German Angst

Seit Jahrzehnten gilt Verzagtheit als typisch deutsche Eigenschaft. Aber ausgerechnet jetzt, mitten in der Krise, werden die Deutschen vom Ausland als erstaunlich gelassen wahrgenommen. Ist das eine neue »German Lässigkeit«?

Vielen Leuten in den Nachbarstaaten, nicht zuletzt den Polen, war es lange Zeit ein Rätsel, wie die Deutschen so wohlhabend und zugleich so unglücklich sein konnten. In den Straßen brummten die Luxuskarossen, auf den Gehsteigen wogten die Pelzmäntel, und doch machten die Leute lange Gesichter, aus denen man den unterdrückten Albtraum vom atomaren Winter ablesen konnte.

Der deutsche Begriff der »Angst« fand Eingang in die Sprachen der Welt, er kam aus den Tiefen der deutschen Seele. Keine andere Nation verkörperte so präzise eine Gefühlsregung, die über bloße Furcht hinausging, aber noch nicht in Panik ausartete. Natürlich spielte die Geschichte eine Rolle: Die Deutschen hatten alles verloren, erst ihr Geld, dann ihr Leben. Sie wussten, was es hieß, in der Stunde Null neu anzufangen. Die Berliner Mauer war die sichtbare Strafe für den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg. Scham mischte sich mit Angst: Wie war dieser Drang zum Massenmord entstanden? Und konnte er vielleicht wieder zum Vorschein kommen?

Die Wirtschaftswunderjahre haben diese Sorgen nie ganz ausgelöscht. Wohlstand galt als Ergebnis harter Arbeit, und war nichts, womit man sich brüstete. Die Angst dümpelte unter dem deutschen Alltag dahin wie ein dunkler Fluss.

Umso faszinierender ist es, die Ausgeglichenheit zu beobachten, eine Abwesenheit von Furcht, grenzend an Sorglosigkeit, mit der die Deutschen auf den schlimmsten Konjunktureinbruch seit der Weltwirtschaftskrise reagieren. Eine Krise, die in New York die Restaurants veröden, den Verkehr auf den Straßen zurückgehen und die Amerikaner um ihre Jobs, Renten, Häuser, also um ihre Existenz bangen lässt.

Deutschland steht in dieser Wirtschaftskatastrophe keineswegs außen vor. Wie auch, als viertgrößte Wirtschafts- und größte Exportmacht der Welt? Die Ausfuhrzahlen sinken, die Arbeitslosigkeit steigt, das Land sieht seiner schwersten Rezession seit Jahrzehnten entgegen. Jenseits der Grenzen, in den ehemaligen kommunistischen Ländern Mitteleuropas, ist eine Kernschmelze im Gange. Landeswährungen sausen in den Keller – jetzt keine Witze über den Zloty! –, und Ungarn fleht um einen gewaltigen Sanierungsplan für die Region.

Und doch stellt sich der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück hin und erklärt munter: »Die Stimmung ist besser als die Lage.« Die Welt steht Kopf: Die Lage ist fürchterlich, aber die Deutschen sind glücklich! Oder sie bewahren zumindest Ruhe. Gönnen sich eine Maniküre weniger, aber gehen noch immer auswärts essen. Niemand hortet Bargeld unter der Matratze.

Ein Grund ist natürlich, dass Deutschlands Probleme nicht so akut sind wie anderswo, und die schlimmsten Szenarien noch nicht eingetreten sind. Das Land kannte weder eine Kredit- noch Immobilienblase, die Zwillingsphänomene, die Verwerfungen von Miami bis Madrid zur Folge hatten. Meine Freunde in Berlin jammerten lange, dass die Immobilien und Grundstücke, die sie vor einem Jahrzehnt oder mehr gekauft hatten, nicht an Wert gewannen, während die Preise in anderen europäischen Hauptstädten wie London und Paris explodierten. Jetzt sind sie nicht mehr so unglücklich.

