Im Wald, im Holzhaus (9)

Der Schriftsteller Michael Krüger begann die Therapie gegen eine Leukämie gerade, als das Coronavirus sich verbreitete. Für das SZ-Magazin schreibt er Gedichte aus der Quarantäne. Folge 9: Die Wanderung der Ameisen.

Foto: Andreas Nestl

Ich habe den Tisch in den Garten gestellt,
zwischen die beiden Nussbäume, die so trocken sind,
dass die kleineren Äste abbrechen, wenn die verrückten Meisen
an ihnen ihre Turnübungen machen. Und plötzlich
sind auch die Ameisen wieder da, sowohl die kleinen roten,
die wie besoffen über die Tischplatte torkeln auf der Suche
nach dem richtigen Weg, als auch die größeren schwarzen,
die wie stolze Nomaden verharren und in die Weite schauen,
bevor sie ihre Wanderung fortsetzen, unbeeindruckt davon,
ob die Epoche des Menschen zu Ende geht.

Als Kind sollte ich immer Der Kampf um Rom lesen,
aber ich zog den Goten Die Seele der weißen Ameise vor,
und wenn ich schon von Untergängen lesen wollte,
dann sollten es Die weißen Götter von Stucken sein.
Wenn ich über die Wiese schaue, über das friedliche Heer
von gelbem Löwenzahn, kann ich mir nicht vorstellen,
dass außer mir selber irgendetwas zerfällt.

Nach wie vor führen doch die Sterne genauer in die Irre
als alle politischen Theorien zusammen,
und der dekadente Wunsch, Unsterblichkeit zu erlangen,
indem wir zu einem Bündel von Informationen schrumpfen,
das künstlich am Leben erhalten werden kann,
ist doch lächerlich im Vergleich zu der Arbeit der Ameisen
und ihren unterirdischen Reichen, in denen es gesitteter zugeht
als auf dem Land. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das
soll als normale Flaschenpost die Menschheit erreichen.

Aber ich brauche ein Meer, sonst kann ich die Menschheit
nicht retten.