Aber bitte mit Sahne

Es bricht ein neues Zeitalter des Kitsches an. Und anscheinend haben Christian Lindner und Robert Habeck damit genauso viel zu tun wie James Bond und Abba.

Kitsch ist wie eine Sahneschicht, die den Alltag überzuckert.

Illustration: Friederike Hantel

Das Leben ist kein Ponyhof, das wurde schon oft mitgeteilt. Es ist auch kein Wunschkonzert. Das Leben ist nämlich eine frisch einge­richtete Ferienwohnung. Oder ein Teebeutel. Eine Ferienwohnung, wo der Deko-Ausstatter in Schreibschrift auf drei Leinwänden übereinander das Gegenwartsmotto »live laugh love« aufgehängt hat. Oder ein Teebeutel, auf dessen Fähnchen ein Sprüchlein steht wie: »Das Fliegen macht den Vogel, nicht die Flügel«. Denn Leben in unserer Gegenwart heißt, im Kitsch zu leben.

Das geht vom kleinen Teebeutel bis in die großen Ereignisse. Allerorts bekommt man merkwürdig überhöhte Emotionen mitgegeben. Eine Mail, die nicht mit »Liebe Grüße« unterschrieben ist, wirkt eigentlich schon schroff. James-Bond-Filme und Superhelden-Spektakel waren früher reines Popcorn-Kino, heute sind es dreistündige Epen über gequälte Seelen. In Drogeriemärkten oder Geschenkboutiquen häufen sich Artikel mit Heilsversprechen oder Glücksmantra; dann steht zum Beispiel »Freiheit, Liebe & Toleranz« auf einer Duschseife namens »Vielfalt«. Eine der erfolgreichsten Fernsehserien der Welt, Squid Game aus Korea, verpackt einfachste Gesellschaftskritik in die blutige Überhöhung nostalgischer Schulhofspiele. FDP und Grüne inszenierten schon die Anfänge ihrer Regierungsbildung mit kitschigen Gesten (niemals hätte Angela Merkel auf Instagram von gefundenen Brücken schwadroniert). Milliardäre liefern sich ein Wettrennen ins All und übertrumpfen einander mit kitschigen Gesten: Sie schießen Astronautenpuppen in Elektroautos in die Umlaufbahn (Elon Musk) oder Captain Kirk aus Raumschiff Enterprise (Jeff Bezos). Mittendrin kehren Abba zurück, auch auf die Couch von Wetten, dass ..?, die sich jahrzehntelang dem Ruf nach neuer Musik verweigerten. Als sei endlich der Zeitpunkt gekommen, um den Popkitsch der späten Siebziger fortzusetzen.

Die Ursprünge der aktuellen Kitsch-Ära liegen eine Weile zurück. Vielleicht war die aufsehen­erregende Hamburger Elbphilharmonie das erste Fanal des neuen Zeitalters: Bei ihrer Eröffnung 2017 war es gar kein Problem, den Stil eines Gebäudes zu feiern, das von außen aussieht wie ein anstrengendes Cocktailglas in einer Achtziger­jahre-Boutique. Oder es war das wiederaufgebaute Berliner Schloss mit seiner Zombie-Zuckerbäcker-Fassade. Beide Bauwerke sind Monumente des Kitsches, weil sie mit protzig sentimentalen Mitteln versuchen, große Gefühle aufzubauen: die Sehnsucht einer zweitgrößten Stadt nach einem Wahrzeichen und einer Weltgeltung, die Sehnsucht einer größten Stadt nach einer Simulation von Vergangenheit. Sie trumpfen auf und heischen nach Effekten und Affekten wie die Akkorde in einer Rockballade. Sie ordnen den Stil der Emotion unter und werden dadurch Kitsch, unübersehbar, epochal.

Das gegenwärtige Kitschozän besteht aus vielen Sprüh­sahnestößen im Alltagsbrei des Banalen

Der Schriftsteller und Kritiker Dietmar Dath hat 2018 in der FAZ Kitsch so erklärt: »Kitsch entsteht in den Künsten immer dann, wenn ein Kunstwerk ein grundsätzliches ästhetisches Problem hat, es aber nicht lösen kann oder will. Kitsch ist die Sahne, die Leute ins Essen schütten, die nicht kochen können, aber glauben, sie könnten den Geschmack mithilfe der Sahne darüber betrügen.« Im traditionellen Kitsch werde »Stimmung gemacht oder eine pathetische Rechtgläubigkeit beschworen«, schreibt Dath. Kitsch rühre »einen Affekt in die Kunst, der von einer Armut, einem ungelösten Verhältnis zwischen Stoff, Thema und Form ablenken soll«.

Also: Der Kräutertee ist bestenfalls mittelmäßig und über­teuert, das ist seine Armut, aber das Etikett mit dem Erbauungsspruch soll davon ablenken und ihn überhöhen. Die Ferienwohnung ist bestenfalls zweckdienlich, schlimmstenfalls banal wie jede andere, aber der Affekt »live laugh love« soll ihre Tristesse verdecken. Die Elbphilharmonie verschleiert durch eine romantisch-maritime Wellen-Silhouette, dass sie ein Subventionskoloss voller Eigentumswohnungen ist.