Die Deutschen haben positive Sparquoten und kaum Schulden – ein angstmindernder Zustand, um den sie die Amerikaner mit ihrer Kredit- und Hypothekenlast nur beneiden können. Dazu verschafft ein Sozialstaat Linderung, der den Arbeitsplatzverlust wenigstens für einige Monate erträglich macht. Und die inzwischen großflächig eingeführte Kurzarbeit drosselt die Arbeitslosigkeit. Vor Kurzem pendelten sich die jeweiligen Arbeitslosenquoten in den USA und Deutschland bei etwa acht Prozent ein, jedoch mit einem grundlegenden Unterschied: In Amerika ist diese Zahl im historischen Vergleich sehr hoch.

(Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite: Jeder siebte Berliner ist arbeitslos. Sogar Hunde beziehen Sozialhilfe. Wie viel schlimmer kann es da noch kommen?)

In den vergangenen 13 Monaten wurden dort 4,4 Millionen Arbeitsplätze vernichtet (was allein die Gesamtanzahl der Arbeitslosen in Deutschland übersteigt). Die deutsche Quote sieht dagegen noch recht gut aus, verglichen mit der vor einigen Jahren. Kein Wunder, dass sich das Selbstverständnis beider Nationen in völlig verschiedene Richtungen entwickelt hat.

Ein weiterer Faktor für die neue Ausgeglichenheit der Deutschen ist meiner Meinung nach, dass eine Hauptstadt in der Regel die Stimmung im Land vorgibt, selbst in einem föderalen Staat wie Deutschland. Berlin ist schon seit Jahren pleite. Deshalb wirkt sich der weltweite Finanzkollaps auf diese Stadt ohne Industrie nur geringfügig schwerer aus als auf, sagen wir, Havanna.

Ich habe mich immer über all die Leute gewundert, die ich auf meinem Weg zur Arbeit im Café am Savignyplatz sitzen sah. Sie nippten an ihren Cappuccinos, und mehrere Stunden später, als ich wieder vorbei kam, saßen sie immer noch da. Ihr Müßiggang schien sie keineswegs zu beunruhigen. Die Menschen in Havanna machen wohl das Gleiche, nur trinken sie dabei Rum.

Jeder siebte Berliner ist arbeitslos. Sogar Hunde beziehen Sozialhilfe. Wie viel schlimmer kann es da noch kommen? Als ich meinen Künstlerfreund Matthias Mansen fragte, welche Veränderungen ihm in den letzten Monaten aufgefallen seien, meinte er, keine. »Die Stadt ist immer noch so kalt und grau wie eh und je und die Leute verhalten sich wie immer: Sie wühlen sich eben irgendwie ans Tageslicht.«

Er sagte aber auch, er habe seit Mai kein einziges Werk verkauft, und in Lübeck, wo er ein Boot liegen hat, seien die Containerschiffe im Flusskanal spärlicher geworden. »Die Leute spüren, es liegt etwas in der Luft«, meinte er. »Aber bis auf Weiteres wollen sie wohl nicht so genau hinsehen.« Wahrscheinlich spielt in der jetzigen Stimmung in Deutschland auch Verdrängung eine gewisse Rolle – »Angst, die Angst zu zeigen«, wie mir der Schriftsteller Peter Schneider erklärte.

Aber es sind auch tiefere Ursachen am Werk. Deutschlands psychologischer Werdegang nach dem Krieg war langwierig: vom Leugnen zum Eingeständnis, von der Gleichgültigkeit zum Erwachen, von Selbstzweifeln zur Selbstbehauptung, vom Reden über die »deutschen Umstände« zum Begriff der »deutschen Normalität«. Als Gerhard Schröder in Berlin regierte, verwendete er häufig das Wort »normal« – bevor er seine Seele an die Russen verkaufte. Er selbst war ja ein normaler Nachkriegs-Deutscher: Aufgewachsen ohne Vater, der im Krieg gefallen war; gezwungen, mit dem Schmerz zu leben, ihn aber nicht thematisieren zu dürfen, weil die Verluste der Deutschen von ihren Verbrechen überschattet wurden.

