Gute Vorsätze

Die "guten Vorsätze" zu Silvester sind ein rührendes, verlässlich wiederkehrendes Ritual, eine Art Bleigießen der Biografien.

»Wie man einhält, was man sich zu Neujahr vornimmt«, »Die zehn beliebtesten Vorsätze«: Die Zeitungen von heute sind, wie an jedem Silvestertag, wieder voll mit Umfragen und Psychologen-Interviews dieser Art. Statistiken werden zitiert, die besagen, dass sich der Moment der Selbstbefragung am Ende des Jahres unter den Deutschen weiterhin großer Beliebtheit erfreue. Aber hat das Menschenbild, das dieses Ritual vorgibt, überhaupt etwas mit den tatsächlichen Verhältnissen zu tun? Welche Vorstellung von Biografie erweckt die Rede von den »guten Vorsätzen«?

Sie geht von einer grundsätzlichen Statik und Einheitlichkeit des Lebens aus, von einer Stabilität, die einmal im Jahr, mit der Zäsur des Silvesterabends, infrage gestellt wird. Nach guter Tradition wird an der Schwelle zu einer neuen Zeit Bilanz gezogen, und die immer gleichen Beschlüsse – mit dem Rauchen aufhören, weniger essen – bilden die leisen Korrekturen eines im Ganzen ausgeglichenen Daseins. Es genügt ein Blick auf das Cover einer beliebigen Frauen- oder Fitnesszeitschrift, um die Überkommenheit dieses Modells zu veranschaulichen. Denn die Ambition, ein gesünderer, schönerer, begehrenswerterer Mensch zu werden, ist seit Langem zum dauerhaften Begleiter geworden. Introspektion vollzieht sich nicht im gemächlichen Jahresrhythmus. »Fit in Rekordzeit«, »20 Tipps für den Sex Ihres Lebens«, »Mit Spaß und Genuss zur Traumfigur«: Der Imperativ des »Verändere Dich!« prasselt im Stakkato der Überschriften und Slogans auf die Leser ein.

Wenn es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst geht, ist mittlerweile jeder Tag Silvester. Die Ur-Idee des »Vorsatzes« – ein anderer zu werden – prägt für viele ohnehin die tagtägliche Gestaltung des Lebens. Die Profile in den sozialen Netzwerken, das mit allem Aufwand betriebene Design einer aufregenden, Tag für Tag erweiterten Existenz: Jenes statische Konzept von Identität, das die Kategorie »Vorsatz« kannte, hat sich in ein bewegliches und dynamisches verwandelt. Glücklich kann nur der sein, der unaufhörlich daran arbeitet, ein anderer zu werden.

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Womöglich hat das Beharren auf den »guten Vorsätzen« zu Silvester längst eine ganz andere Bedeutung. Sie sind ein rührendes, verlässlich wiederkehrendes Ritual, eine Art Bleigießen der Biografien, das am Abend darauf wieder in Vergessenheit geraten ist.

Die wahre Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben beginnt dann wieder am 2. Januar und dauert das ganze Jahr über an. Insofern sind die Vorsätze an Silvester nichts weniger als der Versuch, das eigene Leben tatsächlich zu ändern. Sie wirken eher wie eine Erholungsmaßnahme, ein Sprachspiel – einer der wenigen Momente im Jahr, in dem man ganz derselbe bleiben darf.
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Die Rubrik 50 Zeilen wird von drei Autoren abwechselnd geschrieben. Auf Andreas Bernard folgt nächste Woche Tobias Kniebe, danach Georg Diez.

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