»Ich hafte für meine Figuren«

Große Kunst oder bloße Provokation? Der TV-Macher Christian Ulmen lässt absurde Gestalten auf echte Menschen los, schaut zu, was passiert - und tritt allen auf die Füße. Ein Gespräch.

SZ-Magazin: Herr Ulmen, mal spielen Sie den minderbemittelten Moderator Uwe Wöllner, mal einen herablassenden Aristokratenschnösel, peinlich für alle Beteiligten wird es immer. Scham, Heiterkeit, Wut – welches Gefühl wollen Sie beim Zuschauer eigentlich auslösen?
Christian Ulmen: Darüber denke ich nicht viel nach, die Unberechenbarkeit der Situation macht ja ihren Reiz aus. Ich habe schon in den Neunzigerjahren bei MTV mit peinlichen Situationen gespielt. Einmal bin ich in einem Hühnchenkostüm an einen Imbissstand und habe Königsberger Klopse bestellt. Der Verkäufer war so überfordert, dass er mir eine ins Gesicht gezimmert hat.

Hat’s wehgetan?
Erst im zweiten Moment. Mein erster Gedanke war: Hoffentlich hatten die das im Bild. Ich kann mich an einen Sketch erinnern, über den wir uns damals wahnsinnig viele Gedanken gemacht haben: Ein offensichtlich spastisch gelähmter Mann im Rollstuhl fährt zu einem Passanten und flüstert ihm was ins Ohr. Daraufhin haut der ihm eine runter.

Dürfte Ihnen viele empörte Zuschriften eingebracht haben.
Keine einzige! Der Film ist einfach versandet, vielleicht weil es damals noch kein Youtube und Facebook gab.

Christian Ulmen, Stefan Raab, Joko und Klaas, Simon Gosejohann – das Fernsehen ist voller Typen, die anderen Leuten Fallen stellen. Warum haben wir so ein Bedürfnis, andere doof aussehen zu lassen?
Moment, da muss man dringend differenzieren. Wenn Karsten van Ryssen älteren Damen das Mikro vor die Nase hält und fragt, ob man Schaschlik legalisieren sollte – was sich wie Haschisch anhört –, und die überrumpelten Rentnerinnen sagen »Nein« und stehen da wie Volldeppen, dann ist das was anderes, als wenn Gosejohann mit einem riesigen Plastikpenis in der Radlerhose am Strand entlanggeht und filmen lässt, wie die Leute schauen.

Wo ist der Unterschied?
Bei Gosejohann wird keiner manipuliert oder in eine Situation gepresst. Die Leute können reagieren oder nicht – genau das mache ich auch seit Jahren. Fallenstellen lehne ich ab, also wenn Menschen in Situationen gebracht werden, in denen sie nur verlieren können.

Zum Beispiel?
Es gab mal einen Film mit versteckter Kamera bei Verstehen Sie Spaß?, in dem ein angeblicher Scheich einen Bodyguard suchte. Einem Bewerber wurde im Vorstellungsgespräch suggeriert, er habe beste Aussichten auf den Job. Letzte Hürde: Der Bodyguard müsse ein Eunuch sein. Am Ende hat sich der Mann tatsächlich auf einen Gynäkologenstuhl gesetzt, um sich kastrieren zu lassen, weil er den Job so dringend gebraucht hat. Das war äußerst demütigend, aber so was wird als legitimer Samstagabend-Ulk einer traditionsreichen Familienshow hingenommen. Das ist wenig fein und in seiner Vorhersehbarkeit stinklangweilig. Würde ich nie machen.

Führen Sie privat gern Situationen herbei, die den Rahmen sprengen?

Heute nicht mehr, aber in der Pubertät habe ich viel Blödsinn gemacht. Ich bin in einem sehr bürgerlichen Milieu groß geworden. Meiner Mutter war es wichtig, dass die Nachbarn gut über uns denken. Und immer wenn sie die leeren Flaschen in den Vorgarten getragen hat, habe ich laut gerufen: »Mama, trink nicht so viel, Alkohol löst keine Probleme.«

Wie reagieren Sie, wenn Sie selbst Opfer solcher Sprüche sind?
Ich kann das genießen. Entspricht ja meinem Humorverständnis. Und mir sind Dinge schnell peinlich.

Aber Sie sind doch ein schlagfertiger Mensch. Sie können sich wehren.

