Ende November veröffentlichte die Schweizer Stiftung »Tier im Recht« (TIR) ihren Bericht zur Tierschutzstrafpraxis 2014. Diesem war unter anderem zu entnehmen, dass von 1709 Tierschutzdelikten, die Tierquälerei an Pferden zum Gegenstand hatten, im Jahr 2014 etwa zehn Prozent auf sexuellen Missbrauch von Pferden entfallen sind. Die Boulevardpresse griff die Meldung auf, und schon war das Gerücht in der Welt, Zoophilie grassiere in der Schweiz. TIR hat inzwischen betont, dass dies aus ihrer Studie nicht hervorgehe.

Wir haben aber einen Verdacht, wer den Skandal in Wahrheit ins Rollen brachte, die Zentrale der traditionsreichen »Stiftung für globale Vermarktung von Schweiz-Klischees« (SGVSK) in Basel. Und das lief so:

Personalgespräch zwischen dem Stiftungsvorsitzenden Urs Moser und dem Pressechef Amadeus Hochreiter.
Moser (aufgebracht): »Hochreiter! Was haben Sie denn da schon wieder angerichtet? Können Sie mir mal erklären, wie es die Meldung 'Immer mehr Schweizer vögeln Pferde' weltweit in die Medien geschafft hat? Im Stiftungsrat sagte man mir, Sie hätten da ihre Hände im Spiel.«

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Hochreiter: »Ganz recht, Herr Vorsitzender, ich habe diese Meldung an die Presse gespielt. Sie basiert auf einer Studie unserer Freunde von der »Stiftung für das Tier im Recht«, die für 2014 einen Höchstwert an durchgeführten Tierschutzstrafverfahren festgestellt hat, wobei jedes zehnte Verfahren, das Tierquälerei an Pferden betraf, Zoophilie zum Gegenstand hatte.«

Moser: »Und daraus haben Sie mutwillig die Behauptung konstruiert, Sex mit Pferden sei in der Schweiz gerade der letzte Schrei? Ja, sind Sie denn wahnsinnig?«

Hochreiter: »Gut, ich habe da ein bisschen was zugespitzt, Herr Vorsitzender, aber ich tat es für mein Vaterland. Sie kennen doch unsere Freunde vom Boulevard. Ich wusste gleich, dass der »Blick« darauf anspringt, von da ging alles ganz schnell: Indien, USA, England, Australien, Russland – sogar in Simbabwe lief die Meldung, mit einigen Übersetzungsfehlern, aber da kann ich ja nichts für. So sind die Menschen, gerade im Online-Zeitalter. Geschichten mit Sex und Tieren sind echte Klickbringer. Und sie haben doch immer gesagt, wir arbeiten für eine Diversifizierung der Schweiz-Klischees. Es war an der Zeit, dass gerade vom der SGVSK neue Impulse ausgehen. Wir können uns nicht ewig auf Heidi, Käsefondue, Nummernkonten und den Schweizer Uhren ausruhen. Das ist alles nicht edgy genug.«

Moser: »Edgy? Sind Sie noch ganz dicht? Hier geht es um Tierquälerei! Der Verband der Pferdezüchter hat gerade angerufen. Erste japanische Reisegruppen buchen Pferdesex-Touren. Gestüte bekommen immer mehr Reservierungsanfragen von Firmen, die in den Ställen erfolgreiche Geschäftsabschlüsse feiern wollen!«

Hochreiter: »Ja, verstehe, das sind unangenehme Begleiterscheinungen, aber das gibt sich wieder. Wichtig ist doch: Schweizer Pferde sind in aller Munde. Weltweit wird die Schweiz als Pferdeland wahrgenommen, das schafft so viele neue Vermarktungsmöglichkeiten. Heidi ist tot, Herr Vorsitzender. Spätestens seit dieser neuen Verfilmung, in der Hitler den Alm-Öhi spielt.«

Moser: »Das ist nicht Hitler, sondern Bruno Ganz, einer der größten Söhne der Schweiz.«

Hochreiter: »Ja, aber Hitler war ja auch Österreicher, was hat das alles noch mit der Schweiz zu tun? Wofür stehen wir denn noch im Ausland? Wer nimmt uns denn noch ernst? Das Image der Schweiz braucht einen ‘dark twist', Herr Vorsitzender. Denken Sie nur an den Erfolg von 50 Shades of Grey.«

Moser: »Ja, meine Frau hat das ja sehr gern gelesen. Aber was hat das mit der Schweiz zu tun?«

Hochreiter: »Denken Sie an Christian Grey, diesen seriösen, ernsten, sehr erfolgreichen Geschäftsmann. Er repräsentiert die Schweiz. Eigentlich ein Langweiler. Doch als wir erfahren, dass er zuhause einen geheimen Folterkeller hat und jungen Frauen den Po versohlt, wird er für uns zur Sexikone.«

Moser: »Also, für mich nicht.«

Hochreiter: »Aber für ihre Frau, Herr Vorsitzender, glauben sie mir. Auf lange Sicht wird die Schweiz von dieser Pferdesex-Meldung profitieren, auch wenn sie global völlig falsch interpretiert wurde. Die Schweiz – nach außen seriös, aber innen brodelt die Leidenschaft...«

Moser: »...für Pferde? Ich weiß nicht, Hochreiter, ich halte das alles für keine gute Idee.«

Hochreiter: »Vertrauen Sie mir einfach. Hat sich eigentlich schon der Blatter bei Ihnen gemeldet, Herr Vorsitzender?«

Moser: »Der Sepp? Nein, wieso fragen Sie?«

Hochreiter: »Nun, als langjähriger Förderer unserer Stiftung hat er uns eine größere Summe in Aussicht gestellt, als Dank für unseren Beitrag zur Bekämpfung des Schweizer Korruptionsklischees.«

Moser: »Gute Arbeit, Hochreiter. Machen Sie weiter so. Ich zähl auf Sie!«

Illustration: Eugenia Loli

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