Dauerwellen

Die Zeiten, in denen Surfer immer ans Meer mussten, sind vorbei: Viele Städte bauen ihnen jetzt künstliche Wellen. Aber wie verändert sich ein Sport, wenn man ihm die Natur wegnimmt?

Weitab vom Meer: der »Wadi Adventure«-Wellenpool in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die Zukunft des Surfens beginnt wie ein Nachmittag im Schwimmbad. Man zahlt Eintritt, sucht sich ein Schließfach in der Umkleide und findet sich im Spiegel zu dick. Der Unterschied: Man trägt einen Neoprenanzug, hält ein Surfbrett unter dem Arm und ist mit dem Flugzeug angereist. Eineinhalb Stunden hat die Fahrt im Mietwagen vom Flughafen Manchester gedauert, vorbei an immer kleineren Ortschaften und immer größeren Schafherden, bis ins Dörfchen Dolgarrog. Dort sitzt man auf seinem Surfboard in der Mitte eines 300 Meter langen Wasserbeckens, zusammen mit elf anderen Surfern und zwei Enten. Längs durch das Becken verläuft ein Stahlseil, das gleich einen mannshohen Betonkörper durchs Wasser ziehen wird, der links und rechts des Sicherheitszauns eine gut zwei Meter hohe Welle erzeugen soll.

Es hat 17 Millionen Euro gekostet, auf dem Gelände eines ehemaligen Aluminiumwerks in Wales diese künstliche Surflagune zu bauen, samt Blockhütten, Surfshop, Surfschule und Restaurant. Zur Eröffnung ist der stellvertretende Minister für Kultur, Tourismus und Sport angereist, der aussieht, als hätten Tom Cruise und Karl-Theodor zu Guttenberg ein Kind bekommen. »Auf der ganzen Welt spricht man heute über uns«, sagt Ken Skates stolz. Er steht an diesem Eröffnungstag Ende Juli auf einer kleinen Bühne und spricht vor einem seltsam gemischten Publikum aus langhaarigen, gebräunten Surfern in Kapuzenpullovern und ergrauten, blassen Einheimischen im Sonntagsanzug oder Kostüm.

Das Dorf Dolgarrog hat sich fein gemacht, es gibt etwas zu feiern: den ersten öffentlichen »Wavegarden«. In Texas, USA, soll 2016 der zweite Wavegarden eröffnet werden, in Madrid, Barcelona und Dubai haben die Planungen begonnen, erklärt die spanische Herstellerfirma. Aus Hamburg, der Schweiz, Portugal, Frankreich und Australien gebe es konkrete Anfragen. Surfen könnte bald ein Sport sein, für den man ganz selbstverständlich Stunden bucht wie beim Squash oder Tennis. Um dann in Berlin-Tempelhof oder einer stillgelegten Zeche im Ruhrgebiet künstliche Wellen zu surfen.

Eine Reise zum Wavegarden in Wales from Süddeutsche Zeitung Magazin on Vimeo.

Casper Steinfath, Vizepräsident der International Surfing Association, steht mit noch tropfendem Neoprenanzug am Wavegarden in Wales und erzählt von der Bewerbung für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio: Auf künstlichen Wellen könne Surfen endlich olympisch werden, weil Austragungsorte keine Küste mehr bräuchten. Mitte September fand in Wales der erste Surfwettbewerb statt. Als Hobbysurfer erschrickt man kurz, wenn die erste künstliche Welle schnell und überkopfhoch auf einen zusaust. Einige kräftige Paddelbewegungen, der Sprung aufs Brett, das Abreiten der Welle: Es fühlt sich an wie auf dem Meer – und doch spürt man die Maschine dahinter, die Wellen laufen zu perfekt, zu designt. Verändert sich ein Sport, wenn man ihm die natürliche Umgebung wegnimmt? Ist die Seele des Surfens gerade all das, was in künstlichen Wellenbecken wegfällt – das Spiel und der Kampf mit dem Meer? Oder ist der Kern des Surfens nur das Gleiten auf einem Brett über jede Art von Wasser?

Auf 300 Metern Länge erzeugt der Wavegarden minütlich Wellen - mit einer Höhe von 70 Zentimetern für Anfänger und bis zu 2,10 Metern für fortgeschrittene Surfer. Ein Ritt auf der Welle dauert maximal 16 Sekunden.

»Sie scheinen eine große Freude an der Bewegung auf der Welle zu fühlen«, notierte Leutnant James King im Jahr 1779 in das Logbuch der dritten Pazifikexkursion von Kapitän James Cook. Als erster Europäer beschrieb King die Surfer auf Hawaii, schon vor fast 3000 Jahren haben Fischer in Polynesien angefangen, mit geschnitzten Holzbrettern und Kanus die Brandungswellen entlangzufahren. So alt ist dieser Sport. 1908 gründete der Autor Jack London in Waikiki den ersten Surfclub, nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Surfen nach Europa.

