Die Gewissensfrage

"Mein Exfreund zog vor einem Dreivierteljahr bei mir aus und ließ – neben vielen anderen Dingen – auch seinen Gummibaum hier, aus Platzgründen, wie er sagte. Die Pflanze ist leider sehr hässlich, und mein Exfreund will sie nicht wiederhaben. Darf ich den Baum, der ja ein Lebewesen ist, auf den Kompost werfen, obwohl er noch viele Jahre durchhalten würde? Oder bin ich moralisch verpflichtet, einen guten Platz für ihn zu finden?" Marianne O., Hamburg

Was für eine komische Frage!, wird mancher sich vielleicht jetzt denken – und kann sie doch irgendwie nachvollziehen. So wenig relevant die Frage auf den ersten Blick vielleicht aussehen mag, so sehr steckt in ihr ein gewichtiges Thema: Welchen Wert hat Leben an sich? Die Problematik spiegelt sich in den Gefühlen wider: So schildert Alfred Döblin, als Nervenarzt mit der menschlichen Psyche bestens vertraut, in seiner Erzählung Die Ermordung einer Butterblume, wie sich die Schuldgefühle und Seelennöte eines Menschen bis ins Paranoide steigern, nachdem er grundlos mit seinem Spazierstock ein paar Blumen am Wegesrand geköpft hatte.

Und auch Sie lässt das Schicksal des Gummibaums nicht kalt – falls er nicht nur als Statthalter dient und Sie in Wahrheit vor allem der Beziehung nachtrauern. Überlegungen zur Verantwortung gegenüber Pflanzen finden sich auch anderswo. Manche Theologen etwa wollen alle Geschöpfe an der Würde ihres göttlichen Schöpfers teilhaben lassen. In der Schweiz hat sich die offizielle »Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich« ausdrücklich mit der »Würde der Kreatur bei Pflanzen« auseinandergesetzt. Insgesamt wird in der Bioethik diskutiert, ob und inwieweit der ganzen Natur, einzelnen Arten oder individuellen Pflanzen Schutz zukommen soll. Dass jedem Grashalm eine Würde innewohnen soll, ginge mir deutlich zu weit, aber mich überzeugt, dass jedes Lebewesen einen Wert hat, weil es eigene Zwecke verfolgt. Nur ist dieser Wert im Gegensatz zur menschlichen Würde abwägbar und abgestuft.

Konkret bedeutet das, man sollte kein Lebewesen willkürlich schädigen, aber die Interessen einer Topfpflanze haben deutlich weniger Gewicht als die Ihrigen. Deshalb brauchen Sie, wenn Sie niemanden finden, der den Gummibaum haben will, auch nicht unbedingt ein Asyl für heimatlose Topfpflanzen zu gründen.

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Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an Dr. Dr. Rainer Erlinger, SZ-Magazin, Hultschiner Str. 8, 81677 München oder an gewissensfrage@ sz-magazin.de.

Illustration: Marc Herold

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