Trag’s mit Humor

Egal, ob Oscars oder Met-Gala: Die britische Künstlerin Angelica Hicks imitiert die Designerkleider der Stars – und das mit einfachsten Mitteln wie Mülltüten, Frischhaltefolie und Ferrero-Rocher-Papier.

Fotos: instagram.com/angelicahicks

Die Ferrero-Rocher-Papierchen brachten den Durchbruch. Die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal hatte bei den Oscars 2022 ein etwas seltsames Kleid von Schiaparelli getragen. Eine schulterfreie schwarze Robe mit großen goldenen Rosetten darauf, und Angelica Hicks hatte es am nächsten Tag mal eben zu Hause nachgemacht: mit schwarzem Stoff, Pappe für den Ausschnitt und ein paar draufgeklatschten goldenen Folien, deren Nuss-Nougat-Inhalt sie sich vor der Kamera in den Mund schob. Die Billig-Kopie sah dem Original so verblüffend ähnlich, dass sie allein auf Tiktok bis heute 2,4 Millionen Mal angeklickt wurde. Es war Hicks erstes Video, das viral ging.

Hicks ist Britin, hat Kunstgeschichte in London studiert und schließlich in New York, wo sie heute lebt, mit Illustrationen angefangen. Ihr Stil war frisch, häufig kam die Modewelt darin vor. 2017 erschien ihr Buch »tongue in chic« mit Zeichnungen von lustigen Zwitterwesen wie Jil Salamander oder Gazelle Bündchen, kurz darauf zeichnete sie im Auftrag von Modelabels wie Gucci.

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Weil sie schon immer sehr handwerklich und bastelmäßig begabt war, fing sie irgendwann an, Looks vom Roten Teppich nachzuahmen. Allerdings nicht mit maximalem, sondern mit betont minimalem Aufwand: zerschnittene Bettlaken, Mülltüten, Putzhandschuhe, fast immer Tape, das sind ihre typischen Hilfsmittel. Die Bilder stellte sie auf Instagram dann direkt neben das Original. »Aber wenn man nicht weiß, dass meine Plateauschuhe in Wahrheit aus Socken mit einer Packung Salz drunter bestehen, ist es ja witzlos«, erzählt Hicks über Zoom. Erst als sie ihren ganzen Schaffens- beziehungsweise Schnipselprozess auf Video aufnahm und mit schnellen Schnitten versah, entstand das Format, das heute auf Social Media fast eine halbe Million Follower hat.

Große Events wie die Met-Gala am kommenden Montag sind traditionell Steilvorlagen für die 30-Jährige. Wonach sie ihre Vorlagen aussucht? Möglichst schick? Irgendwie seltsam? Außergewöhnliche Proportionen? »Ganz verschieden«, sagt Hicks. »Bei manchen Kleidern weiß ich einfach sofort: Das kann ich! Ich habe immer meinen Schrank und meine Küchenschubladen im Kopf.« Die Balenciaga-Couture-Robe von Nicole Kidman wickelte sie im Nu mit Frischhaltefolie nach, einmal kam auch schon dieses Schaumstoffgitter zum Einsatz, das manchmal um Äpfel gestülpt ist. Bei ihr und ihrem Freund wird selten etwas weggeschmissen, der Fundus ist riesig, nur gelegentlich muss sie etwas zusätzlich kaufen. Längliche Enoki-Pilze zum Beispiel, die im Video dann fast genauso wie die Verzierung auf einem Prada-Rock aus der nächsten Herbstkollektion aussahen. »Die gab es dann am nächsten Tag zum Essen«, sagt Hicks. Ihre Ideen sind meist so simpel wie genial. Ein fransiges Wolltop stellte sie kürzlich mit gekochten Thai-Nudeln nach. Dass der Effekt nur oberflächlich betrachtet funktioniert, tut der Begeisterung keinen Abbruch.

Vor ihr wurde bereits Celeste Barber zum Social-Media-Star, weil sie Models und ihre übertriebenen Posen parodierte. Die australische Komikerin ist aktuell sogar in der Netflix-Komödie »Wellmania« zu sehen. Aber Hicks besteht darauf, dass sie sich hier eben nicht über etwas lustig mache. »Ich versuche nicht, eine möglichst trashige Version einer Designerrobe zu kreieren. Es ist eher eine Hommage. Im Grunde mache ich selbst Couture«, meint Hicks. Allerdings endet jedes Video mit einem deutlichen Augenzwinkern, das bei ihr ein doppeltes Hochziehen der Augenbrauen ist.

Hicks filmt sich jeweils in ihrer New Yorker Wohnung. Alle Utensilien breitet sie auf dem Tisch aus, an dem gerade ihr Computer für den Videocall steht, dann lässt sie einfach die Kamera laufen und legt los. Wie lange sie ungefähr für einen Look brauche? »Ganz ehrlich: Ich glaube das längste, mit Schnitt und allem Drum und Dran, waren 25 Minuten.« Neben Gyllenhaal ist ihr zweiterfolgreichstes Video ein gestreiftes Kleid von Balmain, das sie mit Toilettenpapierbahnen nachahmte. »So einfach das aussieht – Toilettenpapier reißt schnell, wie wir alle wissen«, erzählt Hicks. Fans wie die ehemalige Chefredakteurin der US-Instyle Laura Brown kommentieren dann meist mit Sätzen wie: »Ich sehe überhaupt keinen Unterschied!«

Beschwert habe sich bislang noch keine Marke, sagt Hicks. Eher im Gegenteil. Pierpaolo Piccioli von Valentino ist großer Fan. Das Duo Proenza Schouler lud sie bei der letzten Fashion Week ein, gleich nach der Show einen der Laufsteg-Looks zu interpretieren. Sie suchte sich ein gold-schimmerndes Kleid aus – und machte es mit einer Notfall-Foliendecke nach. »Selbst wenn sich mal jemand auf den Schlips getreten fühlt, sagt er das in der Regel nicht«, glaubt Hicks. »Das kommt auf Social Media einfach nicht gut.« Heidi Klum dagegen postete ein Video, in dem ihr Kleid mit Frischhaltefolie kopiert wurde, sofort auf ihrem eigenen Account. Soll noch mal einer sagen, die Modewelt verstehe keinen Spaß.

Typischer Instagram-Kommentar: »Same same, but different!«
Sagt eine Prominente zur anderen: »Auch schon gehicksed worden?«
Passende Serie: MacGyver