgaben ganz durcheinander.« Normalerweise räumt er sofort alle Tassen weg, weil er es nicht mag, wenn die herumstehen. Wenn Tanja später noch einen Tee trinkt, holt sie wieder eine Tasse heraus, das ärgert ihn. Oder die Sache mit der Wäsche: Wäschewaschen ist Saschas Aufgabe, aber manchmal legt Tanja einfach einen benutzten Pulli in die Waschmaschine. »Dann mach ich gar nichts mehr«, sagt Sascha. »Das wird alles so unlogisch, mein System funktioniert nicht mehr und es fängt an, in mir an zu brodeln.«

Ansonsten erledigt er seine Aufgaben als Hausmann gewissenhaft, in Team-Arbeit mit Tanja. Es stört ihn, dass er nicht mehr arbeiten kann. In der ersten Zeit fühlte er sich oft wertlos, verfiel in alte Depressionen. Inzwischen hat sich seine Rolle in der Familie gefestigt. Nur zwei Dinge im Haushalt gibt es, von denen er lieber die Finger lässt: Staubwischen und Backen. Denn Mehl und Staub – das geht immer noch nicht.

Ab und zu versucht Tanja, das Thema Autismus im Alltag beiseite zu schieben. Das klappt nie. Schnell merkt sie wieder: Es geht allen besser, wenn der Autismus das Zentrum des Familiengeschehens ist. Wenn alles andere sich darauf fokussiert, danach richtet, wenn sich alle den autistischen Bedürfnissen anpassen. Auch die Nicht-Autisten der Familie. Die Hälfte der Familie hat Autismus, die andere Hälfte der Familie hat keinen. Damit steht es drei gegen drei. Oder eher: drei für drei.

Tanja, Jennifer und James sind das Leben mit Autismus gewohnt. Alle anderen in ihrem Umfeld, in ihrer Familie, in ihrem Freundeskreis, nicht. Aber kann eine Familie, die zu fünfzig Prozent aus Mitgliedern mit Autismus besteht, überhaupt echte Freundschaften aufbauen und pflegen? Und was passiert, wenn Sascha loszieht, um Kumpels zu finden – in einem Fußballverein?

Folge 1: Wenn dir dein Kind ein Rätsel ist
Folge 2: »Macke oder Manie? Egal, dieser Mann ist mein Retter«
Folge 3: Tanja und Sascha: Die Geschichte einer besonderen Beziehung
Folge 4: »Ich habe ein paar Tabletten zuviel genommen« – Als Autismus für Familie B. zum Albtraum wurde
Folge 5: »Wir sitzen im Wohnzimmer und schicken uns WhatsApp« – Familienalltag mit Autismus
Folge 6: Kämpfen bis zur Selbstaufgabe – Als Tanja nicht mehr konnte und Sascha über sich hinauswuchs
Folge 7: Vierzig Jobs, immer angeeckt - Sascha und das Arbeitsleben
Folge 8: Wir und die anderen – So reagieren Freunde und Nachbarn