Die Packstation in der Nachbarwohnung

Wenn klar ist, dass man ein Paket nicht annehmen kann – ist es dann egoistisch, etwas im Internet zu bestellen? Gerade wenn der Nachbar es länger einlagern muss?

»Ich habe gestern eine Tablet-Hülle bestellt, obwohl wir heute in den Urlaub fahren. Deshalb wird die Sendung bis zu unserer Rückkehr bei unseren netten Nachbarn liegen. Meine Frau meint, dass ich ihnen das nicht auflasten dürfe. Ich meine, dass es zumutbar ist, und finde es vorteilhaft, das erledigt zu haben. Wer hat recht?« Karl Z., Bochum

Ihre Nachbarn können von Glück reden, dass Sie kein neues Fahrrad oder ein paar Bücherregale brauchen. Sondern lediglich etwas so Kleines wie eine Hülle für einen Tablet-Computer, die vielleicht sogar in einen Briefumschlag passt - sich also leicht lagern lässt bei Ihren netten Nachbarn, die offenbar laufend Sendungen für Sie annehmen und nicht nur gelegentlich. Sonst würden Sie vermutlich nichts vor Ihrer Abreise bestellen auf die Gefahr hin, dass es nach Ablauf der Lagerungsfrist bei der Post wieder zurückgesendet wird, bevor Sie aus dem Urlaub zurück sind.

Die entscheidenden Begriffe für die Antwort haben Sie selbst verwendet: Sie finden es »vorteilhaft«, das erledigt zu haben, und das Aufbewahren für die Nachbarn »zumutbar«. Ihre Nachbarn haben mit Ihrer Bestellung im Grunde überhaupt nichts am Hut, sie erweisen Ihnen lediglich einen Gefallen. Und dennoch gestalten Sie das Ganze so, dass ein Vorteil auf Ihrer Seite liegt und ein – wenn auch kleiner – Nachteil auf der Seite Ihrer Nachbarn.

Es geht hier nicht so sehr darum, dass Ihre Nachbarn durch die Sendung tatsächlich unzumutbaren Belastungen ausgesetzt wären – man kann ein kleines Paket im Rahmen der Nachbarschaftshilfe auch mal eine Woche aufbewahren –, sondern um die Haltung, die dahintersteht. Gerade dann, wenn man häufiger einen Gefallen erwiesen bekommt, ist es wichtig, darauf zu achten, diesen nicht als automatisch gegeben, als selbstverständlich anzusehen, sondern immer wieder als etwas Besonderes, auf das man keinen Anspruch hat. Dass man jemandem einen Gefallen häufiger erweist, lässt ihn durch die Macht der Gewohnheit von Mal zu Mal kleiner erscheinen. Das täuscht aber, in Wirklichkeit wird er jedes Mal größer. Und das sollte man sowohl in puncto Dankbarkeit als auch in seinem Verhalten berücksichtigen.

Literatur:

André Comte-Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben. Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1998, dort das Kapitel 10. Die Dankbarkeit, S. 157 – 166

Georg Simmel, Soziologie. Untersuchung über die Formen der Vergesellschaftung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S. 652-670

Georg Simmel: Dankbarkeit. Ein soziologischer Versuch, Der Morgen. Wochenschrift für deutsche Kultur, 1. Jg., No. 19 vom 18. Oktober 1907, S. 593-598

Otto Friedrich Bollnow, Über die Dankbarkeit, in: Josef Seifert (Hrsg.), Danken und Dankbarkeit. Eine universale Dimension des Menschseins, Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1992, S. 37 – 62

Illustration: Serge Bloch

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