Die Gewissensfrage

Darf man eine hilfsbedürftige Dame einfach stehen lassen, nur weil man seine Straßenbahn erreichen möchte?

"Als ich gestern zur Straßenbahn ging, fragte mich eine Frau in gebrochenem Deutsch nach dem Weg. In diesem Moment sah ich meine Bahn kommen, entschuldigte mich höflich und lief los. Hätte ich eine Bahn später genommen, wäre ich zu spät zu einem Termin gekommen. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil die Frau doch Hilfe brauchte. Habe ich falsch gehandelt?" Simona B., München

Im Dezember 1970 führten die Psychologen John Darley und Daniel Batson in Princeton ein inzwischen berühmt gewordenes Experiment durch, das sie unter dem Titel From Jerusalem to Jericho veröffentlichten: Sie schickten Theologie(!)studenten in ein Gebäude, in dem diese einen Vortrag halten sollten. Eine Hälfte sollte über den »barmherzigen Samariter« sprechen, ein biblisches Gleichnis über Nächstenliebe und Hilfe in Not; die andere über Berufsmöglichkeiten von Theologen. Einem Drittel der Studenten wurde gesagt, es sei noch viel Zeit, einem anderen Drittel, sie müssten sofort los, um pünktlich zu sein, und dem Rest, sie seien zu spät dran. Auf dem Weg zu dem Gebäude platzierten die Experimentsleiter einen zusammengesunkenen, offenbar hilfebedürftigen Mann, der hustete und stöhnte. Das Ergebnis: Von den Studenten mit viel Zeit halfen 63 Prozent, von denen ohne Zeitdruck 45 Prozent und von denen in Zeitnot nur 10 Prozent. Ohne Einfluss war überraschenderweise, ob die unfreiwilligen Testpersonen gerade die christliche Paradegeschichte über Hilfsbereitschaft im Kopf hatten oder Karrierechancen für Theologen.

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Inzwischen weiß man aus weiteren Experimenten, dass Menschen häufiger helfen, wenn man sie eine Münze hat finden lassen oder wenn sie vor einer Bäckerei stehen, aus der es nach frischen Croissants duftet. Diese Ergebnisse werden von manchen im Sinne eines »Situationismus« gedeutet, demzufolge das Handeln der Menschen mehr von der jeweiligen Situation beeinflusst wird als von ihrem Charakter. So weit würde ich nicht gehen, aber der Einfluss der Umstände lässt sich nicht leugnen.

Was heißt das für Sie? Hätten Sie eine blutende oder röchelnde Frau zurückgelassen, würde ich an Ihrem Charakter zweifeln. Bei einer Frage nach dem Weg freundlich auf die – situationsbedingte – eigene Eile zu verweisen, halte ich jedoch für vollkommen berechtigt.

Marc Herold (Illustration)

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