Folge 6: Kämpfen bis zur Selbstaufgabe

Die meisten Aufgaben des Familienlebens hängen an Tanja – und irgendwann konnte sie nicht mehr. Doch dann wuchs Sascha plötzlich über sich hinaus.

Illustration: Paula Bulling

Ein klassisches Klischee über Menschen mit Autismus lautet, sie hätten keine Gefühle. Tanja weiß, dass das nicht stimmt. Dass Saschas Gefühle oft sogar intensiver sind als die von anderen Menschen, dass es ihm schwerfällt, sie einzuordnen, sie zu kanalisieren, sie zu verstehen. Dass er deshalb seinen Emotionen oft ungefiltert freien Lauf lässt – und anderer Menschen Gefühle gar nicht erst wahrnehmen kann. Dass es deshalb so schwierig für ihn ist, Tanja auf dieselbe Weise zu stützen und zu unterstützen, wie sie ihn und die Kinder stützt. Zehn Jahre lang gab Tanja alles für ihre Familie. Bis es nicht mehr ging.

2015

Tanja arbeitete in der mobilen Pflege, war dafür viel mit dem Auto unterwegs. An einem trüben Novembertag fuhr sie einmal wieder am gelben Schild ihrer Ortsausfahrt vorbei, als sie plötzlich keine Luft mehr bekam. Sie hyperventilierte, das Auto rollte an den Straßenrand. Erst nach Minuten schaffte sie es, sich zu beruhigen. Sie kehrte um und fuhr schnurstracks wieder nach Hause, noch immer überwältigt vom Gefühl, dem Ersticken nahe gewesen zu sein. Ein paar Tage später, wieder am gelben Schild. Wieder stockte Tanja der Atem, ihr Herz raste, ihre Hände wurden nass. Jedes Mal, wenn sie nur versuchte, den Ort zu verlassen, erfasste sie eine Panikattacke. »Ich dachte, jetzt drehe ich durch«, sagt Tanja. Bis ihr klar wurde: Die Panik rührte aus ihrer Angst. Vielleicht eskaliert es genau jetzt daheim. Vielleicht hat Sascha jetzt wieder eine Krise, ist allein mit den Kindern zuhause, vielleicht fliegt zuhause alles in die Luft.

Erst ein paar Tage zuvor war Tanja von der Arbeit nach Hause gekommen und fand ihren Mann heulend mitten im Wohnzimmer stehen. Wie so oft. Er schaute sie an und sagte nur: »Ich weiß nicht, was los ist, ich will das alles nicht.« Von ihren Kindern erfuhr sie, wie viele Tassen an diesem Tag geflogen waren. »Er ist überfordert«, meint Tanja. »Auch wenn er gar nicht überfordert sein müsste, er kann das ja alles – nur manchmal funktioniert es nicht.«

Immer wieder packt Sascha im Zorn seine Taschen, wenn ihm alles zu viel wird. Später packt er sie dann wieder aus. Für Tanja ist das der größte Liebesbeweis: dass er nie geht. Dass er nicht den leichten Weg nimmt, sondern das gemeinsam schaffen will.

Und vieles hat sich ja auch verbessert. In seiner stationären Therapie hat Sascha seit 2012 gelernt, dass andere Menschen auch Gefühle haben. Dass man die nicht immer verstehen muss und trotzdem hinnehmen kann. Was für andere Leute selbstverständlich und geradezu banal erscheint, sind Dinge, die er sich in mühsamen Therapien und anstrengenden Gesprächen erarbeiten muss.

Eine verrückt normale Familie: Mutter Tanja, Vater Sascha. Er fand mit 33 Jahren heraus, Autismus zu haben. Luis, 11 (ganz links), gilt als vom Autismus schwer betroffen, bei Hannah, 10 (vorne links), ist das Syndrom etwas schwächer ausgeprägt. James, 6 (vorne Mitte), hat ADHS. Jennifer, 17 (vorne rechts), ist Tanjas Tochter aus einer früheren Beziehung und, wie sie, »neurotypisch«.

