Der Letzte seiner Art

Der Hanser-Chef Michael Krüger hat in seiner jahrzehntelangen Karriere viele Literaturnobelpreisträger verlegt und noch mehr Bestseller. Ende des Jahres verabschiedet er sich in den Ruhestand. Jetzt erzählt er von den ganz großen Begegnungen.

Michael Krügers Büro im Hanser-Verlagsgebäude befindet sich im Münchner Villenviertel Bogenhausen. Vogelgezwitscher weht durch die offenen Fenster herein. Kein Verkehrslärm. Hier, inmitten Tausender Bücher, leitet Michael Krüger sein Imperium, einen der letzten von einem Konzern unabhängigen Verlage Deutschlands. Den mit den vielen Nobelpreisträgern. Krüger ist ein sehr unterhaltsamer Gesprächspartner, wenn er in seinen Fotokisten kramt, aber nie ein lauter. Krüger mag Gedichte. Computer und Handys sind ihm suspekt, er arbeitet am liebsten mit Papier.
Irgendwann bringt ihm seine Assistentin ein Tablett mit einer Brause herein. »Frau Zeller ist der Ansicht, dass ich Eisen brauche.« Dazu steckt er sich eine Marlboro Lights an. Es wird nicht seine letzte sein.


SZ-Magazin: Herr Krüger, was begeistert Sie an Literatur?

Michael Krüger: Dass man mit 26 Buchstaben alles ausdrücken kann, was vorstellbar ist. Milliarden Bücher füllen. Kein anderes System, kein anderes Spiel kann das.

Sie haben 14 Nobelpreisträger im Portfolio von Hanser. Woran erkennt man einen Nobelpreisträger?
Ganz einfach: Man muss Dichter verlegen, die sehr gut sind, die aber kein anderer anfasst wegen der herrschenden Dichterphobie. Auf diese Weise haben wir z. B. Joseph Brodsky, Derek Walcott, Tomas Tranströmer im Programm.

Warum fasst die keiner an?
Weil sie Dichter sind. Aber Dichtung gehört ja doch irgendwie zur Literatur, oder? Mich hat Dichtung immer interessiert, und dann habe ich die, die mich am meisten angesprochen haben, verlegt.

Sie waren oft in Stockholm bei der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an einen Ihrer Autoren. Welche hat Sie am meisten berührt?
Das war vielleicht bei Tomas Tranströmer 2011. Nach der Verleihung gibt es ein Essen, da sitzt in der Mitte an einem Tisch der traurige König mit seinen Kindern, den Staatsträgern und Nobelpreisträgern. Tomas saß neben der Ministerin für Kultur, aber er kann sich ja nicht unterhalten. 1990 hatte er einen Schlaganfall und verlor die Sprache. Er schreibt nur noch wenig, mit einem ausgeklügelten Apparat. Aber er ist geistig voll da. Und er spielt Klavier, mit der linken Hand. Er hat eine berührende CD mit Stücken für die linke Hand aufgenommen. Ich saß hinter ihm, am Tisch des gemeinen Volkes, und habe ihn alle zwei Minuten am Hals gekrault.

Kennen Sie sich schon länger?
Es muss in den Siebzigerjahren gewesen sein, beim Poetry International Festival in Rotterdam. Es gab ein Zimmer zu wenig. Man fragte mich, ob es mir was ausmachen würde, in der ersten Nacht mit einem anderen Mann in einem Zimmer zu schlafen. Da wurde mir Tomas Tranströmer ins Bett gelegt. Ein schmaler, sehr gut aussehender, jungenhafter Mann. Kurze Zeit später habe ich ihn in einem Kolloquium noch mal in Berlin wiedergesehen und dann haben wir angefangen, ihn zu übersetzen. Übrigens war Herta Müller die am besten angezogene Nobelpreisträgerin. Sie hatte es insofern leicht, als die Preisträgerin für Wirtschaft in einer Art Sack erschien.

