Der blasse Held

Der Engländer Tom McCarthy hat den bedeutendsten Comic Europas analysiert - und Erstaunliches über Tim & Struppi herausgefunden. Ein Gespräch über einen blassen Helden und seinen zerrissenen Zeichner.

SZ-Magazin: Herr McCarthy, Steven Spielberg hat gerade einen Tim & Struppi-Band verfilmt. Ist das eine gute Nachricht für einen Fan des belgischen Zeichners Hergé?
Tom McCarthy:
Daniel Craig spielt darin mit. Ich würde mein Haus verwetten, dass es ein schlechter Film wird. Spielberg wollte Hergé die Filmrechte kurz vor dessen Tod schon einmal abkaufen. Hergé lehnte ab, worauf Spielberg den Stoff einfach stahl: Ein Kritiker meinte, Spielbergs Indiana Jones sei ein Tim mit Sexleben. David Lynch würde einen besseren Film drehen, der kennt sich aus mit dunklen Geheimnissen.

Dunkel? Finden Sie Tim & Struppi gar nicht lustig?
Die 24 Bände sind natürlich leicht und lustig wie ein Kinderbuch. Aber man kann sie auch wie große Literatur lesen: Dann entdeckt man einen intelligenten Subtext, verborgene Themen und eine literarische Metaphorik, fast wie bei Shakespeare. Das ist das Paradoxe an diesem Comic: Kein anderer ist so simpel und zugleich so kompliziert wie Tim & Struppi.

Sie vergleichen Hergé mit Shakespeare?
Ja, Hergé war als Künstler ein Genie, das ein ganz eigenes Genre begründet hat. Auch wenn wir heute noch nicht wissen, in welche Schublade wir ihn stecken sollen: Comiczeichner, Comicerzähler, auf jeden Fall ist er der Shakespeare dieser neuen Form. In der Geschichte von Tim in Tibet steckt zum Beispiel die endlos weiße Leere, in die Hergé in seinen Albträumen fiel, aus denen er schreiend erwachte. Wegen dieser Träume suchte er einen Psychoanalytiker auf und er zeigte seine Angst verschlüsselt als Schnee. Der Dalai Lama hat Hergé erst vor ein paar Jahren postum ausgezeichnet.
Weil er den Buddhismus und Tibet bekannt gemacht und auch ein realistisches Bild von Kathmandu vermittelt hat. Im Archiv des Zeichners liegen Zehntau-sende Fotos und Zeitschriften, er wusste exakt, welcher Berg hinter welcher Straße zu sehen ist. Hergés Witwe nahm den Preis entgegen. Ich glaube allerdings, weder sie noch der Dalai Lama ahnen, worum es im Band Tim in Tibet wirklich geht: Hergés Angst.

Haben Sie Tim & Struppi mit Methoden der Literaturwissenschaft analysiert, weil Sie Hergé wirklich für einen großen Dichter halten?
In Frankreich steht er bei einigen Philosophen der Postmoderne auf einer Stufe mit Shakespeare. So weit würde ich nicht gehen. Tim & Struppi ist nur bedingt Literatur, aber die Grenzen sind fließend und dieser Grenzfall lässt viel über das Wesen der Literatur erkennen.

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Was denn zum Beispiel?
Ein Autor kann über Dramaturgie und Erzählstruktur mehr von Hergé lernen als von Joseph Conrad oder William Faulkner – mir ging es jedenfalls so. Den Leser erst in die Irre führen, die Geschichte aufteilen, abbremsen oder verschleiern – Hergé setzt all die Kniffe brillant ein, die einem Autor zur Verfügung stehen.

"Schlechte Schriftsteller imitieren, gute stehlen, zitieren Sie
T. S. Eliot in Ihrem Buch. Sie halten Hergé eher für einen guten Schriftsteller?
Er hat jedenfalls eine Menge Motive gestohlen: Ganze Szenen stammen von Jules Verne, etwa als Tim auf dem Kondor über die Anden fliegt. Diebstahl in der Literatur geht völlig in Ordnung. Die Hälfte aller Shakespeare-Dramen sind gestohlen. Den Stoff von Macbeth und König Lear gab es lange vor Shakespeares Version. Kunst ist immer eine gelungene Collage von Altbekanntem.

Welche klassischen literarischen Themen meinen Sie?
Erbstreitigkeiten; die Beziehung zwischen einem Gastgeber und seinem Gast, die eine katastrophale Wendung nimmt; das Familienanwesen, um das sich ein Geheimnis rankt.


