Ist das der zäheste Trend aller Zeiten? Selten hat etwas so lange gedauert, sich in der Mode durchzusetzen wie die Handtasche bei Männern. Vielleicht ist die kritische Masse jetzt erreicht: Der australische Schauspieler Jacob Elordi trägt ständig Flechttaschen von Bottega Veneta durch die Gegend. Sein Kollege Timothée Chalamet ist häufig mit kleineren »Cross Body Bags« unterwegs. Die Musiker Bad Bunny, Harry Styles, A$AP Rocky tun es auch, und vor ein paar Tagen wurde Pedro Pascal mit seiner neuen Dauer-Begleitung in New York fotografiert: einer schwarzen Tasche von Chanel.
Irgendwie längst überfällig. Schließlich müssen Männer ja auch ein- bis zehnmal am Tag irgendetwas einstecken, und eigentlich spricht nichts dagegen, den Kram nicht in Rucksäcken oder komischen Kuriertaschen zu verstauen (die Aktentasche hat sich spätestens mit dem digitalen Zeitalter erledigt), sondern in schönen Ledertaschen.
Historiker verweisen in diesem Zusammenhang gern darauf, dass Männer schon im 16. oder 17. Jahrhundert kleine Jagdtaschen und größere Geldbörsen mit sich herumtrugen. Viel hilfreicher ist an dieser Stelle aber das legendäre Bild von Samuel Beckett 1971. Aufgenommen in den Straßen von Santa Margherita Ligure, an seiner Schulter eine Gucci »Jackie-Bag«. Bis heute ist nicht ganz geklärt, ob es seine eigene oder die des Fotografen war, auf jeden Fall hängt sie dort so selbstverständlich als sei er noch nie ohne aus dem Haus gegangen. Obwohl Beckett eher nicht zur Kategorie gehörte, die man heute einen Trendsetter nennen würde. Wahrscheinlich war ihm einfach ziemlich egal, was andere über ihn dachten. Bis heute übrigens die beste Voraussetzung, um als Mann eine Handtasche zu tragen.
Es dauerte dann grob ein Vierteljahrhundert, bis sich Joey in »Friends« 1999 in eine schwarze Handtasche verliebte und eine ganze Folge lang über die Vorzüge einer »Man’s Bag« schwärmte, während sich seine männlichen Freunde über ihn lustig machten. Noch mal knapp zwanzig Jahre später schrieb die amerikanische Vogue über »Motes« (Tote Bags für Männer) und »Murses« ( von »Purse«), die allmählich überall seien, weil sogar David Beckham mal mit einer Tasche gesichtet worden war.
Allerdings war »überall« eher nicht auf den Straßen von Kansas City oder Paderborn, wo man mit einer Handtasche immer noch schief angeguckt oder gefragt wurde, ob die Freundin gerade in der Umkleidekabine wäre. Überall war vor allem auf den Laufstegen der großen Luxusmarken, wo männliche Models seit geraumer Zeit hartnäckig mit Taschen aller Art bestückt werden. Accessoires gehören für die meisten Marken ja zu den stärksten Umsatzbringern. Männer waren auf diesem Gebiet bislang so etwas wie die störrische Cash-Cow – die partout kein Zaumzeug will. Aber womöglich hat das penetrante Vortragen doch etwas gebracht.
Nachdem junge Männer seit Jahren selbstverständlich »Bum Bags« tragen, also Gürteltaschen, oft klein und aus Nylon, sind nun immer mehr von ihnen auch mit Ledertaschen zu sehen. Und zwar nicht mehr nur in Gestalt großer Weekender, sondern tatsächlich in Formen und Farben, die traditionell eher Frauensache sind. Nach Jahren des plakativen Gender-Bendings scheint sich allmählich so etwas wie Gender-Egalität einzustellen. Vielen ist es endgültig egal, wer was wie trägt. Auch der Diskurs von wegen »mote« und »murse«: total egal.
Natürlich sind Handtaschen bei Männern deshalb trotzdem noch nicht »überall«. Übrigens genau so wenig wie der Männerohrring oder die Männerkette von Leuten wie Lars Klingbeil oder Thomas Müller getragen wird. Wer sich demnächst dafür entscheidet – als Pose oder einfach, weil er Lust dazu hat – sollte es in jedem Fall mit einer beckett-ähnlichen Selbstverständlichkeit tun. Im Englischen sagt man »to own something«, wenn jemand etwas sehr selbstbewusst und authentisch trägt. In Bezug auf Handtaschen bei Männern heißt es im übertragenen Sinne sogar noch mehr: Es muss wirklich so aussehen, als sei es die eigene, selbst gewählte Handtasche, nichts, was man sich hat anhängen lassen.
Wird auch getragen von: Lewis Hamilton, Joe Alwyn, Nic Kaufmann
Wird getragen mit: Haltung
Das sagt die Vogue: »What’s in your bag?«
Es hängt endlich am Mann
Die Männerhandtasche ist endgültig da: Stilsichere Herren wie Timothée Chalamet, Jacob Elordi und A$ap Rocky machen es vor. Fragt sich nur, wann Kansas City und Paderborn folgen?

Timothée Chalamet, Jacob Elordi und A$ap Rocky mit vielen tausend Euro teuren Lederwaren im Gepäck.
Foto: Getty Images (2), Bottega Veneta