Mit dem Einzug der Normalität fand diese Scham ein Ende. Es wurde möglich, sich einzugestehen, was der Verlust des Vaters bedeutete. Normalität bedeutete, im Ausland zu sagen: »Ich bin Deutscher«, ohne Unwohlsein dabei zu spüren. Normalität hieß der Welt zu verkünden, dass dieses Deutschland in internationalen Angelegenheiten ein Wörtchen mitzureden gedenkt, statt wie ein wirtschaftlicher Riese, aber als politischer Zwerg zu agieren.

Solange das Land geteilt und ohne endgültige Grenzen blieb, konnte Deutschland nicht normal sein. Durch die Taten, die in Deutschlands Namen begangen worden waren, eines Nationalstolzes beraubt, begnügte sich das Land mit Jürgen Habermas’ »Verfassungspatriotismus«, ein blutleerer Begriff. Um von solchen Kunstgriffen – und der Tyrannei der Gutmenschen – den Sprung zur Normalität zu schaffen, war es nötig, sehr viele Ängste zu über-winden. »Wir fühlen uns so langsam wohl in unserer Haut, auch wenn wir darin noch immer nicht ganz heimisch geworden sind«, erzählte mir Constanze Stelzenmüller, die Leiterin des Berliner Büros des German Marshall Fund der USA.

Ich glaube, dieser allmähliche Wandel ist in den letzten Monaten sichtbar geworden. Die Deutschen sind einfach entspannter als eine Generation zuvor. Die Albträume von atomaren Wintern sind mit den sowjetischen Panzern aus der preußischen Ebene verschwunden. Die Deutschen glauben, dass alles gut wird, weil die letzten Jahrzehnte suggeriert haben, dass es so kommen wird.

Sogar die Aufnahme von 16 Millionen neuen Bürgern haben die Deutschen seit 1989 bewerkstelligt – zum Preis von 100 Milliarden Euro im Jahr, samt der Absicherung dieser Menschen über eine Sozialkasse, in die sie keinen Cent eingezahlt haben. Gegen so eine epochale Wende wirkt die Aufregung der letzten Monate, so verheerend sie auch sein mag, überschaubar.er lange Prozess der Wiedervereinigung war eine ernüchternde Angelegenheit. Er verstärkte eine bestimmte angeborene Vorsicht.

Auch dies hat zu Deutschlands jüngster relativer Ausgeglichenheit beigetragen. Wie mir Wolfgang Ischinger, der ehemalige deutsche Botschafter in den USA, deutlich machte: »Die Amerikaner waren euphorisch und sind jetzt aus dem 10. Stock jäh zu Boden gestürzt. Die Deutschen haben es nie über das Erdgeschoss hinaus geschafft.«

Und was sehen die Deutschen durch ihre Fenster im Erdgeschoss? Sie sind mit einer Europäischen Union konfrontiert, die nicht länger die behagliche Versammlung in Luxemburg ist, in der die Überzeugung herrscht, der Zusammenschluss sei der einzige Weg gewesen, die »deutsche Frage« und Europas Selbstzerfleischung zu überwinden. Stattdessen sehen die Deutschen einen streitsüchtigen Verbund aus 27 Mitgliedern, der eher das Gefühl von widerwilliger Pflichterfüllung als Begeisterung entfacht.

Wenn sie sich nach Osten wenden, hin zu dem ausgewachsenen Fiasko der »Wunder«-Wirtschaftssysteme des ehemaligen Ostblocks, ruft das deutliches Unbehagen hervor. Der gängige Tenor ließe sich etwa so umschreiben: Nicht schon wieder! Der Blick auf den Trümmerhaufen weckt Erinnerungen an die Kosten der Wiedervereinigung. Zu diesem Gefühl der Beklommenheit mischt sich auch ein letzter Rest von Überheblichkeit, die Selbstgefälligkeit von Eltern, die ihre leichtsinnigen Kinder mit den Worten tadeln: »Ich hab’s dir ja gleich gesagt.« Es ist jedoch klar, dass man kein Mitleid empfindet.