Wenn Sie ein Manuskript lesen, gibt es dann einen Punkt, an dem Sie denken: Donnerwetter, wenn das mal kein Nobelpreis ist?
Das sind meistens die, die keinen kriegen. Jahrelang haben wir gesagt, Jorge Luis Borges muss jetzt mal den Nobelpreis bekommen, der ist fällig. Oder Italo Calvino. Borges ist fast neunzig geworden – und der Anruf kam nie. Calvino ist vor der Zeit gestorben. Der hätte ihn gekriegt, da bin ich hundertprozentig sicher.

Aber kalkulieren kann man das nicht?
Leider nicht. Allerdings gibt es vage Berechnungen. Zum Beispiel hat noch nie ein gebürtiger Israeli einen Nobelpreis gekriegt. Amos Oz, David Grossmann, weiß Gott großartige Autoren. Dann denkt man schon, der könnte doch mal – wenn Israel dran wäre.

Denkt die Akademie so quotenmäßig?

Vielleicht landkartenmäßig. Es sind ja schon viele Pfunde beim Wettbüro Ladbrokes in London auf Philip Roth gewettet worden. Das wäre für mich ein sehr schöner Abschluss, wenn einer, der viele Romane geschrieben hat, ihn kriegen würde. Denn mit Romanen verdient man Kies, sodass sich der Leihfrack lohnt.

Beklagen sich Ihre Autoren auch manchmal bei Ihnen, dass sie den Preis nie bekommen haben?
Ich glaube, Philip Roth hat sich damit abgefunden. Er sagt, er hat viel Größeres erreicht, weil er mit acht oder neun Bänden in der Library of America vertreten ist, als einer der ganz wenigen lebenden Schriftsteller, neben den toten wie Faulkner oder Mark Twain.

Auch ein ewiger Anwärter auf den Nobelpreis ist Umberto Eco. Mit ihm haben Sie mehr als vierzig Bücher gemacht.

Und er bringt mir zu festlichen Anlässen immer gern eine Krawatte mit. Eco hat ein Landhaus bei San Marino in den Marken, ein aufgelassenes Kloster mit einer alten Kirche, und im Hochsommer sitzt er an seinen Computern, riesigen Computern, in der Kirche, um ihn herum die Bühnenbilder aus Der Name der Rose, und schreibt. In der Badehose – ein nackter Priester des Wortes. Er war einer der Ersten, der vollkommen sicher war mit Computern. Eco ist immer beschäftigt, immer überarbeitet. Aber abends haben wir uns im Fernsehen alte Kriminalfilme angeguckt. Dann liegt der schwere Mann mit seinem Bart im Sessel und will sich nicht mehr intelligent unterhalten.

Von Ihnen heißt es, dass Sie früher Ihre Termine mit Derrick-Sendungen abgestimmt haben.
Der Autor Ludwig Harig und ich, wir wollten mal die sprachliche Struktur im Derrick untersuchen. Wenn einer sagte: »Da läuft ein Hase!«, dann kam garantiert die Frage: »Ein Hase?« Oder: »Ein Mord!« – »Ein Mord?« Uns interessierte der Erfolg: dass ein ganzes Land auf so eine reduzierte sprachliche Form reagierte. Man konnte jeden Satz antizipieren. Haben wir auch gemacht. Da waren wir sehr weit. Ich gucke immer noch gerne alte Tatörter, alte deutsche Krimiserien im Dritten, meist nach elf. Einmal war ich mit Hans Magnus Enzensberger und Peter Rühmkorf in Australien und mache im Hotel den Fernseher an: Was läuft? Derrick!

Auf was sind Sie besonders stolz in Ihren 45 Jahren Hanser?
Aufs Durchhalten. Nicht jeder Autor schreibt ausschließlich Meisterwerke. Man muss Bücher drucken, von denen man weiß, dass sie nur wenige Leser haben werden. Aber man weiß auch, dieser Autor kann noch mehr, und irgendwann fügt sich alles zu einem Werk zusammen. Nicht alles, was Thomas Mann geschrieben hat, ist großartig.

