Das Band der Liebe

Kaum etwas war im analogen Zeitalter so berührend wie eine Liebeserklärung per extra aufgenommener Musikkassette. Unserer Autorin gingen die Mixtapes ihres Schulkameraden allerdings viel zu weit.

Foto: Suze/photocase.de

Er war ein Meister der Mixtapes. B. muss Nächte investiert haben. Er blendete die Songs kunstvoll in­einander, er reihte in der schönsten Jungmännerschrift »Artist« und »Title« auf. Manche Kassetten bemalte er. Er gab ihnen jeweils ein Motto. Dann ließ er sie mir per Mittelsmann in der Schule zukommen. Nicht eine – einige.

Ich kannte B. vom Sehen, und ich hatte schon geahnt, da muss was sein, denn wann immer B. in der Nähe war, schien die Sonne wärmer, ich schwebte wie über einen roten Teppich, und es war nicht so, dass mir das nicht behagt hätte.

Die Zeit wäre günstig gewesen für B., ­seine Kassetten und mich. Ich war abklingend in T. verknallt, für den ich mir Interesse für Basketball abrang, aber T. wollte was von J., und J. wollte meine Freundin sein. B. gefiel mir, wie er da immer so stand auf der Haupttreppe der Schule, ins Gespräch vertieft. B. las Zeitung, er war sportlich, ich fand sein Lachen süß. Oft fing ich einen Blick auf. Aber angesprochen hat er mich nicht. Er hat Kassetten aufgenommen.

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Zu der Zeit war mein Musikgeschmack indifferent. Zwischen House und Mozart ging vieles. B.s Element war Hip-Hop-Soul, ausschließlich: In Popmelodien eingeweichter Rap, dessen Rhythmus einem zügig an die Wäsche will. Ich hörte mir jeden Song auf den Kassetten an. Ich hörte sogar auf den Text. Es ging meistens um Herz, Schmerz, Schweigen und um lebenslanges Verlangen.

Das Problem war weniger die Musik. Das Problem war ihre Wucht. Sie manövrierte mich in Bewegungsunfähigkeit. Mit den Mixtapes gab er mir sein Herz in die Hand, und ich trug jetzt die Verantwortung. Aber ich wollte nicht verantwortlich sein für lebens­lange Traurigkeit. Ich wollte niemandem wehtun. Ich war 17 und verträumt und weit davon entfernt, Ähnlichkeit mit einem der Vamps zu entwickeln, die auf MTV zu Hip-Hop-Soul an Wänden entlangstrichen. Aber durch B.s Kassetten war mir, als hätte er sein Hemd aufgerissen und mich an die heiße Brust gepresst.

Es war nun an mir zu reagieren. Nur wie? Nach den Kassetten konnte es kein Herumtänzeln mehr geben. Kein Herantasten, Austesten, bei dem man sich irgendwann in der Mitte trifft. Ein Mixtape ist ein Geständnis, ich wusste, was auf mich zukam. Wie sollte ich auf ihn zugehen? Wie ihn nicht verletzen?

Ich wartete von nun an so lange, bis B. von der Haupttreppe verschwunden war. Erst dann eilte ich in mein Klassenzimmer. Eines Tages überbrachte mir der Mittelsmann ein neues Tape von B. »Hoffnung ist das Einzigste, was niemals stirbt«, hatte B. aufs Inlay geschrieben. Es war seine letzte Kassette an mich.

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