Letztes Geleit für einen Mörder

Ein Mann bringt seine Ex-Frau und ihren neuen Freund um - und anschließend sich selbst. Sollte man auch an der Beerdigung des Mörders teilnehmen?

»In der Nachbarschaft hat sich eine Tragödie ereignet. Der Mann hat seine getrennt lebende Frau und deren Freund und danach sich selbst getötet. An der Bestattung der Frau und ihres Freundes haben wir teilgenommen. Sollte man auch an der Beerdigung des Mannes teilnehmen, um ihm ebenfalls ›die letzte Ehre‹ zu erweisen?« Bernd B.

In seinem Standardwerk Geschichte des Todes geht der französische Historiker Philippe Ariès auch auf das Totengeleit, wie er es nennt, ein und erklärt, dass es ursprünglich Gelegenheit bot, dem Verstorbenen »Ehrerbietung« zu erweisen. Das wäre tatsächlich schwierig bei einem Menschen, der kurz vor seinem Tod zwei andere Menschen getötet hat. Allerdings entstammen Ariès’ Belege für diese archaische Funktion Heldenepen wie der Artussage oder dem Rolandslied, was die Konzentration auf die Ehre erklärt.

Auch Sie sprechen davon, ob Sie dem Verstorbenen »die letzte Ehre« erweisen sollen. Vielleicht liegt das Problem primär in der Formulierung. Ehre ist ein schwieriger Begriff, aus dem tendenziell mehr Unheil als Gutes erwächst. Noch dazu glaube ich, dass es in diesem Fall nicht um die Ehre geht, sondern um etwas anderes, das nicht das Gegenteil, aber ein – vorzugswürdiges – Gegenmodell zur Ehre darstellt: die Würde. Man kann sie, anders als die Ehre, nicht verlieren, auch nicht, wenn man ein Verbrechen begeht. Bei dieser Auffassung stütze ich mich auf eine noch ältere Quelle als Ariès es tut, auf eines der größten Dramen der Geschichte: Antigone von Sophokles. Es nimmt seinen Ausgang an der Frage, ob auch einem Hochverräter ein Begräbnis zusteht, was Antigone unter Verweis auf das allem vorangehende Gesetz der Götter bejaht und dafür in den Tod geht.

Diesem elementaren »Gesetz der Götter« entspricht heute die Idee von der Achtung der Würde als Mensch, und das kann man hierher übertragen: Bei der Teilnahme an der Beerdigung geht es um die Bekundung der Tatsache, dass da ein Mensch beigesetzt wird und er trotz allem, was er getan hat, ein Mensch geblieben ist.

Ich würde daher den neutraleren Begriff »das letzte Geleit« bevorzugen, und das können Sie ihm als Menschen geben.

Literatur:

Philippe Ariès, Geschichte des Todes, dtv, München 1982, S. 181ff.

Laut Ariès wandelte sich das Geleit später in eines von Klerikern und Armen. Da diese dafür bezahlt wurden, sieht Ariès darin dann das letzte barmherzige Werk des Verstorbenen (S. 212ff.)

Sophokles, Antigone, zum Beispiel in der Übersetzung von Wilhelm Kuchenmüller, Reclam Verlag, Stuttgart 1955

Einen Überblick über die verschiedenen Bearbeitungen und Themen dieses zentralen Dramas bietet: George Steiner, Die Antigonen. Geschichte und Gegenwart eines Mythos, dtv München, 1990

Illustration: Serge Bloch

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