Es gibt noch eine zweite Geschichte des Surfens, sie geht so: Das erste Wellenbecken der Welt mit maschinell erzeugten Wellen wurde 1934 in Wembley eröffnet, 1966 wurde erstmals eine künstliche Welle nahe Tokio gesurft. In Disney World in Orlando, Florida, eröffnete 1989 die »Typhoon Lagune«, die eine für wenige Sekunden surfbare Welle erzeugt. Für tausend Euro kann man sie außerhalb der Öffnungszeiten mit bis zu 24 Freunden mieten. Auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten steht in der Wüste ein Wellenbad, in dem man auch surfen kann, ebenso auf Teneriffa im »Siam«-Wasserpark. Aber die Technik dieser Wellenpools war nie ausschließlich aufs Surfen ausgelegt, nie so nah dran am Meer wie der Wavegarden. Der erfüllt als Erstes den fast fünfzig Jahre alten Traum von der makellosen, immer verfügbaren künstlichen Surfwelle.

Zeigt man Videoaufnahmen aus dem Wavegarden in einem Münchner Surfshop, fängt einer der Umstehenden an, auf seinem Handy billige Flüge nach Manchester zu googeln. Dabei hat München seine eigene künstliche Welle: die »Citywave«, die seit 2011 immer im August am Münchner Flughafen aufgebaut wird. Dafür muss Rainer Klimaschewski, 62, Kapuzenpullover, nur einen roten Knopf auf einem grauen Schaltpult drücken. Dann strömt aus zehn Pumpen Wasser eine Schräge hinunter, und dort, wo die Schräge auf den Boden trifft, baut sich eine brusthohe stehende Welle auf. Als Mitte August 2015 auf dieser Welle die Europameisterschaft im Stationary Wave Riding ausgetragen wurde, auf einem breiten Stahlgerüst im überdachten Bereich zwischen dem ersten und zweiten Terminal, bestritten vier Münchner das Finale. Die Tribüne war mit etwa 400 Zuschauern voll besetzt, der Kampf um 10 000 Euro Preisgeld wurde auf eine große Leinwand übertragen, an der die Touristen mit ihren Rollkoffern vorbeiliefen. Viele blieben stehen.

Die mobile Citywave imitiert nicht wie ein Wavegarden das Meer, sie ist der natürlichen stehenden Welle am Münchner Eisbach im Englischen Garten nachempfunden. Rainer Klimaschewski kennt diese Welle gut, er gehörte in den Siebzigerjahren zu den Pionieren des Münchner Flusssurfens. Schon damals dachten er und seine Frau, als sie nach dem Surfen auf der Wiese lagen, darüber nach, ob man die Welle nicht nachbauen könnte. Erst dreißig Jahre später, nahe am Rentenalter, nach acht Jahren Entwicklung, ist die Welle ein Geschäftsmodell. Die Klimaschewskis haben ihre Citywave für den RTL-Spendenmarathon aufgebaut, wo Joey Kelly für den guten Zweck surfte, und für eine Wetten, dass . . ?-Sendung, in der vier Münchner aus Plastikflaschen ein Surfbrett bauten.

Klimaschewski und seine Frau sind oft am Meer gewesen, er sagt, dass seine Welle nie besser sein wird als ein Tag am Strand. Aber er glaubt auch, dass es viele Menschen in Paris, Berlin oder Peking gibt, die lieber in einem Becken surfen als gar nicht. Die Surfzeiten am Flughafen sind immer lange vor dem August ausgebucht, zeitgleich wird in der Isar, am Eisbach, von morgens früh bis tief in die Nacht hinein gesurft. Auch an zwei weiteren natürlichen Wellen in München stehen sie in langen Schlangen an. Darunter Surfer aus Augsburg, Stuttgart oder Salzburg.

Die »Citywave« ist eine zehn Meter breite, ununterbrochen stehende Welle, auf der Surfer beliebig lange fahren können.

Ein Investor muss für einen Wavegarden ohne Grundstück sechs bis sieben Millionen Euro ausgeben, die stehende Citywave gibt es schon für rund eine Million Baukosten. Die erste fest installierte Citywave ist derzeit im Süden von München im Bau – als Teil der Jochen Schweizer Erlebniswelt neben einem Hochseilklettergarten und einer Indoor-Skydive-Anlage. In dem Einkaufszentrum »Mall Of Switzerland« nahe Luzern wird 2017 eine Citywave eröffnet, in Moskau wird auch schon gebaut.

