»In manchen Museen hängt nur Baumarkt«

Werner Murrer ist einer der besten Rahmenmacher Deutschlands - ein Gespräch über die hochkomplizierte Kunst, alten Meistern die richtige Fassung zu verpassen.

München-Thalkirchen, ein puristischer Bau in einem Hinterhof eines bürgerlichen Wohnviertels. Laufkundschaft verirrt sich hierher nur selten. Werner Murrer, 52, führt durch seine Werkstatt. Oben wird montiert. Unten wird geschreinert. Es riecht nach Holzstaub. Hin und wieder zischt es, das ist eine Mitarbeiterin, die mit einer Druckluftpistole letzte Staubkörnchen aus einem Rahmen bläst. Zehn Mitarbeiter hat er, darunter Schreiner, Vergolder, Glaser, Holzbildhauer und Kunsthistoriker. Vor über zwanzig Jahren hat er angefangen, als Autodidakt, jetzt zählt er Gerhard Richter, Georg Baselitz und bedeutende Museen zu seinen Kunden und gilt daneben als weltweit führender Rahmen-Experte für die Zeit des Expressionismus.

SZ-Magazin: Herr Murrer, warum ist der Rahmen für ein Bild so wichtig?
Werner Murrer: Weil ohne den richtigen Rahmen den allermeisten Werken etwas fehlt, was allerdings im Kunstbetrieb noch nicht richtig angekommen ist. Kunsthistoriker interessieren sich für kleinste Details im Bild, aber ob der Rahmen drum herum stimmig oder echt ist, ist ihnen ziemlich egal. Schauen Sie sich die Ausstellungskataloge und Bildbände an, da sind die Werke meistens ohne Rahmen abgebildet. Dabei käme es gerade bei bestimmten Künstlern oder bedeutenden Werken darauf an, auch zu zeigen, wie sie gerahmt sind. Bei Leuten wie Mondrian oder Kirchner zum Beispiel war der Rahmenentwurf eine Einheit mit dem Bild, das kann man gar nicht trennen. Gott sei Dank fängt man langsam an, sich dafür zu interessieren.

Warum jetzt erst, Rahmen gibt es doch, seit es Malerei gibt, oder?
Zumindest lange genug, dass man merken könnte, dass Rahmen nicht nur Beiwerk oder Umrandung sind. Die Ursprünge liegen in der Malerei der Gotik des 12. Jahrhunderts. Zu jener Zeit wurde das Profil um das Bild noch aus der Holztafel entwickelt, auf die gemalt wurde - ein massives Stück Holz, bei dem in der Mitte eine Fläche herausgehobelt wurde für das Bild, der Rahmen blieb stehen. Danach begann man einfache Profile aufs Bild zu nageln. Daraus haben sich im Laufe der Jahrhunderte die vielen Rahmenarten entwickelt.

Was macht einen guten Rahmen aus?
Das hängt immer vom zu rahmenden Bild ab. Aber wichtig ist die Harmonie im Profil des Rahmens, die Proportionen. Ein gutes Profil ist meistens im Goldenen Schnitt. Grundsätzlich sollte ein Rahmen nicht negativ auffallen. Im besten Fall geht der Rahmen eine Verbindung mit dem Bild ein, eine Hochzeit, wie wir sagen. Ein guter Rahmen ist auch handwerklich überzeugend. Dies muss aber nicht heißen, dass er automatisch teuer ist.

Braucht jedes Bild einen Rahmen?
Nein. Es gibt zum Beispiel Werke aus den Siebzigerjahren, als die Malerei sehr ausufernd und wild war, zu denen kein Rahmen passt. Oder Bilder mit starken Keilrahmen, die bewusst ohne Rahmen angelegt wurden, wo die Ränder teilweise mitbemalt sind. Sie finden z. B. bei Gerhard Richter viele Arbeiten, die man nicht unbedingt rahmen muss. Auch die Minimallösung, die Künstlerrandleiste, kann sehr schön sein. Nehmen Sie Arbeiten von Kunststudenten, die noch nicht etabliert sind - da kann der einfache Keilrahmen, auf den die Leinwand gespannt ist, viel stimmiger sein.