Hielt sich Hergé denn selbst für einen Schriftsteller?
Ich glaube, anfangs hat Hergé diese klassischen Themen nicht unbedingt bewusst gewählt, manche Menschen sind auch einfach geborene Geschichtenerzähler. Erst später, als Hergé mit Lob überhäuft wird, beginnt er die Philosophen Roland Barthes und Claude Lévi-Strauss zu lesen, wird sich seiner Kunst bewusster. Sein letzter, unvollendeter Band Tim und die Alpha-Kunst ist quasi ein wissenschaftlicher Aufsatz über Kunst und Literatur. Aber Hergé wollte eher als Maler ernst genommen werden. Dem Kurator des Musée des Beaux-Arts in Brüssel zeigte er einmal eine Reihe großer Ölbilder. Der Kurator – selbst ein großer Tim & Struppi-Fan – meinte aber nur: »Tut mir leid, die sind scheiße. Sie sind ein genialer Cartoonist, aber ein ganz schlechter Maler.«

Später verstand sich Hergé doch auch als Pop-Art-Künstler?
Als er Andy Warhol einmal begegnet ist, hat ihn Hergé prompt gefragt: »Tim & Struppi ist doch Pop-Art, nicht wahr?« Aber Warhol lächelte nur stumm sein Warhol-Lächeln und gab Hergé zu verstehen, dass Tim & Struppi seine Arbeit zwar stark geprägt habe, Hergé aber dennoch nicht mit ihm auf einer Stufe stehe. Hergé hatte immer das Gefühl, er werde nur toleriert – wie ein kleiner Ministrant im Hochamt der Kunst, der aber niemals selbst Priester werden darf.

Dafür, dass seine Figur so berühmt wurde, bleibt Tim erstaunlich blass in den 24 Bänden.
In der französischen Ausgabe heißt Tim Tintin, was umgangssprachlich so viel wie Nichts bedeutet. Tim hat keine Familie, keine Vergangenheit, kein Sex-leben, man sieht ihn auch kaum arbeiten. Tim ist die Leerstelle, der Fluchtpunkt, eine Lücke, um die herum Hergé sein Universum erschuf, was wiederum ein sehr literarischer Kniff ist: Man denke nur an Moby Dick – der weiße Wal als Fluchtpunkt am Horizont, an dem sich alle Figuren ausrichten.

Tim wird nie älter, wie Peter Pan.
Er bleibt in der Jugend gefangen, nur die Welt wird im Laufe seiner Abenteuer älter. Tim ist auch ein sexuelles Paradoxon: rundum feminin, aber eigentlich männlich. Ein seltsam sexualisierter Junge ohne Sexualität. Aber jeder Leser kann sich mit Tim identifizieren, da er eine bloße Leinwand ist. Tim ist diese Sherlock-Holmes-Figur, die Geheimnisse aufdeckt, ein Führer in eine fingierte, traurige Welt. Authentisches Leben ist dort unmöglich. Tim lockt uns in eine traurige Welt. Kapitän Haddock ist das Opfer dieser Bewegung ins Nicht-Authentische.

Im Gegensatz zu Tim ist die Figur des Kapitän Haddock sehr lebendig dargestellt.
Haddock ist ein tieftrauriger, frustrierter, unglücklicher Mensch. Das genaue Gegenteil von Tim: Bei seinem ersten Auftritt heult Haddock und ruft betrunken nach seiner Mutter. Im nächsten Band erfahren wir von Haddocks komplizierter unehelicher Abstammung als Nachkomme eines Chevaliers, worin wohl die Ursache für Haddocks Zorn zu suchen ist. In Hergés Familie findet sich die gleiche Geschichte wieder: Hergés Vater war das uneheliche Kind einer Kammerzofe, die in einem Schloss arbeitete, in dem der König häufig übernachtete.

Sie glauben das Gerücht, Hergés Großvater sei der belgische König gewesen?
Hergé glaubte daran, das ist das Entscheidende. In seiner Familie tuschelte man stets: »Wir verraten dir nicht, wer dein wahrer Großvater ist, das würde dich nur hochmütig machen. Aber diese bürgerliche Existenz ist nicht unser wahres Leben.« Wer weiß, vielleicht war der Vater auch nur der Gärtner.

Glauben Sie, Hergés Mutter wurde wegen dieses Geheimnisses später verrückt?
Vielleicht. In jedem Fall war Hergé besessen von dem Thema Wahnsinn. Er selbst erlitt ja auch einen Nervenzusammenbruch und suchte einen Psychoanalytiker auf. Dem erzählte er von seinen Träumen: Träume von einer weißen Fläche. Der Analytiker sah darin Tim, die reine weiße Fläche. Er riet Hergé, mit den Comics aufzuhören, sonst würde er daran zugrunde gehen. Hergé ignorierte diesen Rat und schrieb stattdessen Tim in Tibet, in dem sich alles nur um Schnee dreht. Hergé litt übrigens auch unter Blutarmut – sein Blut wurde heller –, woran er 1983 auch starb. Es kursiert das Gerücht, er sei an Aids gestorben. In jedem Fall dreht sich bei Hergé alles immer um Blut und die Frage seiner Abstammung. Er selbst war unfruchtbar, sprach von Tim als seinem Sohn.