Dass derzeit viele Investoren an künstliche Surfwellen glauben, bedeutet noch nicht, dass die Wellen tatsächlich ein wirtschaftlicher Erfolg werden. Der elffache Surfweltmeister Kelly Slater hat jahrelang an einer endlos im Kreis fließenden künstlichen Welle getüftelt. (Nachtrag: Ende 2015 hat Slater eine beindruckende eigene künstliche Welle vorgestellt, in der bislang nur eine Hand voll ausgewählter Freunde und Profisurfer surfen können).

Wegen technischer Schwierigkeiten ist der Wavegarden einige Wochen früher in die Winterpause gegangen. Immerhin: Die Surfzeiten in Wales waren einen Monat im Voraus ausgebucht. Ob das mehr als Anfangseuphorie war, wird sich ab dem Frühjahr zeigen, wenn die Anlage wieder öffnen soll. Der Wellenpool in Disneyland sei gut gebucht, sagt die Pressestelle, Zahlen bekommt man nicht. Eine Stunde Surfen im Wavegarden kostet etwa fünfzig Euro – wie oft würde man für eine Welle in seiner Stadt zahlen? Einmal pro Woche? Einmal im Monat? Einmal im Jahr?

Anfänger lernen das Surfen auf künstlichen Wellen viel schneller als im Meer: Man kann sich in der Citywave erst mal an einer Stange festhalten, die quer über die zehn Meter breite Welle gelegt wird. Schon nach der ersten Stunde können die Surfanfänger kurz auf der Welle stehen. Doch das Surfen, das man auf der Citywave lernt, hat mit Meersurfen nicht so viel gemein. Und fortgeschrittenen Surfern wird die stehende Welle mit der Zeit etwas langweilig.

»Ich kenne einige Profisurfer, die auf künstliche Wellen keine Lust haben«, sagt Marlon Lipke. Als bisher einziger Deutscher qualifizierte er sich 2009 für den Weltcup der 32 besten Surfer. Lipke ist in Portugal aufgewachsen, bei der Europameisterschaft auf der stehenden Welle am Flughafen surft er zum Spaß mit, verpasst aber den Endlauf, weil man das Meer ganz anders surft als die unter dem Brett durchfließende Kunstwelle. Surfen ist für Lipke nichts, was in einem Poolbecken sinnvoll simuliert werden könnte. Ein Wavegarden ist für ihn wie ein Laufband verglichen mit einem Waldlauf.

Die Wellen, die Lipke an seinem Heimatstrand in Portugal surft, sind Hunderte von Kilometern durch den Atlantik gereist, Stürme auf dem offenen Meer haben ihnen Leben eingehaucht. »Es gibt keine zwei Wellen am Meer, die gleich sind. Jede ist neu, anders, überraschend.« Und Meerwellen muss man sich hart erarbeiten: Man muss lernen, Wind, Strömungen und Wellengang zu verstehen, dazu den Einfluss von Ebbe, Flut und wandernden Sandbänken. Dann muss man die Brandung überwinden, was bedeuten kann, eine halbe Stunde lang immer und immer wieder unter brechenden Wellen hindurchzutauchen. Ist das geschafft, muss man die einlaufenden Wellen lesen lernen; es kann Jahre dauern, bis man ahnt, wo und wann Wellen genau brechen, welche man absurfen kann und welche einen unter sich begräbt.

Viele langjährige Surfer sind schon mal fast ertrunken, auf kantige Felsen geschleudert worden, haben Haiflossen gesehen. Ihre Liebe zum Surfen ist hart erkämpft. Teuer ist das Ganze für Mitteleuropäer noch dazu: Langstreckenflüge, Mietwagen, zerbrochene Bretter. Geschätzte 50 000 Surfer in Deutschland nehmen das regelmäßig auf sich. Weil es kaum einen schöneren Platz auf der Welt gibt als hinter der Brandung, auf dem Surfbrett sitzend, die sanft heranrollenden Wellen beobachtend. Auch an der verbautesten Küste fühlt man sich draußen auf dem Meer ungestört.

Was der Wavegarden nicht kann, ist, die Sehnsucht nach dem Meer zu stillen. Er verstärkt sie. Wenn die Surflehrer im Wavegarden in Wales einen freien Tag haben, fahren sie gern weg, an die Küste, zum Surfen.

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Anmerkung: Die Firma Wavegarden hat kürzlich eine überarbeitete Version seiner Welle vorgestellt.

Fotos: Trend Mitchell; Surf Snowmedia; Flo Hagena

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