Was war Ihre größte Niederlage als Verleger?
Wenn Bücher, von denen ich denke, dass sie ganz hervorragend sind, nach zwei Jahren vergessen sind. Ich halte zum Beispiel Reinhard Lettau für einen der bedeutendsten deutschsprachigen Erzähler, ein lächelnder Kafka. Vergessen. Und ich bin der Meinung, dass Botho Strauß hunderttausend Leser mehr haben sollte.

»Susan Sontag war sehr intelligent, schnell, herausfordernd, aber auch sehr kompliziert.«

Dafür haben Sie Susan Sontag für den deutschen Markt entdeckt.
Die haben wir sehr gemocht, nicht zuletzt, weil sie sich für europäische Schriftsteller interessierte: Emil Cioran, Elias Canetti, Robert Walser. Ihre Essays über Krankheit als Metapher, über Aids und Krebs werden bleiben, auch ihre Überlegungen zur Fotografie. Ihre Romane sind weniger gelungen. Sie war sehr intelligent, schnell, herausfordernd, aber auch sehr kompliziert. Sie lud einen in die besten Lokale ein, aber bezahlen musste immer ich.

Das stand oft auf Ihrem Terminplan, Essen mit Schriftstellern, oder?
Wenn ich in München bin, esse ich immer im Büro, und wenn jemand kommt, wird das Würstchen geteilt. Das liegt an meiner kleinbürgerlichen Erziehung. Ich kann Verschwendung nicht leiden. Es gibt übrigens auch Autoren, die wunderbar kochen können. Die Pilzgerichte von Peter Handke sind weltberühmt, oder die Suppen von Grass. Man darf nur nicht fragen, was drin ist.

Mit Günter Grass waren Sie mal auf Lesereise im Jemen. Wie kam es dazu?

Eine deutsch-arabische Gesellschaft wollte demonstrieren, dass in Arabien nicht nur islamistische Verschwörer leben. Als wir eintrafen, empfing uns aber erst mal der bleiche deutsche Botschafter mit der Nachricht, dass am Vortag zwei englische Journalisten geköpft worden waren. Wir kamen auch nach Aden, das berühmte Aden, das Paul Nizan beschrieben hat. Ich wollte unbedingt das Haus sehen, in dem Arthur Rimbaud gelebt hatte. Der Taxifahrer hielt vor einer Pension, da stand: »Hotel Rambo«. Und über der Theke hing das schöne Bild von Rimbaud mit den abstehenden Haaren und dem etwas verglasten Blick. Mein Freund, der Schriftsteller Najem Wali, hat einen Mann gefragt, ob das wirklich das Haus des berühmten Dichters Rimbaud sei. Natürlich, sagte der, er tat so, als sei Rimbaud gestern erst ausgezogen.

Sie haben als junger Mann eine Ausbildung zum Buchhändler und -drucker gemacht und durften dann gleich im Londoner Nobelkaufhaus Harrods in der Abteilung für fremdsprachige Literatur arbeiten. Wie kamen Sie an den Job?
Den hat mir ein englischer Freund aus Berlin verschafft, der heute emeritierter Professor für mittelalterliche Mystik ist. Ich wusste nicht, was ich nach der Lehre tun sollte. Ich lebte noch zu Hause, wollte endlich mal weg, raus aus Berlin. Ich zog in ein winziges Zimmer in der Camden High Street, eine unglaubliche Bruchbude. Im Souterrain lebte ein griechischer Schneider, der acht Hosen in der Woche produzierte und mir anbot, später als sein Repräsentant auf dem Kontinent zu arbeiten. Die Hauswirtin im ersten Stock habe ich nie anders als im Unterrock erlebt, Zigarette im Mundwinkel. Der zweite Stock gehörte den Mäusen. Und unter dem Dach neben mir wohnte ein österreichischer Bildhauer, der seine Miete in Form von Liebesdiensten für die Wirtin abarbeitete. Zum Bildhauern ist er nicht viel gekommen. Bei Harrods verdiente ich neun Pfund die Woche, das Zimmer kostete fünf. Ich war sehr arm, aber glücklich.