Hergé verkaufte 230 Millionen Bände. War seine Witwe Alleinerbin?
Ja. Seine zweite Frau war eine sehr viel jüngere Illustratorin aus seinen Studios. Sie und ihr neuer Mann kontrollieren das gesamte Erbe über die Hergé-Stiftung. Sie wollten mich davon abhalten, das Buch über Hergé zu schreiben. Sie sagten, Tim & Struppi sei ein eingetragenes Warenzeichen und dürfte nicht verwendet werden. Mein englischer Verleger hatte Gott sei Dank genug Geld, den Kampf auszufechten. Sie wollen nicht, dass irgendjemand über Tims merkwürdige androgyne Sexualität redet und ganz sicher auch nicht über Hergés Kollaboration mit den Nazis. Schließlich lassen sich nur die netten, sauberen Dinge auf T-Shirts und Bettbezügen vermarkten.

Kollaborierte Hergé mit den Nazis oder war er nur naiv?
Er war ein Kollaborateur, weil er naiv war. Hergés Chefredakteur beauftragte ihn 1929, eine Comicfigur zu erfinden, mit der die katholische Tageszeitung politische Propaganda betreiben konnte. Der Jugend sollte vermittelt werden: »Kommunismus ist übel.« Das war der Anfang von Tim & Struppi. Im zweiten Band zog Tim nach Afrika, wo die politische Kernaussage lautete: Die Afrikaner sind gute Menschen, nur eben hinterste Provinz, und der weiße Mann muss ihnen zeigen, wo’s langgeht.

Hergé produzierte während des Kriegs auch eindeutig antisemitische Zeichnungen für seine damals von den Nazis geleitete Zeitung; in Der geheimnisvolle Stern gibt es Szenen, die es nicht in die Endfassung des Buches schafften, aber in der Zeitung abgedruckt wurden: Ein riesiger Stern droht die Erde zu vernichten, und zwei jüdische Ladenbesitzer tanzen vergnügt, weil sie ihre Schulden los sind, wenn die Welt untergeht.

Dass Hergé nach dem Krieg nicht hingerichtet wurde, hat er nur den vielen Tim & Struppi-Fans in der Resistance zu verdanken, die jetzt an der Regierung waren. Vom Staatsanwalt sind die Worte überliefert: »Ich kann doch Tim nicht vor Gericht stellen. Dann müsste ich doch auch Struppi anklagen.« In einem der letzten Bände wird ein Schauprozess gegen die Detektive Schulze und Schultze eröffnet. Hergé spielt in seiner fiktiven Welt so den Prozess nach, der ihm nie gemacht wurde.

Wann begann Hergé mit der Linken zu sympathisieren?
Schon 1946, als er Tim nach Amerika fliegen lässt, diese Reise schlägt um in eine fast marxistisch anmutende Kritik am Kapitalismus und auch am Rassismus: Da hat jemand eine Bank überfallen und die Polizei meldet, dass man bereits sieben Schwarze aufgeknüpft hätte, aber der tatsächliche Schuldige entkommt.

In Tim und die Picaros fährt Tim auf einem Motorroller mit Anti-Atomkraft-Aufkleber und bricht mit einem General Alcazar, der wohl kein geringerer als Che Guevara sein soll, eine Revolution vom Zaun. Hergés politische Einstellung ist allmählich von rechts nach links gewandert, deswegen ließ er später seine politische Jugendsünde Tim im Lande der Sowjets lange nicht wieder auflegen.

Werden sich die Literaturwissenschaftler irgendwann auf eine eindeutige Lesart von Tim & Struppi einigen?
Mein Hohepriester heißt Roland Barthes, und der lehrt: Lesen bedeutet ständiges Neu-Interpretieren; eine Geschichte wird bei jedem Lesen immer wieder neu geschrieben. Und Tim & Struppi ist voller komplexer Doppeldeutigkeiten, darin besteht seine Qualität.

Wird Tim & Struppi noch in fünfzig Jahren gelesen werden?
Natürlich, der Balkankonflikt, der Ölkonflikt, internationaler Waffenhandel – alle diese Themen prägen unsere moderne Welt und alle kommen schon bei Hergé vor. Man wird Hergé immer lesen können.

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Tom McCarthys Buch »Tim & Struppi und das Geheimnis der
Literatur« erscheint Mitte April im Verlag Blumenbar.

Hergé (Illustration)

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