»Curtis war ein Genie«

Fred Cash von den Impressions spricht über seinen langjährigen Bandkollegen Curtis Mayfield, die wechselhafte Geschichte der Gruppe, ihren Hit »People Get Ready« und ihr überraschendes Comeback bei Daptone Records.

Die Impressions Anfang der Siebzigerjahre: Reggie Torian, Fred Cash, Sam Gooden (von links). In derselben Besetzung treten sie auch heute noch auf, wobei Reggie Torian die Gruppe für etliche Jahre verlassen hatte und erst 2006 wieder dazustieß.

Foto: Archiv Fred Cash

Ich habe ein Faible für Überlebende, und in der Soulmusik gibt es davon zum Glück noch einige. Stevie Wonder, Smokey Robinson, Al Green und Aretha Franklin sind weiterhin auf Tour, ebenso wie die Four Tops und die Temptations, auch wenn in beiden Gruppen nur noch ein Original-Mitglied zu finden ist. Das können die Impressions toppen: Mit Sam Gooden und Fred Cash sind noch zwei Original-Mitglieder dabei – beide singen schon über 50 Jahre bei der Gruppe, haben sie mit verschiedenen Leadsängern weitergeführt, als Curtis Mayfield 1970 ausstieg, und halten sie nun schon seit Jahrzehnten quasi im Alleingang am Leben.

Kommerziell spielen die Impressions schon lange keine große Rolle mehr: Ihr letztes Major-Album erschien 1981, in den Neunzigern und Nullerjahren waren sie als Oldie-Act auf Tour; als Leadsänger fungiert inzwischen Reggie Torian. Nun kam es aber zur überraschenden Wende: Im vergangenen Herbst erschien eine neue Impressions-Single auf Daptone-Records, produziert von Binky Griptite, Gitarrist bei den Dap-Kings. Und erst letzte Woche waren die Impressions in England und haben ihre Single »Rhythm!« zum ersten Mal live vorgestellt. Dank dieser Entwicklungen hatte ich vor einiger Zeit die Gelegenheit, mit Fred Cash zu telefonieren.

Fred Cash, ich war sehr überrascht, freudig überrascht, dass im vergangenen Herbst auf Daptone eine neue Impressions-Single erschienen ist. Kann es sein, dass seit der letzten größeren Veröffentlichung der Impressions schon über dreißig Jahre vergangen sind?
Ja, das kommt ungefähr hin.

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Wie kam es zu der neuen Single?
Unser Manager, DJ Pari, hat jemanden kennengelernt, der neues Material mit uns produzieren wollte: Binky Griptite, Gitarrist von Sharon Jones & The Dap-Kings. Als wir uns mit Binky einig waren, haben wir unseren alten Freund Johnny Pate angesprochen, der damals in den Sechzigerjahren alle großen Hits für uns arrangiert hat. Ich hatte mich vor einigen Jahren mal mit ihm getroffen, damals meinte er: Wenn ihr mich braucht, ruft einfach an. Das habe ich gemacht.

Hat Johnny Pate nicht schon in den Vierzigern in Big Bands Bass gespielt? Er muss inzwischen uralt sein!
Ja, er ist Mitte Achtzig. Aber er sieht aus, als wäre er fünfzig! Er ist schlank und topfit.

Ich finde die neue Single wirklich toll. Ein perfekter Tribut an den Chicago-Soul der Sechzigerjahre und ein perfekter Tribut an Curtis Mayfield.
Bei mir zu Hause habe ich diese alte Platte von Major Lance mit dem Track »Rhythm!« gefunden, auf dem wir damals schon die Backing Vocals gesungen haben. Curtis hat ja für viele verschiedene Künstler geschrieben und wir waren oft mit im Studio, um Backing Vocals zu singen – bis die Plattenfirma irgendwann gesagt hat: Die Impressions sind ja lauter als die eigentlichen Sänger! Also mussten wir damit aufhören. Ich fand den Track »Rhythm!« schon immer gut, also sind wir ins Studio gegangen und haben ihn aufgenommen.

Daptone ist bekannt für Retro-Soul, nun ist erstmals eine Gruppe auf dem Label, die schon damals berühmt war.
Es ist toll, mit Daptone zusammenzuarbeiten. Neil und seine Leute machen wirklich gute Arbeit. Ich bin ganz begeistert, dass wir dort gelandet sind. Überhaupt haben wir viel Glück gehabt: Wir sind immer noch da, immer noch auf Tour und immer noch in der Lage, unsere Lieder zu singen.

Wird es ein komplettes Album geben?
Ja, das ist geplant.