Stimmt es, dass Sie der Queen ein Buchpaket zusammenstellen durften?
Als wir eröffneten, kam auch »The Librarian of the Queen«. Nelke im Knopfloch. Irre geschniegelt. Dem habe ich Bücher empfohlen, Günter Grass, Uwe Johnson, Peter Weiss. Und ein Buch über romanische Kirchen in Deutschland. Danach hat mir die ganze Abteilung gratuliert, denn normalerweise hat der nur Bücher über Rosenzucht gekauft. Drei Tage später teilte mir mein Chef mit, dass alle Bücher an die Secondhand-Abteilung zurückgegeben worden waren. Der Bibliothekar hatte Katz und Maus von Günter Grass aufgeschlagen und die Szene gelesen, in der ein Bub sich das Eiserne Kreuz um ein bestimmtes Körperteil hängt. Das konnte er unmöglich der Queen empfehlen. Das Buch über die romanischen Kirchen hat die Queen noch heute.

Wie haben Sie das London der Sechzigerjahre empfunden?
Für mich war es eine andere Welt. Ich kam aus dem kleinbürgerlichen Berlin und plötzlich war ich in the Heart of the Empire. Diese Häuser, dieser Reichtum, diese Größe! Meine Freunde dort hatten Verwandte in Burma oder Indien. Diese Weltläufigkeit kannte ich nicht. Einmal war ich mit Elias Canetti am Piccadilly Circus, da standen 50 000 kreischende Mädchen und Jungs, um die Premiere eines Beatles-Films zu sehen. Irgendwann hatten wir uns zum Denkmal in der Mitte vorgekämpft. Taschen und Schuhe flogen durch die Luft. Totale Hysterie. Da fuhr ein schwarzes Auto durch die Masse, hielt an. Türen flogen auf, vier Pilzköpfe stürmten raus und waren nicht mehr zu sehen. Das Ganze dauerte zwei Sekunden. Danach gab es einen markerschütternden kollektiven Schrei der Verzweiflung.

»Erich Frieds Rat: Ganz einfach, du musst zu einer Wahrsagerin gehen, das kannst du ja nicht entscheiden..«

Warum sind Sie nicht in England geblieben?
Meine Aufenthaltserlaubnis war abgelaufen. Die Polizei klopfte an und fragte nach Mr. Krüger. Da hab ich gesagt: Der ist nicht da. Ich hab mein Bündel geschnürt und war noch einige Zeit illegal in London, als Barmann in einem Club in Soho. Es gab ein Problem: Ich hatte zwei Mädchen kennengelernt. Die eine ging nach Paris. Ich wusste nicht, wie ich mich entscheiden sollte: bleiben oder gehen? Da habe ich dem Dichter Erich Fried mein Leid geklagt. Sein Rat: Ganz einfach, du musst zu einer Wahrsagerin gehen, das kannst du ja nicht entscheiden. Sie hat in die Glaskugel geguckt und gesagt: Verlasse das Land.

Zur Zeit der Studentenrevolte waren Sie wieder in Deutschland.
Ja, da hatte ich Glück. Das Programm des Suhrkamp-Verlags und ’68 haben mich entscheidend geprägt. So viel wie damals habe ich nie wieder gelesen. Adorno, Walter Benjamin, Marcuse, Enzensberger, Ingeborg Bachmann. Klaus Wagenbach lud mich ein, den Tintenfisch, ein Jahrbuch für deutsche Gegenwartsliteratur, mit ihm herauszugeben, das haben wir fast zwanzig Jahre lang getan. Und ich fing an, auch selber zu schreiben.

