Ein echter Pigcasso

Weil der Mode die spektakulären Kooperationspartner ausgehen, hat sich ein Uhrenhersteller jetzt auf dem Bauernhof nach neuen Designern umgeschaut. Ist das Kunst oder kann das weg?

Wer einer Google-Suche zum Thema »Geschenkideen für Menschen, die schon alles haben« nachgeht, der stößt auf ein Sammelsurium aus personalisierten Automatten oder Toblerone-Schachteln, Zeitungen vom Tag der Geburt, Star-Wars-Messerblöcken und Tischspringbrunnen. Hinzu lässt sich nun ein weiteres Schmuckstück addieren: Eine Armbanduhr, gestaltet von einem Schwein.

Diese Bereicherung haben wir dem Schweizer Uhrenhersteller Swatch zu verdanken, der pünktlich zum chinesischen »Jahr des Erd-Schweins« seine neue, limitierte Kunstedition lancierte, deren weißes Ziffernblatt und Armband mit bunten Pinselstrichen des südafrikanischen Schweins »Pigcasso« bedruckt sind.

Hat man sich für das letzte Designmeeting auf einen entlegenen Bauernhof zurückgezogen und gab in tiefer Schaffenskrise irgendwann das Zepter an die örtlichen Vierbeiner weiter? Weit gefehlt, bei Pigcasso handelt es sich um eine wahre Künstlerin. Seit sie 2016 von ihrer Besitzerin vor dem Schlachthof gerettet wurde, streicht das laut ihrer Webseite einzige malende Schwein der Welt mit ihren abstrakten Pinselstrichen bis zu 2000 Euro pro Bild ein, alle signiert mit ihrem Rüsselabruck.

Ist das Kunst oder kann das weg? Tatsächlich ist Tierkunst schon seit Jahrzehnten Gegenstand der Wissenschaft. In den 50-er Jahren malte der Schimpanse Congo im Zuge von Experimenten des britischen Verhaltensforschers und Künstlers Desmond Morris unangeleitet rund 400 abstrakte Bilder – und entschied sogar, wann diese fertig waren. Auch Orang-Utans, Gorillas, Elefanten und Vögel haben schon mit Pinsel und Skulpturen experimentiert. Ihre Werke, teilweise durchaus schwer von menschlichen zu unterscheiden, wurden erstmals 2012 in einer Ausstellung in London versammelt.

Und seien wir mal ehrlich: Wer heute in der Mode- und Accessoire-Welt mit neuen Kooperationspartnern für Aufregung sorgen will, hat es schwer. Seit Karl Lagerfeld 2004 erstmalig mit H&M arbeitete, haben wir so ziemlich jeden noch so absurd erscheinenden »Designer«-Zusammenschluss gesehen. Das überhippe New Yorker Skatelabel Supreme verkaufte nicht nur bereits einen eigenen Ziegelstein, sondern auch einen mit Braun entworfenen Reisewecker, von Vetements gab es die berühmten DHL-Shirts, Balenciaga hauchte der banalen »Frakta«-Tasche von Ikea neues Luxusleben ein, Dolce & Gabbana kooperierte mit dem Pasta-Hersteller Pasta Di Martino und verkaufte ein Päckchen Nudeln für 95 Euro. Und auch die Werke großer Künstler werden in der Mode regelmäßig weiterverwertet: Es gibt Vans-Sneaker mit Van-Gogh-Portraits und Louis-Vuitton-Rucksäcke mit Mona-Lisa-Print.

Ob Pigcassos bunte Striche nun höhere Kunst sind, liegt im Auge des Betrachters. Was bei dem einen oder anderen menschlichen Schmuckdesigner herauskommt, ist allerdings auch nicht künstlerisch wertvoller. Immerhin kommen die Einnahmen aus Pigcassos Arbeit der Tierschutzorganisation Farm Sanctuary SA zugute, die zu mehr Mitgefühl mit Nutztieren aufruft. 

Wird getragen von: Menschen, die schon alles haben, Tierfreunden, Museums-Shop-Fans
Wird getragen mit: Sammeltasse von Hundertwasser, Seidenkrawatte mit Seerosen-Print, Chagall-Regenschirm
Der Song dazu: The Cure, »Pigtures Of You«

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