Andersherum

Wir stellen Ihnen jede Woche junge, talentierte Fotografen vor. Diesmal: Alexa Seewald, die für ihre Arbeit »Andersrum« homosexuelle Paare in der Rückansicht fotografiert hat.


Name:
Alexa Seewald
Geboren:
1983, Italien
Ausbildung:
Studium der Fächer Kommunikationsdesign und Illustration an der HAW Hamburg
Homepages:
www.alexa-seewald.de und www.andersrumportrait.de

SZ-Magazin: Frau Seewald, Sie fotografieren zumeist homosexuelle Menschen andersherum. Wie kamen Sie auf die Idee?
Alexa Seewald:
2010 wurde ich gebeten, einen interaktiven Foto-Workshop beim Lesbenfrühlingstreff in Hamburg zu geben. Da ich mich nicht dafür begeistern konnte, den Teilnehmerinnen lediglich zu erklären, wie eine Kamera funktioniert, und ich außerdem gewöhnliche Portraits von vorne zur Genüge kannte, kam mir die Idee zu »ANDERSRUM-Portrait«. 

Normale Portraits waren zu gewöhnlich, das war der einzige Grund?

Nein. Obwohl die Idee, Leute, die »andersrum« sind, andersrum zu fotografieren, der Anstoß war, stellte ich alsbald fest, dass es eine gute Methode war, Stereotype und Klischees zu hinterfragen. 

Indem Sie Leute umdrehen? 

In der Tat. Menschen sehen lediglich das, was sie sehen wollen. Und dabei liegen wir oft falsch. So sieht man beispielsweise vieler meiner Portraits nicht an, ob es sich um einen Mann oder einer Frau handelt. Bei anderen Bildern meint man dagegen sicher zu erkennen, welchen Geschlechts die Person ist, dabei verhält es sich in Wahrheit konträr. Nicht zu vergessen die sexuelle Orientierung oder Identität. Im Alltag merken wir oft nicht, dass wir in Denk- und Sehgewohnheiten gefangen sind. So fotografiere ich nun seit zwei Jahren tausende von Menschen andersrum, die für die Freiheit des „Andersrum-Seins“ mit Ihrem persönlichen Portrait ein Zeichen setzten wollen. Zudem ist ANDERSRUMportrait zu einer Plattform für die schwulen, lesbischen, trans*, inter-, bisexuellen und queeren Communities (abgekürzt: LGBITQ) geworden. Es geht um Akzeptanz, und gegen Homophobie. Zudem zeigen die über 2.500 Portraits die Vielfalt der LGBITQ-Communities, die über das Bild hinausgeht, welches wir für gewöhnlich in den Medien gezeigt bekommen.

Aber brauchen wir Stereotype nicht zu einem bestimmten Grad, um uns identifizieren zu können?
Selbstverständlich. Schubladendenken ermöglicht uns ein schnelles Zurechtfinden und „Funktionieren“ im Alltag. Gefährlich wird es, sobald die Bereitschaft nachlässt, unsere eigenen Denkstrukturen und deren Auswirkung auf unser Handeln und auf das Wohlbefinden anderer zu hinterfragen und dynamisch zu halten. Frei nach Max Frisch: »Sobald du dir ein starres Bild von jemandem gemacht hast, hast du bereits aufgehört, ihn zu lieben.«

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Also glauben Sie, dass Homophobie immer noch ein Thema im heutigen Deutschland ist?
Ich kenne einige Menschen, die selbst in einer weltoffenen Stadt wie Hamburg noch heute aufgrund ihrer Homosexualität ein Doppelleben führen. Neben der Homophobie als einen möglichen Beweggrund, möchte ich ergänzend auch auf die Dominanz der bipolaren Geschlechterordnung und der lebenslangen hetero-normativen Prägung hinweisen. 

Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Arbeit wirklich eine Auswirkung hat? 

Ja. Erst kürzlich meinte ein charmanter älterer Herr auf einer der Ausstellungen zu mir, Homosexuelle seien doch ganz in Ordnung. Das ist nur ein Beispiel, wie Menschen, die eigentlich nichts mit dem Thema zu tun haben, sich öffnen. Aus diesem Grund lasse ich für die Ausstellung die Portrait-Prints bevorzugt in Lebensgröße produzieren. Sobald wir es schaffen, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen, können wir verstehen und akzeptieren.

Gleichzeitig wurde ich dran erinnert, dass ich nicht zu sehr urteilen sollte, da mich auch jemand von hinten beobachten könnte.
Interessante Beobachtung. Daran habe ich noch nicht gedacht. Durch die Auslassung von gewohnten Anhaltspunkten wird der Betrachter dazu gezwungen, neu und vielleicht etwas weniger programmiert zu sehen. Wie erkenne ich eine Person, wenn mir der Blick in ihr Gesicht verwehrt bleibt? Vielleicht durch tieferliegende persönliche Merkmale, die sich über die Körpersprache äußern.

Viele der Menschen auf Ihren Fotos lassen sich spontan auf Festivals fotografieren. Ist das wichtig für Ihre Arbeit? 
Auch wenn manche Leute mich gezielt ansprechen, um sich in einer bestimmten Garderobe fotografieren zu lassen, und somit geplant zum Shooting erscheinen, lassen sich die meisten spontan fotografieren. Ich baue hierzu mein Fotostudio auf ausgewählten, szenerelevanten Großveranstaltungen auf und animiere die Menschen dazu, sich einfach »von der Straße weg« für die Kampagne fotografieren zu lassen. Das erlaubt mir, die Authentizität und Spontanität der Menschen einzufangen. Als Kontrast zur perfekt anmutenden Studiofotografie ist es mir wichtig, im Nachhinein an den Portraits nichts zu retuschieren und jedes Detail am Körper oder der Kleidung, welches nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, sichtbar zu lassen und zu akzeptieren. Meist sind es sogar gerade diese Details, die das Foto besonders und liebeswert machen. Dadurch, dass ich sie nicht »verschönere«, verkörpern auch meine Fotografien Akzeptanz.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Neben den deutschlandweiten Fotoshootings, öffentlichen Ausstellungen – etwa direkt am Brandenburger Tor, dem Jungfernstieg oder dem Rathaus in Hamburg – plane ich, die Internet-Plattform zu einem interaktiven Forum weiter auszubauen. Zudem werde ich meine ANDERSRUM-Portraits der queeren Schulaufklärung zur Verfügung stellen. Zudem beabsichtige ich, meine Arbeit in Länder zu bringen, in denen Homophobie und Diskriminierung an der Tagesordnung stehen.

Fotos: Alexa Seewald

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