Was denken Sie über den Streit bei Suhrkamp?
Ich kann nur hoffen, dass sich bald ein reicher Mann findet, der den Herrn Barlach auszahlt.

Erinnern Sie sich an diesen Satz aus dem Jahr 1992? »Es ist ja ein unausrottbares Idiotengerücht, dass Literatur entsteht, indem ›schmerzhaft genau beschrieben‹ wird. Das gibt im Resultat höchstens die klassische, sagen wir mal, Hanserverlagsleiterprosa, charakterlos sensibilistisch, kunstvoll, ganz wichtig. Interessiert aber keinen normalen Menschen.«
Das war der Irre. Also der, der Irre geschrieben hat. Rainald Goetz, ja. Ich habe mich damals gefragt, wen er eigentlich mit den normalen Menschen meint. Wollte der kluge Goetz zu ihnen gehören? Tatsächlich hat die Popliteratur in der Literatur fast keine Spuren hinterlassen. Aber unabhängig von solchen Sticheleien ist der Roman Irre von Goetz immer noch hervorragend. Was den Verlag betrifft: Es gibt eine neue Generation von Lektoren auch bei uns; und mein Nachfolger ist zarte 44 Jahre alt.

Geht Hanser die Bindung an die junge Generation ab?
Sagen wir so: Es ist gut, wenn wir uns verjüngen. In meiner Anfangszeit war das anders, da war ich verlegerisch an anderen Künsten interessiert – die moderne Musik, die Kunsttheorie, Film, Theater: Enno Patalas, Werner Herzog, Alexander Kluge, das Theater von Peter Stein. Da gab es von überallher Einflüsse. Der Verlag ist dann unter meiner Leitung sehr literarisch geworden, und ich habe nicht mehr geguckt, wo sind jetzt Tendenzen, Schwingungen.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die deutsche Gegenwartsliteratur?
Ich finde sie im Moment sehr produktiv. Sie ist immer noch auf der Suche, wie die modernen Gesellschaften zu beschreiben sind. Es fällt auf, wie viele Bücher vergangene Dinge behandeln. Es bleibt die große Tragödie der Moderne, dass die Menschen lieber dumme Bücher lesen als gescheite.

Was ist die wichtigste Funktion eines Verlegers?

Psychologe, Geschäftsmann, Lektor, Freund – man muss alles sein.

Welche Rolle füllt Sie am meisten aus?
Redigieren. An den Texten feilen.

Schon mal ein Manuskript vor dem Papierkorb gerettet?
Oh ja. Horst Bienek zum Beispiel war, wenn er schrieb, in einer solchen erotischen Erregung, dass er wie ein Berserker auf seine Schreibmaschine gehackt hat, ohne auf Punkt oder Komma zu achten. Dann hat er mir ein Bündel von 500 Seiten auf den Tisch gehauen, tief Luft geholt und gesagt: Fertig! Ich saß dann in seinem Haus in Ottobrunn im Keller und habe neu geschrieben und die fertigen Seiten nach oben gebracht. Von oben hörte ich immer die Rufe: Du hast meine oberschlesische Seele zerstört!

Gab es Termine, vor denen Sie Angst hatten?
Walter Kempowski war so ein Fall. Mit dem war ich sehr befreundet. Aber er hatte eine vollständige Meise: Er wollte a) weltberühmt werden, b) Mitglied von allen Akademien sein, c) alle Preise kriegen. Sein Buch Tadellöser & Wolff habe ich bei ihm redigiert, oben in dem kleinen Ort, wo er Lehrer war. Der konnte ja nicht weg. Es wurde ein
Riesenerfolg, und Erfolg macht gierig. Dann kamen immer die Briefe: Du musst, du musst, du musst. Wir sind schier verzweifelt hier im Verlag. Zum Schluss bin ich nicht mehr gern zu ihm gefahren. Immerhin steht in seinen Tagebüchern: »Vielleicht habe ich ihn doch zu sehr gequält.« Es gibt ja Leute, die gerne quälen.