Lassen Sie uns ein wenig über die Geschichte der Impressions reden. Als 1958 die Debütsingle »For Your Precious Love« erschien, waren Sie noch nicht dabei, oder?
Nicht mehr, kann man sagen. Ich war dabei, als Sam Gooden, Richard Brooks und Arthur Brooks in Chattanooga die Roosters gründeten, den Vorläufer der Impressions. Aber als die Jungs dann nach Chicago gingen, durfte ich nicht mit – ich war nämlich erst 14 und meine Mutter hat es nicht erlaubt. In Chicago haben sie Curtis Mayfield und Jerry Butler kennengelernt, der allerdings nur ungefähr sechs Monate in der Gruppe war. Als »For Your Precious Love« ein Riesenhit wurde, ist er gleich wieder ausgestiegen und hat alleine weitergemacht.

Und Sie konnten wieder bei den Impressions einsteigen?
Ja. Meine Mutter hatte den Song inzwischen im Radio gehört und stand der Sache etwas positiver gegenüber.

Im Nachhinein erscheint es als Segen, dass Jerry Butler die Impressions verlassen hat. Erst so kam der unverwechselbare Sound der Gruppe zustande, mit Curtis Mayfield als Leadsänger und Ihnen und Sam Gooden im Background.
Ja, das stimmt. Wir drei hatten schon zusammen geprobt, als die beiden anderen, Richard und Arthur Brooks, auch noch dabei waren. Es war also kein Zufall, dass sich dieses Line-Up ergab – wir wussten genau, dass es funktionieren würde.

Unverkennbar an Ihrem Gesang sind die Anleihen bei der Gospelmusik.
Sams Vater war Pfarrer, meine Mutter hat in unserer Kirche Klavier gespielt, ich bin dort quasi aufgewachsen. Und Curtis’ Großmutter war eine Predigerin, die in Chicago ihre eigene »Storefront Church« hatte. Wir kamen alle aus der Kirche, dieser Sound hat uns einfach entsprochen.

»Es war schrecklich, ihn im Rollstuhl zu sehen. Ich wollte eigentlich den ganzen Tag bei ihm bleiben, aber das hat mich alles so mitgenommen, dass ich nach ein paar Stunden wieder abgereist bin«

Der beste Beweis dafür ist wahrscheinlich der Song »People Get Ready«, bei dem man nicht sagen kann, ob das jetzt Gospel- oder Soulmusik ist.
Selbst Paul McCartney hat mal irgendwo geschrieben, wie schön der Song sei! Er entstand in Philadelphia, als wir dort im Uptown Theatre aufgetreten sind, zusammen mit den Temptations, Smokey Robinson & The Miracles, Martha Reeves & The Vandellas und einigen anderen Gruppen. Die Temptations kamen raus und sangen einen unserer Songs, nämlich »Gypsy Woman«. Wir haben uns revanchiert und einen ihrer Songs gesungen, nämlich »The Girl Is Alright With Me.« Sie kamen wieder auf die Bühne und sangen einen Song von uns, wir einen von Ihnen. So ging das weiter, bis wir keine Songs mehr von ihnen kannten. Da meinte Curtis, dass wir »People Get Ready« singen sollten, den wir gerade erst einstudiert hatten. Wir haben den Song nur mit Gitarrenbegleitung gesungen – und obwohl niemand im Publikum ihn kannte, sind die Leute regelrecht augeflippt. »People Get Ready« war nicht nur ein Hit, sondern gilt, wie einige andere unserer Songs, als Hymne der Bürgerrechtsbewegung.

Wie nah waren Sie der Bürgerrechtsbewegung damals?
Wir sind oft bei Demonstrationen oder Protest-Veranstaltungen aufgetreten. Und genauso oft haben die Demonstranten unsere Songs gesungen, ohne dass wir dabei waren. Andrew Young, der mit Martin Luther King zusammengearbeitet hat, hat mir mal erzählt, wie wichtig für ihre Veranstaltungen unsere Songs »People Get Ready« und »Amen« waren: Zur Inspiration haben alle gemeinsam diese Lieder gesungen.

1968 gründete Curtis Mayfield sein eigenes Label Curtom. Die Impressions-Alben, die dort erschienen, waren, was den Sound und die politischen Botschaften betrifft, radikaler als die zuvor bei ABC erschienenen Platten. Wie haben Sie diesen Übergang in Erinnerung?
Curtis hatte den Finger am Puls der Zeit. Die Stimmung im Land veränderte sich und damit auch unsere Musik.

Was war er für ein Mensch?
Curtis war ein Genie. Als Komponist, Performer und Produzent war er absolute Weltklasse. Er wurde mit diesem Talent geboren – »Gypsy Woman« schrieb er mit 12 oder 13, glaube ich. Er war schon damals eine alte Seele.