Illustration: Paula Bulling

In theoretischem Unterricht und praktischem Training lernte Sascha in der psychiatrischen Klinik Fähigkeiten wie: Körpersprache zu lesen, Gefühle in Gesichtern zu erkennen, Interesse an Gesprächen zu zeigen, sich zu entschuldigen. Besonders schwer fiel es ihm, zu akzeptieren, dass sowohl er selbst als auch andere Menschen nicht fehlerlos sind. Toleranter zu werden gegenüber menschlichen Schwächen wie Notlügen, Unpünktlichkeit oder Unvermögen. Toleranter zu werden gegenüber sich selbst, seine Selbstkritik nicht bis ins Extrem zu treiben – die in der Vergangenheit oft dazu führte, dass er, wenn er Aufgaben nicht perfekt erledigen konnte, in vollkommener Tatenlosigkeit erstarrte.

Immer noch fällt es ihm schwer, gegen seine persönlichen Grundsätze zu verstoßen, empfindet es als heuchlerisch, Beileid auszudrücken, wenn jemand stirbt, als scheinheilig und geradezu unehrlich, jemandem, den er für dumm oder unsympathisch hält, nicht genau dies ins Gesicht zu sagen.

Tanja sagt, sie ist stolz auf all das, was er in der Therapie gelernt hat. Er habe all dies für sie getan hat, für seine Frau, für seine Kinder.

So, wie Tanja versucht, ihr Bestes für die Familie zu geben, versucht das auch Sascha. Und doch lasten all die bürokratischen Gänge, lastet die große Verantwortung für die sechsköpfige Familie meist auf ihr. Soll Hannah weiterhin am Tanzkurs teilnehmen? Wie viel Taschengeld bekommen die Kinder mit auf die Klassenfahrt? Darf Jennifer am Wochenende bei ihrem Freund schlafen? Wer trifft all diese Entscheidungen?

»Tanja kümmert sich schon drum«, sagt Sascha.

»Ich will mich nicht immer um alles kümmern«, sagt Tanja.

Aber meistens muss sie. Nach Saschas Asperger-Diagnose und seinen Aufenthalten in der Psychiatrie hatte Tanja erst eine Vollmacht, dann die rechtliche Betreuung für Sascha beantragt, eine Art Vormundschaft, die es ihr ermöglichte, in seinem Namen Rechtshandlungen auszuüben. Eine Zeitlang konnte Sascha dadurch nicht mal mehr Geld von der Bank abheben. Er selbst fühlte sich wohl damit, gab die lästige Verantwortung gerne ab. Für Gesundheitsfürsorge und Behördengänge gilt die Betreuung bis heute.

»Du haust ein Loch in die Wand und ich rahme es ein«, singt Pink im Song »Beautiful Trauma«. Genauso sei es mit ihr und Sascha, meint Tanja.

Ihre Angsterkrankung, so vermutet Tanja heute, war Begleiterscheinung eines Burn-out. Ihre Energie war aufgebraucht. Tanja war ständig krank, bekam einen Infekt nach dem anderen, litt unter diffusen Schmerzen. In einer Rheumaklinik wurde Fibromyalgie diagnostiziert, ein Schmerzsyndrom, das auch psychosomatische Ursachen haben kann, sich durch Stress und Erschöpfung oft verschlimmert.

Im Mai 2016 wurde Tanja für mehrere Wochen in eine Schmerzklinik eingewiesen, mit anschließender Reha. Die Wochen alleine zuhause mit den Kindern waren aufreibend für Sascha, zeigten ihm aber auch, dass er es schafft, ohne Tanja zurechtzukommen. Nach seiner Phase der Impulssuizide war es die erste Bewährungsprobe für ihn allein mit den Kindern – er meisterte sie. Er baute einen Kletterturm für die Kinder im Garten, schleppte kiloweise Sand an, den er rundherum verteilte, und schickte seiner Frau jeden Abend Fotos von dem Spieleparadies. Als Tanja wieder daheim war, versuchte sie, ihre Prioritäten ein Stückchen zu verschieben, sich selbst ein wenig wichtiger zu nehmen. Was nicht leicht ist, in einer Familie, in der sich alles um Autismus dreht.