Wie hält man frustrierte Autoren bei Laune?

Wenn man jünger ist und noch mehr verträgt, geht man einen trinken. Die Autoren haben früher oft bei mir gewohnt. Ich war berühmt für mein Fremdenzimmer. Früher waren Autoren auch ärmer. Die hatten ihre Manuskripte dabei und wir haben dagesessen und dran gearbeitet und sind in den Verlag gefahren und haben weitergearbeitet. Heute schicken Autoren ihre Romane per E-Mail.

»Ich habe mein Leben lang Kafkas Tagebücher gelesen. Wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß, dann gibt es immer noch die.«

MICHAEL KRÜGER
Vor mehr als vierzig Jahren fing Michael Krüger als Lektor bei Hanser in München-Bogenhausen an, seit 1986 leitet er den Verlag - einen der wenigen, die nicht zu einem großen Konzern gehören. Krüger, Jahrgang 1943, wird Ende des Jahres als Geschäftsführer aus dem Verlag ausscheiden und einen weiteren Roman schreiben. Drei Romane und verschiedene Gedichtbände hat er bereits veröffentlicht.

Was sagt Ihnen der Satz: »Die Gesellschaft eines Menschen, der noch nie ein Buch gelesen hat, ist nur mit Alkohol erträglich«?
Der stammt von mir. Aber Einstellungen können sich ändern. Früher, zwischen Goethe und 1950, hat jeder Schriftsteller geraucht und getrunken. Heute haben wir das Ideal, dass man nicht raucht und nur mäßig trinkt. Den Schriftsteller, der sich nach Kalorientabellen richtete, gab es damals nicht. Wenn die Flasche halb leer war, wurde sie ausgetrunken. Das Trinken gehörte dazu. Vor allem in München und in Berlin.

Gehörten Drogen auch dazu?
99 Prozent der Drogen sind an mir vorbeigegangen. Vor langer Zeit habe ich einmal ein Gramm Kokain gekauft. Das war in der Fassbinder-Zeit, als fast alle weiße Nasen hatten. Ein merkwürdiges Gefühl! Die allergrößte Emanation. Nur war ich so blöd, dem Mann, dem ich’s abgekauft hatte, einen Scheck zu geben. Der Mann wurde gefasst, kam nach Stadelheim. Plötzlich steht die Polizei vorm Verlag und fragt: Sind Sie drogenabhängig? Dann wurden die Verlagsleiter geholt. Eine Riesenaufregung. Gott sei Dank wurde ich finalmente nicht belangt. Dieses einmalige Erlebnis hat mich sofort und nachhaltig aus der Drogenszene katapultiert.

Können Bücher auch eine Droge sein?

Unbedingt. Ich habe mein Leben lang Kafkas Tagebücher gelesen. Wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß, dann gibt es immer noch die. Da reichen ein, zwei Seiten. Das ist wirklich wie eine Droge. Ich habe schon viele Ausgaben zerschlissen. Die gehen auch auf fast alle Reisen mit. Ist ja eine alte Frage, ob Lesen trösten kann. Wenn man jung ist, sagt man eher: Sollen einen doch die Frauen trösten. Oder was immer.

Manchmal trösten auch die Bücher über die Frauen hinweg.
Auch das, mit Sicherheit. Die Frage aber ist: Ist Lesen nur ein Ersatz? Lebt man nicht, wenn man liest? Allerdings: Nur weil jemand ein Buch liest, wird er noch kein besserer Mensch! Oder klüger. Das ist Quatsch, diese Lese-Ideologie. Entweder man liest, weil es einem das Leben erträglicher macht oder bereichert, oder man lässt es.

Wie wappnet man sich gegen das Alter?