Es heißt, er sei ein recht ernsthafter Typ gewesen.
Ja, Curtis und ich waren beide keine großen Partygänger. Wenn die anderen irgendwo gefeiert haben, blieben er und ich lieber im Hotel. Da konnte es dann sein, dass er nachts um eins an meine Tür klopfte und sagte: Fred, hör dir das mal an! Ich kam dann rüber in sein Zimmer, er saß mit seiner Gitarre auf dem Bett und sang mir seinen neuesten Song vor.

Wow!
Aber er hatte auch jede Menge Humor. Er hat uns oft Streiche gespielt. Wir hatten viel Spaß zusammen und sind immer gut miteinander ausgekommen.

Wie hart war es, als er sich entscheid, die Impressions zu verlassen?
Sehr hart. Wir wussten zuerst nicht, wie es weitergehen sollte. Aber es gelang uns, die Gruppe mit neuen Produzenten und neuen Sängern am Leben zu halten, so dass wir auch nach seinem Abgang noch fünf oder sechs Hits hatten. Am schwersten war es, einen neuen Lead-Sänger zu finden – einen Curtis Mayfield kann man eigentlich nicht ersetzen. Das geht einfach nicht. Aber jemand hat uns dann mit Leroy Hutson zusammengebracht, so ging es erstmal weiter.

Warum hat Leroy Hutson eigentlich nur ein Album mit den Impressions gemacht?
Er wollte ebenfalls seine Solo-Karriere starten. Als wir ihn trafen, studierte er an der Howard University in Washington, DC. Er war sehr talentiert und hatte von Anfang an den Plan, irgendwann Solo-Alben zu machen.

Waren Sie sauer auf Curtis?
Nein, seine Entscheidung war nachvollziehbar. Das Label wurde immer erfolgreicher und er wollte weniger touren, um mehr Zeit für seine Aufgaben als Produzent und Labelchef zu haben. Aber dann hatte er plötzlich einen Riesen-Hit mit »Superfly«, so dass er doch wieder auf Tour gehen musste.

Haben Sie einen Lieblingssong von den Impressions?
Ja, »It’s Alright«. Der Song hat mir mein erstes Haus finanziert, deswegen bin ich da voreingenommen. Sam und ich waren schon als Kinder in Chattanooga Nachbarn, auch in Chicago wohnten wir nebeneinander. Und noch heute singen wir zusammen.

Das vorerst letzte Album der Impressions erschien 1981. Sind Sie und Sam Gooden danach weiterhin als Musiker aktiv gewesen, oder mussten Sie Ihren Lebensunterhalt auf andere Weise verdienen?
Sam und ich sind aus Chicago weggezogen, zurück nach Chattanooga. Meine Eltern waren schon ziemlich alt und ich habe mich um sie gekümmert. Wir sind aber immer weiter auf Tour gegangen, auch ohne Label. Wir haben zwar nicht mehr so viele Shows gespielt wie früher, aber wir haben nie aufgehört zu singen.

Hatten Sie in diesen Jahren weiterhin Kontakt zu Curtis Mayfield?
Ja, bis zu dem Tag, an dem er gestorben ist. Wir haben regelmäßig telefoniert und ihn oft in Atlanta besucht.

1990 hatte Curtis Mayfield einen furchtbaren Unfall: Bei einem Konzert wurde er so unglücklich von einem umfallenden Lichtmast getroffen, dass er danach vom Hals abwärts gelähmt war.
Ich weiß noch genau, wie wir die Nachricht im Radio hörten. Wir waren in Texas auf Tour, als es passierte. Als wir zurück in Chattanooga waren, fuhr ich gleich mit meiner Frau nach Atlanta, um Curtis im Krankenhaus zu besuchen. Es war schrecklich, ihn im Rollstuhl zu sehen. Ich wollte eigentlich den ganzen Tag bei ihm bleiben, aber das hat mich alles so mitgenommen, dass ich nach ein paar Stunden wieder abgereist bin.

Es heißt, dass er seine positive Lebenseinstellung trotz dieses schweren Schicksals nicht verloren hat.
Das stimmt. Er hat versucht, sich zusammenzureißen und den Kopf nicht hängen zu lassen. Seine Frau hat mir allerdings erzählt, dass er nachts schon gelegentlich deprimiert war. Wie könnte es auch anders sein – schließlich war er vom Hals abwärts gelähmt und für alles auf andere Menschen angewiesen. Aber er ist mit der Situation so gut umgegangen, wie er konnte. Immer wenn ich ihn gesehen habe, hatte er gute Laune.