Sehnsucht im Gepäck

Taschen aus Korb und Bambus, wie es sie derzeit bei sämtlichen Modeketten gibt, schreien nach einem Wochenmarktbesuch – und haben dennoch dasselbe Problem wie ihre großen Schwestern, die Picknickkörbe.

Schauspielerin Michelle Williams ging schon 2017 mit ihrer Korbtasche, wie es sich gehört, auf einen römischen Markt

Foto: Ernesto Ruscio / Gettyimages

Die französische Riviera kann überall sein, in Wanne-Eickel, Manchester, Los Angeles, egal. Man muss sich nur an die Idee klammern, was sehr viele Frauen gerade sehr sinnbildlich verstehen. Sie greifen zu kleinen Körben als Handtaschen und halten den geflochtenen Henkel fest in den Händen. Wie luftig leicht das Leben plötzlich sein kann! Dazu dieses sanfte Knistern im Ohr, wenn man etwas in den Bauch des Körbchens legt. Zurück zur Natur! Zur Sonne! Zur - ok, nein, zur Freiheit leider nicht.

Denn nach einer Weile nervt dieses ewige in der Handhalten natürlich, umhängen ist unmöglich und wenn in den größeren Korb-Varianten erst mal die Geldbörse, der Großstädter-Schlüsselbund und der Einkauf vom Wochenmarkt ist, den man mit einem dieser Behältnisse nicht nicht ansteuern kann, hinterlässt das Ablegen des Henkels auf dem Unterarm deutliche Druckstellen. Aber gehören leichte Blessuren nicht zum Landleben dazu? Endlich ein Produkt, das sein Versprechen einlöst.

Populär gemacht hat den Korb als Handtasche Jane Birkin, die in den Siebziger Jahren neben Serge Gainsbourg häufig eine »Basket Bag« spaziereren führte, das Flechtwerk war quasi die erste Birkin Bag. Die Schauspielerin trug dazu vorzugsweise ein weißes Kleid und weil Jane Birkin aus Ermangelung geeigneter Nachwuchskräfte immer noch ständig als Stilikone herhalten muss, wird dieser Sommerlook jedes Jahr in Magazinen reproduziert. So richtig weg waren Körbe also nie, so wie Espadrilles mit ihrer Jutesohle beim Knacken der 20-Grad-Grenze auch sofort wieder im Spiel sind.

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Aber 2016 kam eine neue Variante dazu. Die amerikanische Designerin Jasmin Larian erfand unter ihrem Label Cult Gaia die »Ark Bag« aus Bambus, die sich auf den Instagram-Feeds so schnell verbreitete wie in Spiritus getränkte Weidenzweige Feuer fangen. Womöglich auch, weil die Taschen mit einem Einstiegspreis von 140 Euro nur einen Bruchteil anderer angesagter Modelle kosten. Letzten Sommer wurde die »Arche« dann an der Hand von Michelle Williams und Jessica Alba gesehen, mittlerweile liegen Korb-, Bast- und Bambustaschen in allen Varianten bei Zara über Topshop bis Hallhuber. Sie werden mit Leder kombiniert, eingefärbt, ihre Henkel mit Seidenschals umwickelt, damit zwischen all dem Gestrüpp wieder ein bisschen Individualität durchschimmert.

Absehbarer Nachteil dieses Trends: Er ist mehr Sommerflirt als Dauerliebe. Spätestens ab Oktober wirken Korbtaschen so fehl am Platz wie Mon Chéri im Hochsommer, Nässe ist ihr natürlicher Feind. Hoffentlich ergeht es ihnen nach diesem »Basket-Boom« nicht so wie ihren großen Schwestern, den geflochtenen Picknick-Körben. Sie wandern jedes Jahr massenhaft als Hochzeitsgeschenk und Aboprämie in die Großstadt-Haushalte. Weil sie ja auch so eine Sehnsuchts-Idee transportieren: Bei ihrem Anblick liegt man gedanklich mit einem Bein schon auf der karierten Picknickdecke, Grashalm im Mund, neben den festgeschnallten Tellerchen wurden Einweckgläser, Baguette und französischer Landwein in den Korb gepackt. Blöderweise liegt das Ding dann so schwer in der Hand, dass man eigentlich einen SUV zum Transport der Landparteien bräuchte, plus eine Picknickstelle mit Parkplatzanschluss. Die meisten Körbe erblicken deshalb weder Wiesengrund noch Sonnenlicht, sondern landen in dunklen Abstellkammern und Speichern. Ihr Zauber erstickt, immerhin das Knistern ist noch manchmal da: Bei jedem Aufräumen und Umschichten kann man es wieder hören.

Wird getragen von: Michelle Williams, Jessica Alba, sämtlichen Influencern
Typischer Instagram-Kommentar: »Hey Rotkäppchen, wieder Kuchen und Wein für die Großmutter dabei?« 
Das sagen die Verkehrsbetriebe: »Gelegenheit macht Diebe! Bitte achten Sie auf Ihre Wertsachen.«

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