Man selbst nimmt das Altern ja gar nicht so wahr. Aber jeder, der mit einem arbeitet, weiß, dass man siebzig ist. Diese Selbsttäuschung ist erstaunlich. Die Melancholien werden sicher kommen. Keine Ahnung, was man dagegen machen kann. Ignorieren ist ja auch nicht besonders klug.

Machen Sie noch Yoga?
Nicht mehr, seit ich eine künstliche Hüfte habe. Die rechte ist operiert und die linke ist schon neidisch und möchte auch Titan haben. Ich will aber nicht noch mal unter das Messer.

Es gibt viele Fotos von Ihnen beim Kopfstand.

Ich hatte herausgefunden, dass mir Kopfstände Spaß machen. Weil die Welt auf dem Kopf steht. Ich konnte auf dem Tisch Kopfstand machen, zehn Minuten zum Ausruhen. Gerade wenn ich was getrunken hatte, habe ich eine Viertelstunde Kopfstand gemacht. Wo es mir gefiel, im Restaurant, auf der Leipziger Buchmesse, beim Abendessen, überall. Aufhören musste ich dann, als ich dicker wurde. Der kleine Kopf hat die neunzig Kilo nicht mehr tragen wollen.

Es ist das letzte Jahr bei Hanser für Sie. Wie sieht Ihr erster freier Tag im Ruhestand aus?
Der findet erst im April 2017 statt, bis dahin bin ich voll mit Terminen. Aber dann möchte ich gerne mit dem Bus in die Stadt fahren, mich in ein Kaffeehaus setzen und nichts anderes tun als Menschen beobachten.

Überkommt Sie manchmal Wehmut, Ihr Lebenswerk hinter sich zu lassen?
Doch, doch. Es ist ein langsames Abschiednehmen. Kürzlich war ich in London und habe da so einen Lifetime-Dings bekommen. Da habe ich in meiner Dankesrede gesagt: Wahrscheinlich werde ich die meisten von Ihnen nie wiedersehen. Da gab es schon den einen oder anderen Schluchzer.

Was haben Sie verpasst in Ihrem langen Büroleben?
Die Frage stelle ich mir dauernd. Das Leben ist endlich. So lange bleibt einem ja nicht mehr ein klarer Kopf. Kann man in den zehn Jahren, die einem vielleicht noch bleiben, noch einmal das ideale Leben führen? Ohne Büro und Aufpassen und Geld und Termine? Einen bewussteren Umgang mit dem Leben wünsche ich mir schon für diese Zeit. Einerseits will man nicht loslassen, anderseits will man sich befreien. Wie macht man das? Ich weiß es nicht. Als ich zuletzt in London war, dachte ich: Warum nicht noch mal in eine andere Stadt gehen? Jetzt, wo man den großen Schwapp hinter sich gelassen hat. Einfach verschwinden. Vielleicht mache ich das. Natürlich nicht ohne vorher meine Frau zu fragen.

In einem Gedicht beschreiben Sie sich als den »Mann mit dem Hasenherz, nicht mehr, eher weniger«.
Ich war in meinem Leben nie besonders mutig. Musste ich auch nicht sein. Das empfinde ich durchaus als Malus. Ich hatte viele Möglichkeiten und Angebote zur Veränderung. Auch aus dem Ausland. Ich bin aber geblieben. Ich bin ein sehr genügsamer Mensch, brauche weder Mode, Auto noch Spielbank. Das Büro war wie ein großes Gummiband. Man hüpft hoch, aber dann sitzt man auch gleich wieder an seinem Schreibtisch. Das Hasenherz ist eine Maschine, die puckert, weil der Hase immer auf dem Sprung ist. Am liebsten ist der Hase aber in seiner Höhle, sitzt da mit seinen langen Ohren und guckt nur raus.


Fotos: Andreas Nestl, Isolde Ohlbaum (4), Stefan Moses, Regina Schmeken, Helfried Strauß, privat (4)

Foto: Andreas Nestl

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