Wenn ich merke, jetzt kommt gleich ein Witz auf meine Kosten, kann ich mich wappnen, klar, aber das meine ich nicht. Mir ist es zum Beispiel unfassbar unangenehm, wenn ich nach dem Essen feststelle, dass ich dem Kellner zu wenig Trinkgeld gegeben habe. So was kann mich den ganzen Abend beschäftigen. Da hilft auch Schlagfertigkeit nicht.

Bringen Sie gern Situationen zum Kippen, in denen sich alle einig sind, zum Beispiel bei einem Abendessen unter Fernsehleuten?
Nein, finde ich langweilig. Hätte ich früher gemacht, heute bleibe ich lieber gleich zu Hause. Aber ich gebe zu, dass ich es spannend finde, in diese ewige Gleichheit des deutschen Fernsehens reinzuscheißen.

Das versuchen Sie auch mit Ihrer Show Who Wants To Fuck My Girlfriend?, die seit Februar bei Tele 5 läuft. Wir fassen zusammen: Sie spielen einen verhaltensauffälligen Moderator und haben Paare zu Gast, bei denen jeweils ein junger Mann seine Freundin ins Rennen schickt. Die Frauen konkurrieren dann in Spielen darum, wer von fremden Männern heftiger angegafft und angebaggert wird.
Ja, dieses Format stammt aus dem Hirn des fiktiven Uwe Wöllner, der nur Sendungen wie Big Diet und Sommermädchen kennt. Es geht um einen unmoralischen Wettkampf, aber die Show ist ehrlich, unverblümt, spielt mit offenen Karten und sexistischen Klischees. Der Bachelor oder Germany’s Next Topmodel müssten eigentlich Who Wants To Fuck … heißen, das ist genau das Gleiche, nur anders verpackt. Wir nennen das Ganze halt beim Namen.

Das klingt jetzt aber sehr moralisch.
Wenn Sie meinen. Mich interessiert einfach diese Bilder- und Formatflut, der Typen wie Uwe Wöllner jeden Tag ausgesetzt sind. Der Stern löst eine Sexismusdebatte aus, bringt aber auf jedem zweiten Cover eine nackte Frau zum Thema Depression. Das ist doch seltsam. Oder kennen Sie Das Model und der Freak? Diese Show ist menschenverachtend! Die Freaks sind doch spannende und eigenwillige Menschen. Und dann kommt eine Art Model und sagt denen, wie sie sein müssen, damit sie endlich eine Frau kriegen. Am Ende haben alle die gleiche Frisur und ein buntes T-Shirt. Sie werden uniformiert.

Sie moderieren Who Wants To Fuck …
Falsch! Uwe Wöllner moderiert, ich will damit nichts zu tun haben.

Okay, Sie moderieren die Show als Uwe Wöllner.
Nein. Ich moderiere seit zehn Jahren nicht mehr. Ich erzähle lieber Geschichten über verschrobene Figuren wie Uwe. Das mache ich, indem ich sie spiele. Und Uwe Wöllner moderiert eben diese Show.

Warum nicht Christian Ulmen?
Aus dem gleichen Grund, warum sich Otfried Preußler für seine Geschichten den Räuber Hotzenplotz ausgedacht hat: weil er besser passt.

Sie tun so, als gäbe es ihn wirklich!
Natürlich. Das ist doch die Idee von Fiktion: Fantasie real erscheinen zu lassen. Das geht nur, indem man die Figuren ernst nimmt. Ich setze sie in die Welt, um zu beobachten, wie die Wirklichkeit auf sie reagiert.

Tut es Ihnen gut, ab und zu Uwe Wöllner zu sein?

Wenn ich jetzt Ja sage, hauen Sie mir das um die Ohren.

Nein, sagen Sie ruhig.
Also: Ja. Als Uwe habe ich den Vorteil, dass ich nicht nachdenken muss. Der darf alles sagen. Das ist natürlich befreiend. Trotzdem muss ich ihn steuern. Die Figuren können die Schamgrenze ja nur deshalb überschreiten, weil ich sie genau kenne.


»Ich finde nichts mehr peinlich, weil Uwe es nicht peinlich findet.«

Christian Ulmen mit siner Frau Collien Ulmen-Fernandez (Foto: dapd)
Aber wie halten Sie diese unendlich peinlichen Situationen aus?
Ich halte sie ja nicht aus. Schauen Sie, als Uwe trage ich eine zu große, schwere Jeansjacke, eine falsche Zahnleiste, eine fettige Brille. Kaum habe ich das an, ändert sich meine Körperhaltung, auch meine Sprache. So kann ich in die Logik dieser Figur hineinschlüpfen und finde nichts mehr peinlich, weil Uwe es nicht peinlich findet.

