»Ich kam klar in der geschlossenen Psychiatrie«

Markus Berges, Sänger der Band »Erdmöbel«, über den Song, der seine Zukunft bestimmte - und jenen, der ihm im Umgang mit schwierigen Patienten half.

    Christoph Tempes


    #1 »The Magician« von Andy Shauf

    Das Album »The Party« von Andy Shauf hat in mein Jahr 2016 eingeschlagen wie eine Bombe. Es fing an mit »The Magician«, eines Abends gehört auf byte.fm. Sofort bin ich zum Rechner und habe mir das Lied ein zweites Mal angehört, das lange Klavier-Intro, an dem dann noch dieses sofort unvergessliche Klarinetten-Intro klebt, bis endlich Andys näselnde Stimme mit diesem merkwürdigen Akzent aus Saskatchewan, Kanada, erklingt: »Just a shaking hand without a concrete plan.« Ich habe dann 2016 fast nichts anderes mehr gehört und bin, da das Konzept-Album einer einzigen Party gewidmet ist, ein Jahr lang immer wieder auf diese Party gegangen. Insbesondere erinnere ich mich an Fahrten mit Andy Shauf in einem italienischen Leihwagen und an das gemeinsame Singen, an lauter vergebliche Versuche mit seinem Timing, seiner Saumseligkeit aus Saskatchewan, Schritt zu halten.


    #2 »Lady Stardust« von David Bowie

    Meine Cousine hatte im Urlaub eine Kassette dabei und hörte sie im Zimmer einer Tiroler Pension rauf und runter. Und sie hatte sich verändert; meine Cousine wusste plötzlich etwas, das ich nicht wusste. Wir hatten uns immer gut verstanden, aber mit einem Mal war ich für sie uninteressant. Das war keine Enttäuschung - es entsprach einfach den neuen Verhältnissen. Denn Sie war plötzlich interessant. Zum Beispiel hatte sie neuerdings einen Freund. Was sie nicht hinderte, im Urlaub einen Neuen kennen zu lernen. Zu meiner »neuen Cousine« gehörte eine neue Musik. Auf ihrer Kassette war das Album »Ziggy Stardust« von David Bowie. Musik, deren Reiz ich nicht ganz verstand. Insbesondere den Reiz dieser irgendwie immer verstellten Stimme. »Lady Stardust« war ihr Lieblingslied. Meine Cousine hörte es so oft, ich hörte es so oft, ein - zu fetter - Welpe auf ihrem Teppich, dass es sich mit mir zu verknüpfen begann. Am Ende der Ferien enthielt es irgendwie meine Zukunft: Musik.


    #3 »Hypernuit« von Bertrand Belin

    Ich weiß bis heute nicht, worum es in diesem Song geht, denn ich kann kein Französisch. Kürzlich habe ich den Text in einen Translator eingespeist. Es kam was ziemlich Düsteres dabei raus - egal. Der Song ist sonnig und Bertrand Belin sowieso immer um den Abgrund bemüht. Wie wunderbar ist allein dieses klanglich unübersetzbare »Hypernuit«. Ich empfehle dringend das Livevideo mit dem verrückten Tänzer aus LaBlogotheque. Bertrand Belins herzliche Coolness bewundere ich.

    #4 »Your Daddy's Car« von Divine Comedy
    Beschwörung der Jugend. Wann fängt das an? Mein Sohn, gerade 18, romantisiert bereits jetzt gelegentlich seine Vergangenheit. »Kennst Du Divine Comedy?« Ich erinnere mich, wie Holger mir vor Jahren im Kölner Elektra – er hinter der Theke, ich davor – »Your Daddy’s Car« vorspielte, gleich eines von Divine Comedys besten Stücken. Ich bekam damals eine Gänsehaut, obschon ich kaum ein Wort verstand von der schönsten Beschwörung der Jugend, die ich kenne:

    »we took your daddy's car / and wrapped it round a tree / we didn't know what for / we didn't feel like driving any more / it was so good we got bored / and we are driving from the day we are born«.

    #5 »Hope You're Happy Now« von Elvis Costello
    1986. Ein Glücksjahr. Ich kam klar in der geschlossenen Psychiatrie (als Aushilfspfleger!), nahm 15 Kilo ab und wurde Elvis-Costello-Fan. Es gab da zwei Brüder in meiner Kleinstadt, die sich seit längerem schon erfolgreich mit ihrem Costello-Fantum wichtig machten. Also kaufte ich mir »King Of America«, das neue Album, und musste mich an Country-Musik gewöhnen. Dann erschien noch im gleichen Jahr »Blood And Chocolate«, bis heute eines meiner absoluten Lieblingsalben. Allein die Produktion! Ekki Maas, der Produzent von Erdmöbel, behauptet hartnäckig, das Album sei komplett in mono. War ich in den kommenden Jahren auf einer Party mal DJ, habe ich immer meinen Lieblingstrack »I Hope You're Happy Now« aufgelegt und meistens allein dazu getanzt. Ein Verhalten, das mir damals gar nicht seltsam vorkam.

    #6 »Immun« von Romano
    »Romano ist der größte deutschsprachige Entertainer!«, behauptet Ekki Maas. Wir waren mit der kompletten Band kürzlich bei Romanos Show und dort mit dem ganzen Saal »Meine, meine Mutti« zu brüllen war ziemlich komisch und ziemlich erhebend zugleich. Denn Romano ist ja lustig, aber er macht niemals Witze. Das neue Album »Copyshop« ist toll. Am liebsten sind mir aber die Agitprop-Klassiker vom Vorgänger: »Fackel die Bank ab« und »Immun«.


    #7 »One Sunday Morning« von Wilco

    Der schönste Song von einer Band mit vielen schönsten. Beim letzten Konzert, das ich gesehen habe, betraten sie die Bühne und begannen mit »One Sunday Morning«. Die Studioaufnahme dauert bereits zwölf Minuten. Ich kannte diesen ruhigen Song nicht. Und er war magisch. Es war zum Weinen schön. Ich übertreibe hier kein bisschen! Das ganze Konzert wirkte danach verzweifelt, als würden auch Wilco merken, dass sie ihr ganzes Pulver versehentlich bereits in den ersten fünfzehn Minuten verschossen hatten. Es war großartig!

    Am 23. Februar ist das neue Erdmöbel-Album »Hinweise zum Gebrauch« erschienen. Hier geht es zum Video des neuen Songs »Tutorial«.

    Foto: Christoph Tempes

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