Kann der richtige Rahmen auch wertsteigernd sein für das Bild?
Sicher. Ein falscher oder billiger Rahmen zieht das Bild nach unten. Aus diesem Grund machen sich gute Kunsthändler auch auf die Suche nach dem optimalen Rahmen. Für Heinz Berggruen war der Kauf eines Bildes die eine Sache, die Suche nach dem optimalen Rahmen danach das Schwierigste. Ob sich Bieter bei Auktionen vom Rahmen beeinflussen lassen, bezweifle ich. Da zählt nur das Bild.

Sie rahmen hauptsächlich Originalgemälde, ist dieser Markt nicht sehr überschaubar?

Sie glauben gar nicht, wie viele Bilder in Sammlungen und auch in Privatbesitz noch keinen passenden Rahmen gefunden haben. Auch im Museumsbetrieb kommen viele noch in der Kunsthandelsanmutung daher, dort hängt oft nur Baumarkt.

Wie darf man sich das vorstellen?
Wie Fertigleisten. Oder es hängt immer die gleiche Leiste, egal um welches Bild. Ohne Auseinandersetzung mit der Kunst. Wenn Sie zum Beispiel in eine Monet-Ausstellung gehen, werden 99 Prozent der Bilder in Billigkopien von Barockrahmen hängen. Dabei wäre ein geschnitzter französischer Original-Barockrahmen, wie er zu jener Zeit benutzt wurde, viel schöner. Noch besser wäre ein schlichter, weißer Rahmen, wie ihn die Impressionisten selbst für ihre Bilder vorsahen. Die wurden allerdings schon zu deren Lebzeiten in den Salons nicht akzeptiert.

Wie stellt man Patina künstlich her?

Ihr Spezialgebiet ist das Kopieren historischer Rahmen. Warum gibt es eigentlich nur noch so wenige Originale?
Weil man die Bedeutung von Rahmen immer schon unterschätzt hat. Sie landeten oft im Müll oder im Kamin. Bei Feuer oder Krieg hat man die Bilder gerettet, die Rahmen hat man ihrem Schicksal überlassen. Neulich war ich zu Besuch in einem großen Museum, welches, sage ich jetzt nicht, und habe einen Originalrahmen aus dem Müll gezogen und gerettet. Selbst im Stedelijk Museum in Amsterdam sind von van Gogh bemalte Rahmen noch nach dem Krieg verschwunden. Es existiert nur noch ein echtes Exemplar, was ein Jammer ist. Nicht selten wurden die Originalrahmen von den Museen selbst entfernt, weil man eine Einheitsrahmung wollte, wie etwa durch Schinkel in Berlin.

Man würde meinen, so einen echten alten Rahmen wirft man nicht so einfach weg.
Nicht alle Rahmen, vor allem die vom Anfang des 20. Jahrhunderts, sehen auf den ersten Blick wertvoll aus. Das wurde vielen von ihnen zum Verhängnis. Hinzu kommt: Als die Bilder in den Rahmen mit der Zeit immer teurer wurden, wollten die Besitzer plötzlich repräsentativere Rahmen, Echtgoldrahmen statt Bretterrahmen. Deshalb findet man auch eher einen Originalrahmen aus dem Barock als einen der Expressionisten, weil sie von Haus aus mehr Wertschätzung erfahren haben.

Sagen wir mal, ich besitze einen alten Meister und komme damit zu Ihnen. Wo beginnt Ihr Job?
Rahmenstilkunde ist ein ganz heikles Thema, bei dem sich oft nicht mal Kunsthistoriker gescheit auskennen. Ein Rahmen muss ja nicht nur farblich zum Bild passen, so wie man sich zum grünen Sofa einen grünen Teppich kauft. Am Anfang steht natürlich die zeitliche Einordnung. Nur so kann ich den passenden Rahmen der Zeit entsprechend auswählen. Uns geht es um historisch richtige Lösungen, da muss man viel Recherche reinstecken. Also: viel anschauen, viel reisen, viel vergleichen. Wir haben zum Beispiel auf unserem Rechner ein täglich wachsendes Archiv mit Abertausenden von Fotos.