Geht es Ihnen auch darum, mal ohne Konsequenzen ein anderes Leben auszuprobieren?
Nein. Denn ich hafte für meine Figuren. Wenn ich mir im Schneideraum anschaue, was ich gemacht habe, schäme ich mich genauso wie der Zuschauer.

Sie haben mal gesagt, durch Ihre Arbeitsweise, die Konfrontation der Wirklichkeit mit fiktiven Figuren, werde etwas offengelegt. Was denn?
Das weiß man vorher nicht, aber hin und wieder wird eben was offengelegt, eine Verlogenheit, eine Doppelmoral. Wenn der von mir gespielte Fips-Asmussen-Verschnitt Knut Hansen in den Bayerischen Wald fährt und mit dem Bürgermeister was trinken geht, dann ist das die Versuchsanordnung: Der Knut ist so kumpelig, mit dem redet man vertrauter als wenn da ein Journalist von der Süddeutschen Zeitung säße. Und dann kommt eben raus, dass der Bürgermeister eine Kasse hat, mit der er leer stehende Wohnungen bezahlt, damit keine Türken einziehen, oder dass er total froh ist, dass es in Bayern keine Prostitution gibt, aber dann erzählt, dass die Nutten hinter der tschechischen Grenze nur 30 Euro die Stunde kosten. Knut hat das aufgedeckt, das wäre Ihnen nicht gelungen.

Also eine investigative Leistung?
Nein, ich möchte nichts aufdecken in einem journalistischen Sinn. Mein Plan ist viel naiver, ich will rausgehen, was machen und schauen, was rauskommt. Ich will definitiv nicht Menschen bloßstellen, nicht mal die, die sich falsch verhalten.

Viele Frauen empfinden Who Wants To Fuck … als frauenfeindlich.
Ist es aber nicht. Die Frauen behalten ihre Würde, die spielen ein Spiel und haben Spaß daran, Männer an ihrem simplen Trieb zu packen. Wenn überhaupt, sind es die Männer, die ihr Gesicht verlieren, weil sie so primitiv auf die Angebote der Frauen reagieren. Aber natürlich kann man eine lange Diskussion darüber führen, ob Satire mit Sexismus arbeiten darf.

Was ist mit Leuten, die nicht verstehen, dass es sich um Satire handelt?
 Die dürfen nicht zum gemeinsamen Nenner einer ganzen Fernsehkultur werden. Der Grund, warum das Fernsehen immer langweiliger wird, ist doch, weil überall Bedenkenträger sitzen und sagen, oh, das könnte man falsch verstehen, und hier könnten wir jemanden erschrecken, und da regt sich die katholische Frauengruppe auf. Am Ende gibt es hundert Sendungen mit Jörg Pilawa.

Wie kann man das verhindern?
Indem man erkennt, dass es gut ist, wenn sich die katholische Frauengruppe aufregt. Wer hätte sonst von ihr gehört? Indem man zugunsten einer Debatte in Kauf nimmt, dass es Leute gibt, die einen falsch verstehen. Man muss das Risiko eingehen, dass sich vielleicht jemand bestätigt fühlt, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, während man allen anderen etwas per Überhöhung sagen will. Die Alternative ist die Abschaffung der Satire als Ausdrucksform.

Ihre Frau Collien Ulmen-Fernandes hat sich mit erotischen Fotos lange als Fernsehschönheit inszeniert. Sie könnte sich von Ihnen über Bande kritisiert fühlen.
Was wir an uns gegenseitig so kritisieren oder nicht, breite ich nicht öffentlich aus. Sie müssen sich aber um uns keine Sorgen machen. Wie bei allen anderen gesunden Ehen spielen unsere Jobs im Familienalltag kaum eine Rolle. Und Familie ist privat. Ich habe mal versucht, der Bunten ein ironisches Interview über unsere Beziehung zu geben. Hat nicht funktioniert. Wenn man mit dem Boulevard spricht, klingt man immer wie Boris Becker.

Empfinden Sie Männerstolz, wenn Sie neben ihr durch Berlin laufen?
Das würde ja bedeuten, dass ich meine Frau als Statussymbol sehe. Das fände ich frauenverachtend.