Noch weiter im Osten erahnen die Deutschen die große, amorphe Gestalt Russlands, für das sie seltsamerweise größeres Verständnis haben als für ihre unmittelbaren Nachbarn. Vielleicht schwingt so etwas wie Mitgefühl der Täter füreinander mit, wenn sich Europas reformierte Verbrechernationen gegenseitig tröstend in den Arm nehmen. Gewiss herrscht bei der Menge an Energie, die Deutschland aus Russland importiert, ein Gefühl der Abhängigkeit, gepaart mit der Überzeugung, Deutschland müsse die Brücke zwischen Moskau, der EU und der neuen US-Regierung schlagen, egal, wie erschreckend der kurze Krieg in Georgien auch war.

Was Amerika angeht, die noch immer führende Westmacht, so spielt es in den deutschen Köpfen eine weit weniger große Rolle wie einst. Die Erleichterung der Deutschen über George W. Bushs Abschied ist überwältigend, und dieses Gefühl teilen sie mit vielen auf der Welt. Aber die Probleme bleiben, die Beziehung hat ein schweres Trauma durchlebt. Um deutsche »Normalität« zu erlangen, den Abbau seiner Ängste, musste man sich auch mit seiner Abhängigkeit von Amerika auseinandersetzen.

Die Vereinigten Staaten, die in zunehmendem Maße zum globalen Hüter der Erinnerung an den Holocaust wurden, lauerten stets im Hintergrund als eine manchmal als lästig empfundene Reminiszenz an den Eiertanz, zu dem sich die Deutschen in den Nachkriegsjahren verpflichtet gefühlt hatten. Man liebte Amerika, doch nicht ganz ohne faden Beigeschmack.

Im Lauf des letzten Jahrzehnts gab es einen Bruch, Deutschland schwamm sich frei, und es kam zu einem ausgewachsenen Streit über den Irak. Der ist zwar beigelegt, Deutschland und die USA stehen sich nun eher gleichberechtigt gegenüber, doch trotz aller Verzückung über Barack Obama hält das Unbehagen an.

Die kommenden Monate werden kritisch. Noch hat die Arbeitslosenquote in Deutschland ihre Höchstzahlen nicht erreicht. Die Wirtschaft wird massiv einbrechen, da die weltweite Rezession Deutschlands Exportmotor zum Stottern bringt. Der Kollaps in Osteuropa wird in der Europäischen Union für große Spannungen sorgen und könnte zu Streiks, wachsendem Volkszorn und ganzen Völkerwanderungen führen, die Deutschland unmöglich ignorieren kann.

Werden sich die neuen, lässigen Deutschen deshalb wieder Sorgen machen? Wird die Angst mit aller Vehemenz zurückkommen? Ich denke nicht. Das 20. Jahrhundert endete mit dem Gefühl, dass die Deutschen zu sich gefunden haben. Wunden heilten, Grenzen wurden für endgültig erklärt, Einigkeit erzielt, Ängste zerstreut. Im aufrechten Gang atmen die Deutschen leichter. Sie sind stolzer, lockerer. Das sind tiefgreifende Veränderungen, die Jahrzehnte dauerten. Sie bilden sich nicht so leicht wieder zurück.

Angesichts der Wucht der deutschen Erfahrungen im 20. Jahrhundert, nach einem solchen Trauma, verliert auch die schlimmste Rezession seit den Dreißigerjahren ihren Schrecken. Die Welt sollte sich besser an die neuen Deutschen gewöhnen.


Der Autor Roger Cohen war langjähriger Berlin-Korrespondent der »New York Times«.

(Foto: dpa)

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