"Luxus ist für mich Schokolade. Und wenn ich mit Menschen reden und lachen kann."

Luxus ist Ansichtssache. Wir haben vier ganz unterschiedlichen Menschen 1000 Euro geschenkt. Einzige Bedingung: Sie mussten das Geld auf der Stelle ausgeben.

Michael Schöppe, 36 Jahre, Supermarktangestellter

SZ-Magazin: Sie wohnen zwei Kilometer vom »Vier Jahreszeiten« entfernt und sind mit dem Taxi gekommen. Wieso denn das?
Michael Schöppe: Na ja, ich kann ja schlecht zu Fuß in so einem Luxushotel einlaufen. Wie sähe denn das aus? Sonst gehe ich allerdings gern spazieren, ich sitze ja meist den ganzen Tag an der Kasse.

Sie arbeiten in zwei Supermärkten, von morgens um sieben bis abends um acht, an sechs Tagen die Woche. Da bleibt nicht viel Freizeit, oder?
Stimmt. Aber zu Hause wartet niemand auf mich, meine Frau Anna ist vor einem Jahr zurück in ihre Heimat gezogen – nach Chile. Sie hatte so starkes Heimweh. Kann ich auch verstehen, Chile ist ja ein tolles Land. Sie will aber zurückkommen, sobald sie genug Geld gespart hat, sagt sie.

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Warum sind Sie von den tausend Euro nicht zu ihr geflogen?
Ich habe doch im Supermarkt so viel zu tun und ich muss ja auch meinen Lebensunterhalt verdienen. Für einen Flug nach Chile müsstet ihr noch einen Tausender drauflegen. Aber schön wäre es schon, Anna fehlt mir doch sehr, vor allem abends, zum Reden. Da schaue ich mir Bilder von ihr an und denke: »Hey, da ist doch noch jemand.« Klingt ziemlich deprimiert, oder? Eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch.

Was macht Sie denn fröhlich?
Wenn ich mit Menschen reden und lachen kann. Und Schokolade. Das ist mein Luxus.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Am Montag nach dem Luxusausflug hatte ich im Supermarkt eine Mitarbeiterbesprechung. Da habe ich gesagt, dass wir unseren Service noch verbessern können.")

Von den tausend Euro haben Sie sich aber ein Wochenende im Münchner Fünf-Sterne-Hotel »Vier Jahreszeiten« geleistet. Warum?
Das Hotel ist meine erste schöne Erinnerung an München. Ich war 1993 zum ersten Mal in der Stadt und habe meinen Bruder in Puchheim besucht. Einmal bin ich mit der S-Bahn zum Stachus gefahren und die Fußgängerzone hinuntergelaufen, bis zur Maximilianstraße. Da habe ich mir gedacht: Eines Tages möchte ich mal hier übernachten und abends in die Oper gehen. Das haben Sie dann ja auch gemacht. Wie war es denn?
Toll. Das Zimmer war größer als meine Wohnung, insgesamt bestimmt 60 Quadratmeter. Und im Badezimmerspiegel war ein Fernseher eingebaut. Am ersten Abend habe ich ein Menü mit sechs Gängen gegessen. Zum Schluss gab es noch einen Snack an der Bar, aber den habe ich nicht mehr geschafft. Am nächsten Tag habe ich mich in einem türkischen Bad massieren, einölen, baden, halt so richtig verwöhnen lassen. Bei einer Behandlung habe ich mich mit Schokolade eingeschmiert – am ganzen Körper! Das war herrlich, aber auch schade um die schöne Schokolade.

Eigentlich sind Sie es ja, der die Kunden bedient. Wollten Sie mal die Rollen tauschen?
Vielleicht, aber eigentlich mag ich meinen Job sehr gern. Am Montag nach dem Luxusausflug hatte ich im Supermarkt eine Mitarbeiterbesprechung. Da habe ich gesagt, dass wir unseren Service noch verbessern können. Im »Vier Jahreszeiten« beginnt der nämlich ganz früh: Ein Angestellter begleitet den Kunden zum Restaurant, ein anderer bringt ihn zum Tisch, jeder sagt »Guten Tag!« oder »Wie geht es Ihnen?« oder »Haben Sie noch einen Wunsch?« Immer ist irgendeiner höflich zu dir. Manchmal bin ich vor lauter Aufmerksamkeit kaum zum Essen gekommen. Aber da war ja auch so viel zu sehen! Allein schon, wie die das Obst aufbauen. Eine große bunte Pyramide! Das könnten wir auch so machen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie hat sich Michael Schöppe unter all den feinen Menschen gefühlt?)

Und wie haben Sie sich gefühlt, unter all den feinen Leuten?
Ganz gut, ich habe mich schnell dran gewöhnt. Im Supermarkt sagte ein Kunde zu mir, er hätte gar nicht die Garderobe für das »Vier Jahreszeiten«. Aber ich kann da mithalten, ich habe insgesamt fünf oder sechs Anzüge.

Welche Marke?
Weiß ich gar nicht, die habe ich aus einem Katalog bestellt. Auf Marken stehe ich nicht so, das ist eher die jüngere Generation. Bei den Kindern geht es heutzutage gar nicht mehr ohne Picaldi-Hose. Da trage ich lieber einen Anzug, wenn ich mich schick machen will. In der Oper hatte ich einen tollen an, mit grauen und weißen Streifen.

Wie war es denn in der Oper?
Herrlich, sie haben den Maskenball von Verdi gespielt. Im Publikum saßen die oberen Zehntausend – und ich. Das war schön, aber auch eine fremde Welt. Nach der Vorstellung bin ich zum Essen ins »Hofbräuhaus« gegangen, da ist das Publikum gemischt. Dort habe ich mich wohler gefühlt.

Wären Sie gern länger im »Vier Jahreszeiten« geblieben?
Eine Woche länger wäre schon schön gewesen. Aber man gewöhnt sich ja so schnell an den Luxus. Wenn alle ein Vier-Gänge-Menü bestellen, dann bestellst du halt auch eins. Und irgendwann ist es nichts Besonderes mehr. Als ich abgereist bin, hat mich übrigens noch ein Taxifahrer beschimpft.

Wieso denn das?
Ich habe meine Adresse gesagt. Da meinte er: »Das ist wohl nicht Ihr Ernst, die zwei Kilometer können Sie doch zu Fuß laufen! Ich warte seit Stunden darauf, dass einer von euch reichen Fuzzis zum Flughafen will. Sie machen wohl Witze!« Da habe ich gesagt »Nein, ich will nur nach Hause.« Aber der hat immer weitergeschimpft. Also bin ich ausgestiegen und die letzten fünfhundert Meter gegangen.

(Interview); Christopher Thomas (Fotos)

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