Die Gewissensfrage

»Mit meinem zweijährigen Sohn gehe ich seit kurzem zum Kinderturnen. Am Ende jeder Stunde spielen alle zusammen ›Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand! Und wenn er kommt? Dann laufen wir davon!‹ Ich dachte eigentlich, dieses Spiel sei – völlig zu Recht – längst ausgestorben oder zumindest umbenannt worden. Zudem bekommt mein Sohn Angst davon. Außer mir scheint sich aber niemand daran zu stören. Bin ich eine Spielverderberin, wenn ich die Turnlehrerin bitte, dieses Spiel sein zu lassen?« ALEXANDRA W., NÜRNBERG

An sich bin ich ja kein Freund übertriebener Political Correctness und stehe der Zensur von Bezeichnungen eher kritisch gegenüber. Hier kommt neben der Bewertung von Begriffen jedoch eine weitere Komponente ins Spiel: die Pädagogik. Die ist nicht mein Fachgebiet, deshalb habe ich mich bei Entwicklungspsychologen und Pädagogen erkundigt – und widersprüchliche Antworten erhalten. Einig waren sich alle, dass die Angst als solche Kinder nicht gefährdet, wenn sie in die Spielsituation eingebettet wird. Anders liege es bei Geisteswesen, etwa den »Kellermännchen«, welche man früher verwendete, um Kinder von etwas abzuhalten. Das Schüren bedrohungsfreier Angst im Spiel helfe sogar, eine sinnvolle Bewältigung dieses Urgefühls aufzubauen.An dieser Stelle endete allerdings die Einigkeit. Während ein Experte bei der Bezeichnung »schwarzer Mann« im Fangspiel – im Gegensatz zu Märchen – keine Assoziationen der Kinder von »schwarz« mit »böse« fürchtete, berichtete ein anderer, er habe bei Zweijährigen, die zum ersten Mal Menschen mit dunkler Haut sahen, spontane Furcht beobachtet. Dieser Angst vor dem Unbekannten solle man, so meinte er, entgegensteuern statt sie eventuell im Spiel zu verstärken. Reichen nun widersprüchliche Expertenmeinungen aus, um einen altvertrauten Kinderspaß zu ächten? Hier kann die Ethik helfen: Ziel muss sein, Fremdenfeindlichkeit vorzubeugen. Der Philosoph Hans Jonas forderte, dass bei Zukunftsverantwortung – und die hat man bei der Erziehung von Kindern – im Falle von Unsicherheiten »der Unheilsprophezeiung mehr Gehör zu geben ist als der Heilsprophezeiung«. Schon die begründete Furcht vor negativen Folgen legitimiert daher Ihre Bitte, auf das umstrittene Spiel zu verzichten; zumal man leicht auf andere ausweichen kann, ohne deshalb Spielverderber zu sein.

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