Tanja vermisst es auch nach zwölf Jahren Ehe, von ihrem Mann getröstet zu werden, sein Mitgefühl zu spüren, wenn es ihr schlecht geht. Als ihre Großmutter starb, war das für ihn nicht mehr als ein Fakt: Menschen sterben, das ist eben so. Tanja wünscht sich, dass er sie in solchen Momenten an sich drückt, ihr über die Wange streichelt, wie sie es von ihrer Mutter kennt. Sascha nimmt sie zwar kurz in den Arm, weil er gelernt hat: Das muss jetzt so sein. Doch die Berührung ist funktionell und Tanja fühlt das. Und ist weiterhin allein.

Überhaupt Körperkontakt. Kuscheln, Hand in Hand durch die Gegend laufen. Für andere Paare eine Selbstverständlichkeit, für Tanja und Sascha Zündstoff. Wenn Tanja in der einen Ecke des Sofas sitzt, kommt Sascha und setzt sich in die andere. »Ich möchte, dass du mich jetzt in den Arm nimmst«, sagt Tanja nach einem langen Arbeitstag, »ich brauche das gerade.« Manchmal macht er es, manchmal ist er genervt, verdreht die Augen und Tanja weiß: kein guter Zeitpunkt.

Sie weiß, dass es für Außenstehende schwer ist zu verstehen, wieso sie sich für dieses Leben entschieden hat. »Auf der einen Seite ist die Familie mein Ein und Alles, auf der anderen Seite gehe ich an ihr kaputt«, sagt Tanja. »Ich habe einen Mann, ich habe vier Kinder, und trotzdem bin ich oft einsam.«

Manchmal wünscht sie sich einen ordentlichen Streit, in dem sie mal alles loswerden darf, was sie Sascha immer schon sagen wollte, in dem sie unfair und beleidigend sein darf. Aber nicht mal das geht. Die Fetzen fliegen zwar oft im Hause B., doch Ehekrach, wie bei anderen Paaren, gibt es selten. Die Folgen waren einfach zu drastisch, wenn Tanja früher zurückgeschrien hat. Heute bleibt sie ganz ruhig. »Wie schaffst du das, so gelassen zu bleiben?«, fragen die Freunde fassungslos. Doch Tanja weiß: Wenn sie auch noch ausflippt, dreht Sascha völlig durch.

Tanja liebt die Musik von Pink und einen Song liebt sie ganz besonders: »Beautiful Trauma«. – »Du haust ein Loch in die Wand und ich rahme es ein«, heißt es da. Genauso sei das auch bei ihr und Sascha, meint sie. Sie versucht immer, ihn zu verstehen. Selbst wenn die Situation manchmal derart eskaliert, dass die Polizei einschreitet. Selbst wenn ihr Mann, den Tanja noch niemals physische Gewalt ausüben gesehen hat, auf einmal eine Anzeige am Hals hat – wegen Körperverletzung.

Folge 1: Wenn dir dein Kind ein Rätsel ist
Folge 2: »Macke oder Manie? Egal, dieser Mann ist mein Retter«
Folge 3: Tanja und Sascha: Die Geschichte einer besonderen Beziehung
Folge 4: »Ich habe ein paar Tabletten zuviel genommen« – Als Autismus für Familie B. zum Albtraum wurde
Folge 5: »Wir sitzen im Wohnzimmer und schicken uns WhatsApp« – Familienalltag mit Autismus
Folge 6: Kämpfen bis zur Selbstaufgabe – Als Tanja nicht mehr konnte und Sascha über sich hinauswuchs
Folge 7: Vierzig Jobs, immer angeeckt - Sascha und das Arbeitsleben
Folge 8: Wir und die anderen – So reagieren Freunde und Nachbarn

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