Gibt es Grenzen, die Sie in Ihren Filmen nie überschreiten würden?
Ja. Als Knut Hansen sollte ich mal vor einer Gruppe von Rentnern auftreten. »Lauter rüstige Menschen, die ein bisschen Spaß haben wollen«, hat man mir vorher gesagt. Am Ende saßen da Menschen am Tropf, die den Speichel nicht mehr halten konnten. Als ich das gesehen habe, war mir sofort klar: Nein, Knut kann heute keine Witze über alte Menschen reißen.

Sie haben den Auftritt abgesagt?
Nein, ich habe mit den Leuten ihre Lieblingslieder gesungen. Von den Blauen Bergen kommen wir und solche Sachen.

Welche Grenzen setzen Sie anderen im Umgang mit Christian Ulmen?
Ich habe schon Schwierigkeiten bei Umarmungen. In der Filmbranche wird man ja oft von Menschen mit einem Gestus der innigen Freundschaft umarmt, obwohl man sie erst sechs Stunden kennt. Ich mache dann aber trotzdem mit, weil ich konfliktscheu bin.

Kann man bei Ihnen zu Hause spontan klingeln?
Geht so. Wenn ein Freund spontan vor der Tür steht, würde ich denken: »Scheiße, ist jetzt echt schlecht« – und ihn dann reinlassen. Alles andere wäre mir furchtbar peinlich. Wir hatten mal eine Putzfrau, die definitiv geklaut hat. Ich habe mich nie getraut, sie zur Rede zu stellen.

Sie sind nicht nur Unterhalter, sondern auch ein erfolgreicher Geschäftsmann und Arbeitgeber.
Ich ahne es: Sie trauen mir nicht zu, dass ich Mitarbeitern sage, wenn sie was falsch machen. Aber das geht seltsamerweise. Wenn unser Chefautor zum zehnten Mal nachmittags um fünf statt morgens um zehn Uhr kommt, kann ich ganz gefasst sagen: Komm doch mal um zehn. Kriege ich hin. Chef sein, das ist halt die Rolle, die ich hier im Büro spielen muss.

Als Christian Ulmen sieht man Sie kaum noch im Fernsehen. Wäre es Ihnen am liebsten, ganz aus der Öffentlichkeit zu verschwinden?
Am liebsten wäre es mir, wenn die Sachen, die ich mache, für sich stünden. Ohne dass ich, der Darsteller und Produzent, was dazu sagen muss. Es gibt nichts Blöderes, als einen Witz zu erklären.

Vielleicht haben Sie das falsche Medium gewählt. In der Kunst …
Ja! Sauerei! Warum geht das in der Kunst?

Das fragen wir Sie. Jonathan Meese darf überall Hakenkreuze hinmalen.
Eben! Und ist Who Wants To Fuck … nicht genau das? Ich male ein Hakenkreuz und schaue, was passiert? Mir als Fernsehmensch wird sofort Quotengeilheit unterstellt. So was würde man einem Künstler nie vorwerfen.

Warum nicht?
Ich glaube, das hat viel mit dem Klischee vom armen Künstler zu tun. Der muss vier Wochen von einem Stück Brot leben, dem glaubt man, dass er die Kunst nur der Kunst wegen macht, nicht um sich zu bereichern. Mir wird unterstellt, ich wolle ins Gespräch kommen, Aufsehen erregen, reich werden. Ich mache trotzdem gern Fernsehen. Aber man muss diesem Medium auch mal erlauben, mit einem Bein in der Kunst zu stehen. Ich mache eine Fernsehsendung, die soll provozieren. Und das soll Kunst oft auch. Insofern kann man das vergleichen.

Also ist das, was Sie machen, Kunst?
Nein, würde ich nie so sagen. Weil dann jeder sofort denkt: Ach, schau mal an, der Ulmen, der hält sich für einen Künstler.

DER AUSPORBIERER
Christian Ulmen, 37, gilt als einer der schlauesten unter Deutschlands TV-Provokateuren. In den Neunzigerjahren moderierte er bei MTV, ab 2002 arbeitete er vor allem als Schauspieler (»Herr Lehmann«, »Elementarteilchen«, »Maria, ihm schmeckts nicht!«). Heute führt er seine eigene Fernsehfirma und produziert Benjamin von Stuckrad-Barres Late Night Show. Vor allem aber experimentiert er mit verschiedenen Fernsehformaten (»Mein neuer Freund«, »Uwe Wöllner trifft …«, »Who Wants To Fuck My Girlfriend?«), bei denen er in verschiedenen Masken und Rollen Menschen aufs Glatteis führt - zum Teil mit erstaunlichen Ergebnissen.

Foto: Andy Kania c/o brigitta-horvath.com

Fotos: Kania