Wie kopiert man einen historischen Rahmen, ohne dass er nach einer Kopie aussieht? Wie stellt man Patina künstlich her?
Das ist der große Trick, das bestgehütete Geheimnis in unserem Geschäft. Nur so viel: Jeder Vergolder kann auf Hochglanz vergolden, aber da fängt es bei unseren Vergoldern erst an. In den Zwanzigerjahren hat man zum Beispiel gar nicht mehr echt vergoldet, da gab es nur noch Gold- und Silberbronze. Finden Sie mal heute einen, der das noch kann! Ernst Ludwig Kirchner wiederum hat seine Rahmen mit den Farben aus dem Bild mitgestrichen oder leichte Lasuren aufgetragen. Das muss man alles wissen. Wir arbeiten mit Tönungen und richtigen Beschädigungen, um die Rahmen künstlich altern zu lassen. Das hat auch etwas Praktisches: Wenn so ein schwerer vergoldeter Holzrahmen beim Transport mal leicht gegen eine Tür stößt, dann ist er eben noch mal drei Jahre älter geworden.

Benutzen Sie auch altes Holz von damals?
Nein, aber wir behandeln es so, dass es aussieht, als wäre es aus jener Zeit. Bei Expressionisten zum Beispiel arbeiten wir genauso wie die Rahmenmacher damals. Es wird nicht gefräst, sondern von Hand gehobelt, so dass es Ausrisse und Unregelmäßigkeiten gibt.

Was war Ihr bislang aufregendster Auftrag?

Die Sixtinische Madonna von Raffael, die dieses Jahr 500 Jahre alt wird und gerade in der Dresdner Gemäldegalerie ausgestellt wird. Ein halbes Jahr lang habe ich dafür recherchiert, nicht nur in Italien, und nach dem originalen Hochaltarrahmen gesucht. Keinerlei Unterlagen waren vorhanden. Auf der Suche nach einer Alternative führte eine heiße Spur sogar nach Amerika, leider vergeblich. Auch Kollegen aus der National Gallery in London waren uns behilflich, die ein ähnliches Projekt mit einem da Vinci hatten. Nach langer intensiver Suche in Rom, im Vatikan und vor allem in Norditalien fand ich die jetzige Rahmenvorlage in Bologna in einer Kirche: ein vergoldeter Renaissance-Tabernakelrahmen mit Pilastern und Schnitzereien aus der Zeit um 1500. Den haben wir dann kopiert.

Historisch fast eine Punktlandung.
In diesem Fall ja. Man muss aber genau hinschauen, denn nicht immer liegt man richtig, wenn man Künstler nur ihrer Epoche zuordnet. Zu einem Picasso passen zum Beispiel am besten spanische Rahmen aus dem 17. Jahrhundert.

Wie kann das sein?
Ganz einfach: Picasso hat selbst diese Rahmen für seine Bilder verwendet und die Wirkung ist auch heute noch überzeugend. Das ist nicht selten. Auch Lenbach in München hat sich historische Rahmen besorgt für seine Bilder. Stimmigkeit heißt also im besten Fall: der Intention des Malers folgen.

Ginge es auch umgekehrt: alter Meister in modernem Rahmen?
Nur in Ausnahmefällen. Letztens habe ich einen Niederländer aus dem 17. Jahrhundert gesehen, der in einer typischen Acrylglaskiste aus den Siebzigerjahren montiert war. Würde man heute nicht mehr machen, hatte aber was. Generell gilt für mich: Bevor ein Bild einen falschen Rahmen bekommt, lieber gar keinen!

Fotos: Martin Fengel

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