Das gegenwärtige Kitschozän besteht aus vielen Sprüh­sahnestößen im Alltagsbrei des Banalen: Backshop-Ketten, die sich bundesweit durch Fake-Vintage-Möbel und Speisekarten in Kreidetafel-Optik mit der Emotion des Handgemachten, Authentischen aufdonnern; die sentimental aufgeladene Zweckheirat von Hygge Vibes und Mid-Century-Modern-Abklatsch in neuen Fußgängerzonen-Ketten wie »Søstrene Grene« oder »Flying Tiger Copenhagen«; die Apps von Verkehrsbetrieben, die mit Herzchen, Sepia-Stimmungsfotos oder mundartlichen Begrüßungen sahnig- emotional darüber hinwegtäuschen, dass ihre Dienstleistung mitunter eher unerfreulich ist.

Vielleicht ist diese aufgesetzte Großgefühligkeit einige Jahre lang nicht so aufgefallen, weil von oben die regierende Stilmeis­terin den Deckel der Nüchternheit draufhielt. Immer wenn von Angela Merkel eine Überhöhung erwartet wurde, ein bisschen Körpersprache, die auch von der Zuschauertribüne noch zugewandt aussah, ein bisschen Sprühsahnerhetorik, entzog sie sich. Schon in der Woche nach der Bundestagswahl Ende September aber war klar, dass es vorbei ist mit der Zurückhaltung, was breit gepinselte Emotion angeht. Das von den vier Beteiligten auf ­Instagram geteilte Selfie der grün-gelb Vorsondierenden war eine geschickte, aber eben auch kitschige Geste. Geschickt, weil auf­sehenerregend. Der Kitsch entstand durch die Größe der Geste (vier politische Akteure verbreiten auf ihren persönlichen Kanälen denselben Inhalt, um Einklang zu demonstrieren) und den um etwa elf bis 14 Prozent zu geschwollenen Begleittext: »Auf der Suche nach einer neuen Regierung loten wir Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes aus. Und finden sogar welche. Spannende Zeiten.« Spannend ist das Kitschwort des Jahrzehnts schlechthin, überstrapaziert auf Management-Seminaren, Elternabenden und bei jedem »Projekt«. Der Rest des Zitats suggeriert eine geradezu epische Mission (seit wann werden Regierungen gesucht und nicht gebildet?) von großer Tiefe (ausloten) und tiefer Abgedroschenheit (Brücken als Metapher für Verbindendes). Diese Mischung wird endgültig Kitsch, weil die große Geste mit kleinem Metaphernbeilagensalat gereicht wird (Brücken kann man nicht ausloten).

Ein wenig Kitsch, und schon scheint das Mittelmaß auf einmal etwas ganz Besonderes zu sein

Womöglich wird der Politkitsch größer, je mehr Robert Habeck und Christian Lindner ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Beide sind Kitschmeister in ihrer fotografischen Selbstinszenierung: Lindner mit dem schwarz-weißen BWL-Schmelz nächtlicher Schreibtisch-Sessions im Halbdunkel; Habeck barfuß am Meer wie ein Schlagersänger, der ein Shanty-Album bewirbt. Hin und wieder entsteht durch die aufgesetzt gefühlvolle Selbstdarstellung von Politik ein greller Kontrast zur Wirklichkeit: etwa, als am Wochenende der humanitären Katastrophe in Afghanistan deutsche Politikerinnen und Politiker auf ihren Social-Media-Kanälen Fotos ihrer sonnigen Spaziergänge und Radtouren sowie von ihrem »Eintauchen« in die Welt des Theaters teilten. So etwas passiert einem nicht, wenn man nicht den Drang verspürt, die Grenze zum Kitsch zu überschreiten.

Allerdings gibt es nun Olaf Scholz. Wird er nicht auch in Sachen Kitsch-Abwehr »Merkel 2.0« sein? Ist er in seiner vielbeschriebenen Automatenhaftigkeit nicht das Mittel gegen die Sprühsahne, das es jetzt braucht? Man könnte es meinen, aber mit weichbodenständigen Formulierungen wie »geerdete Politik« und »die Welt ein Stück besser machen« landet Scholz dann doch gar nicht so selten in der Kitsch-Zone – bis schließlich sogar seltsame Mischformen aus Technokraten-Sprech und Romantik-Schmelz entstehen: »Die SPD ist immer eine Partei gewesen, die sich mit dem technologischen Fortschritt verheiratet hat.«

Das Verstörende ist auch, dass der Kitsch heute oft von oben kommt. Eigentlich war Kitsch einmal etwas, womit Subkulturen und Randgruppen sich Geltung und Lebensfreude verschafften. Der Las-Vegas-Entertainer Liberace, ein Urvater des Kitsches, wurde wegen seines Piano-Schmalzes verhöhnt, und er weinte darüber, so sagt es sein berühmtes Zitat, »auf dem ganzen Weg zur Bank«. Abba hatten ihren Ursprung in der provinziellen schwedischen Folkszene der Sechziger, der Mut zum Kitsch erhob sie zu einem weltweiten Phänomen. Die niedliche japanische »Hello Kitty«-Figur wurde gerade deshalb zu einem feministischen Symbol, weil ihr Kitschfaktor derart over the top ist, deutliches Gegenbild einer männlich geprägten Gesellschaft. Ein Designer wie Philippe Starck hat es vor fast zwanzig Jahren mit seinem Plastik-Rokoko-Stuhl geschafft, den Obrigkeitsstil des Feudalismus durch einen Umweg über den Kitsch zu demokratisieren.

All das war, wenn man so will, Kitsch von unten, mit Restnoten von Subversion. Als Gegenentwurf ist Kitsch erträglich oder sogar schön. Als vorherrschende Ästhetik in Politik, Kultur und Backshop aber ist er kaum auszuhalten.