Konsens-Brühe

Mit der orange-braunen Karotten-Ingwer-Suppe ist es wie mit der schwarz-gelben Regierung: Erst denkt man, da kommt mal was aufregend Neues und jetzt kriegt sie keiner mehr weg.

Das genaue Datum ist nicht bekannt, aber irgendwann muss die Karotten-Ingwer-Suppe ihren ersten großen Auftritt hingelegt haben. Es folgte ein hundertfacher Recall, sie verfeinerte sich, beseitigte Ecken und Kanten und hat es jetzt also endlich geschafft: Sie ist ein Popstar! Sie wird angehimmelt und geliebt. Sie ist voll da. Genau wie braune Autos plötzlich da sind oder Schuhe mit Keilabsätzen. Man findet sie geballt in den gentrifizierten Kreativvierteln, in jenen rosa gestrichenen Cafés, wo handgepflückte Blumen auf den Tischen stehen und eine Schultafel davor, auf der mit lieblicher Kreideaufschrift zu lesen ist: »Heute frisch: hausgemachte Karotten-Ingwer-Suppe.«

Gentrifizierung, so nennen es die Soziologen, wenn ein Schmuddel- zum Szeneviertel wird, wenn erst Schwule und Künstler kommen und abgenudelte Hallen zu Ateliers erklären, weil der Wohnraum billig ist. Dann folgen ein paar Bars und Plattenläden, und plötzlich wollen alle hierher, die Mädchen mit den schrägen Ponys, die in ihren Modeboutiquen Röcke mit Blumenmustern aus Knöpfen besticken, junge Familien mit der kleinen Sophie und dem süßen Constantin, die Kaffeeläden, die Geschäfte, in denen Bionade und handgeschmierte Dinkelstullen verkauft werden. Wenn dann noch ein paar Stuttgarter mit Laptops in der Sonne sitzen, ist der Prozess abgeschlossen. Dann sind aus den Hallen Townhouses, Lofthouses oder Penthouses geworden. Und überhaupt nicht mehr billig.

Wie kein anderes Lebensmittel spiegelt die Karotten-Ingwer-Suppe diesen Prozess wider. In ihr steckt so viel Zeitgeist wie in kaum einer anderen Mahlzeit dieser Tage. Unsere immer größer werdende Sehnsucht nach dem Traditionellen, dem Guten, dem Handgemachten bündelt sich in der Karotte, diesem ehrlichen Landlust-Gemüse, das in feucht-dunkler Erde vorzugsweise bei rotgesichtigen Bauern in der Umgebung wächst. Bestenfalls hat der Bauer die Karotte persönlich aus der Erde geholt, Schweißperlen auf der Stirn, die karierten Hemdsärmel hochgekrempelt, so stellt man sich das vor – ach, würde es doch noch Pferdewagen geben, die das Gemüse vom Dorf in die Stadt fahren!

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Unsere Suche aber nach der Ferne, nach Asien, dem Neuen, der Entdeckung, der Weitsicht, dem Pfiff zeigt sich in der Ingwerwurzel, diesem Symbol der Yoga-Generation (Erkältung? Wird in oben beschriebenen Straßenzügen nur noch mit Ingwerwurzel bekämpft!). Dazu sieht sie auch noch aus wie von einem Berliner Art Director entworfen, könnte mit ihrer zickig perlmuttweiß-schillernden Oberfläche glatt als Kunstobjekt durchgehen – im Gegensatz zu der brav sich nach unten verjüngenden, schlicht orangefarbenen Karotte. Und immer noch haftet ihr etwas Geheimnisvolles, Verwegenes an, weil eigentlich keiner so genau weiß, wie sie eigentlich wächst.

Karotte und Ingwer zusammen, die Bodenständige und die Exzentrische, ergeben dann ein Gericht, das nicht nur dem Wunsch nach gesundem, am besten noch biologisch-organischem Essen entspricht – nein, sogar die derzeit wachsende Jonathan-Safran Foer-Gemeinde, deren Leitspruch »Also ich kann echt kein Fleisch mehr essen: Ich ekle mich richtig davor!« lautet, schreibt diese Suppe gern auf ihren Speiseplan. Wenn das mal kein Super-Suppen-Konzept ist! Als ob ein Marketingmensch die Suppe erfunden hätte, für alle Lohas dieser Welt, perfekt abgestimmt auf alle Loha-Bedürfnisse. Natürlich freut es den Loha auch, dass die Suppe nur wenig Kalorien hat und auch noch schnell und einfach zuzubereiten ist. Und würde am Ende nicht ganz so viel Ingwer in der Suppe stecken, könnte sie sogar noch als Babynahrung durchgehen. Damit wäre sie das Allround-Produkt schlechthin. Zumindest sieht sie schon mal so aus wie Babystampf.

Schon ist ihr Siegeszug nicht mehr aufzuhalten, so wie einst die Mozzarella-Tomaten-Paarung nicht mehr kleinzukriegen war. Ernährung ist immer auch Ausdruck kultureller Sozialisation, Indikator für Veränderungen, Messlatte gesellschaftlicher Entwicklung. Deswegen wundert sich auch niemand darüber, dass die Karotten-Ingwer-Suppe immer öfter auftaucht, zum Beispiel in unserer Kantine, im Verlag dieser Zeitung, der im gänzlich ungentrifizierten Berg am Laim liegt. Oder im Zugrestaurant, im Supermarktregal, im Schnellimbiss, im RTL-Promi-Kochduell. Die Karotten-Ingwer-Suppe hat sich auf den Weg gemacht, die große Modesuppe unserer Zeit zu werden. Und so, wie sich unsere Generation über die Käseigel der Sechzigerjahre gewundert hat, werden uns eines Tages unsere Kinder fragen, was es mit dieser orangefarbenen Pampe auf sich hatte. Dann antworten wir: Tradition und Moderne, Heimat und Globalisierung, das Alte und das Neue, das Milde und das Feurige, ein komplettes Zeitgefühl in einem Suppentopf. So waren sie eben, unsere Wurzeln.

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