»Man verliert jeden Kontakt zur Außenwelt«

Die Fotografin Maria Vittoria Trovato ist auf einem der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt mitgefahren. Wir zeigen ihre Bilder und fragen, warum sie trotz 21 Pools, aufmerksamer Crew, Eislaufbahn und Kletterwänden am Ende froh war, wieder von Bord zu gehen.

Name: Maria Vittoria Trovato
Alter: geboren 1982 in Caltagirone in Sizilien, Italien
Wohnort: Berlin
Ausbildung: Philosophiestudium an der Universität Catana, Italien, Fotografiestudium am Internationalen Fotozentrum in Mailand
Hier geht es zur Website der Fotografin

SZ-Magazin: Warum wollten Sie die »Allure of the Seas« und ihre Gäste fotografieren?
Maria Vittoria Trovato: Ursprünglich war das gar nicht so geplant. Die Serie auf der »Allure of the Seas« sollte Teil eines größeren Projektes über das Leben von Menschen, die auf hoher See arbeiten, werden. Vor dem Kreuzfahrtschiff war ich dafür schon auf Güterschiffen, Eisbrechern und Ölplattformen. Was ich nicht wusste, ist, dass man als Außenstehender gar nicht die Wohnräume der Arbeiter besuchen darf. Deshalb habe ich mich stattdessen auf die Passagiere konzentriert.

Welche Stimmung herrschte an Bord? Wie haben Sie versucht, diese einzufangen?
Mir erschien alles total fake, wie an einem Filmset, und das wollte ich auch zeigen. Dafür habe ich einerseits Portraits gemacht, zum Beispiel von den Leuten, die wie besessen in die Spielautomaten im Casino starren. Ich habe auch viel nachts fotografiert, um die aufwändigen Lichtinstallationen zu zeigen.

Als sie auf der »Allure of the Seas« waren, war es noch das größte Kreuzfahrtschiff der Welt mit Platz für 6 300 Gäste und 2 100 Besatzungsmitglieder. War die Mehrheit der Kojen auch tatsächlich belegt?
Ja, das Schiff war rappelvoll. Obwohl es so eine große Fläche hat, war wirklich jede Ecke gefüllt mit Leuten. Da läuft man keiner Person zwei Mal über den Weg. Wenn beispielsweise eine Band im Theater gespielt hat, war es komplett überfüllt. Und das, obwohl bestimmt noch zehn andere Bands gleichzeitig aufgetreten sind.

Auf dem Schiff gibt es 21 Swimmingpools, 26 Bars und Restaurants, eine Zip-Line, 12 000 echte Bäume, zwei Kletterwände, eine Eislaufbahn, einen Surfsimulator und vieles mehr. Welche der Attraktionen fanden Sie am skurrilsten und warum?
Die Leute waren echt total verrück nach diesem Surfsimulator. Mich haben die Kletterwände am meisten beeindruckt. Sie sind wirklich irre hoch und geben einen tollen Blick auf das Meer. Echt schräg war das Casino. Es kam mir vor, als würde ich dort Filmcharaktere beim Spielen beobachten. 

Die Kreuzfahrtindustrie boomt – obwohl es immer wieder Kritik an den »schwimmenden Hotels« und ihrem Schadstoff-Ausstoß und Müll-Verbrauch gibt. Haben Sie an Bord eine Erklärung für die Faszination Kreuzfahrt gefunden?
Die Crew strengt sich wirklich an, dass man alles um sich herum vergisst. Man soll für ein paar Tage alles hinter sich lassen, Spaß haben und sich um nichts sorgen. Die Leute sind auf dem Meer ja komplett isoliert. Viele haben das Schiff nicht einmal für einen Landausflug verlassen. Man verliert wirklich jeden Kontakt zur Außenwelt und deshalb denkt auch niemand über die Hintergründe der Kreuzfahrt nach, die ja wirklich ziemlich unschön sind.

Würden Sie der Kreuzfahrt privat nochmal eine Chance geben?
Am Ende der Reise wollte ich nur noch runter von dem Schiff. Es ist einfach nicht meine Art, Urlaub zu machen. Ich liebe Camping, Radfahren oder mit der Bahn zu reisen. Und vor allem organisiere ich mir lieber alles selbst. Das wird einem auf einer Kreuzfahrt abgenommen.

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