Gebrauchsanweisung für das Lebensende

Den eigenen Tod geregelt regeln, hilft später nicht nur den Angehörigen, sondern ist auch gut für das Leben im Hier und Jetzt, glauben Anhänger einer weltweit wachsenden Bewegung. Eine Amerikanerin veranstaltet deshalb Abschiedspartys und auch eine Todes-Hebamme bietet ihre Dienste an.

Wie sollen meine letzten Dinge geregelt sein? Was soll von mir bleiben? Die wenigsten Menschen zerbrechen sich darüber den Kopf.

Foto: Getty Images / wundervisuals

Das Problem: Die meisten Deutschen haben kein Testament, und schon gar keine detaillierte Wunschliste, was mit ihnen und ihren Besitztümern gegen Ende des Lebens geschehen soll.
Die Lösung: Abschiedspartys zu Lebzeiten.

Amy Pickard ist eine quirlige, lebenslustige Amerikanerin mit einem blonden Lockenkopf und einem ansteckenden, breiten Lachen. Sie ist auch die CEO einer Firma namens »Good to Go!« mit Ausrufezeichen, und das, was sie mit ihrer Firma verkauft, ist noch schwärzer und härter als Coffee to Go: Sie möchte, dass Sie sich Gedanken darüber machen, wer Ihre Habseligkeiten bekommt, wer Entscheidungen in dem Fall trifft, dass Sie entscheidungsunfähig werden, und was mit Ihren sterblichen Überresten geschehen soll.

Als ihre eigene Mutter 2012 unerwartet starb, ließ sie Pickard nicht nur mit Schock und Trauer zurück, sondern auch mit einer Fülle praktischer Probleme: »Am Sonntag war sie noch da, am Montag war sie weg. Ein Albtraum.« Statt sich Zeit zum Trauern nehmen zu können, war Pickard mit Detektivarbeit beschäftigt: »Du irrst durch den Trauer-Dschungel, aber gleichzeitig musst du dich um all die Logistik kümmern. Ich hatte eine Million Fragen.« Welche Rechnungen müssen bezahlt werden? Hatte sie Online-Accounts, und wie lauten die Passwörter? »Was möchte sie wohl, dass ich mit ihren persönlichen Dingen mache? Ihrem Laptop? Ihren Fotos?« Bald wurde Pickard klar, dass es für das Lebensende keine Gebrauchsanweisung gab. »Also beschloss ich, eine zu schreiben. Einfach, damit andere Leute es einfacher haben als ich.« Sie nahm sich ein Jahr Auszeit von ihrem Job als Fernsehproduzentin, und als sie sich fragte, wie sie ihre Ideen am besten unter die Leute bringt, kam ihr der Gedanke: »Warum machen wir kein Fest draus?«

Wie sie das angeht, ist vielleicht ein wenig gewöhnungsbedürftig, nämlich mit Humor. Pickard, 50, trägt ein schwarzes T-Shirt, auf dem in großen weißen Buchstaben steht: »Das Leben ist eine Nahtod-Erfahrung.« Ihr Firmenlogo ähnelt dem Facebook-Logo: ein hochgestreckter Daumen auf blauem Grund. Mit guter Laune und in sommerlich bunten Hippiekleidern veranstaltet Pickard Good to Go!- Partys, kurz G2G, wie ihre oft jungen Kunden abkürzen. Denn Pickard meint, man solle sich mit dem Ende des Lebens nicht erst ab 85 beschäftigen, sondern spätestens mit Mitte 30, am besten schon mit 18. »Ich tu nicht so, als sei der Tod was Romantisches, aber ich will, dass sich die Gespräche darüber normalisieren. Der Tod gehört zum Leben. Punkt. Und seit ich mich damit beruflich beschäftige, weiß ich das Leben viel mehr zu schätzen.«

Amy Pickard, die Gründerin von Good to Go!

Foto: privat

Auch hierzulande haben die allermeisten Menschen (zwei Drittel, bei den unter 45-jährigen sind es mehr als 80 Prozent) kein Testament, und schon gar keine detaillierte Wunschliste, was mit ihnen und ihren Besitztümern gegen Ende des Lebens geschehen soll. Zu Allerseelen gedenken wir der Verstorbenen; fast jeder kennt Gleichaltrige, die bereits verstorben sind, aber wer will sich schon dem Gedanken nähern, dass es für einen selbst morgen vorbei sein könnte? »Selbst wenn Leute mit einer tödlichen Krankheit diagnostiziert werden und wissen, dass es zu Ende geht, schieben sie alles auf, bis es zu spät ist«, weiß auch Alua Arthur aus Los Angeles. Die 37-Jährige ist von Beruf Hebamme, aber nicht für den Anfang des Lebens, sondern für den Anfang vom Ende. Als Death Doula, also als Todes-Hebamme, hilft die ehemalige Rechtsanwältin mit ihrer eigenen Organisation »Going with grace« Menschen in den letzten Lebensstunden: »Die Leute verbringen nicht genug Zeit damit, darüber nachzudenken, was sie wollen und das auch zu kommunizieren.«

Dafür sind die Good to Go!-Partys da, die die Scheu davor nehmen sollen, die letzten Dinge zu besprechen. Pickard, die eigentlich aus der Unterhaltungsbranche kommt und bis zum Tod ihrer Mutter »nie daran dachte, das Death Girl zu werden«, vergleicht die Partys mit »Tupperware Partys, nur mit dem Thema Tod.« Man lädt seine engsten Freunde ein, bringt Drinks und Essen (jeder bringt das Lieblingsgericht eines Verstorbenen), und irgendwann setzt man sich gemeinsam hin und geht die Abschiedsakte durch. Wer bekommt meine Plattensammlung? Wie will ich beerdigt werden? Gibt es entfernte Verwandte oder ehemalige Freunde, die man anrufen soll? Auch eine »Geschichte der Lebensfreude« ist Teil der Planung, Gedanken zu all den Dingen, die einem im Leben die größte Freude bereiten. »Das kann man toll auf einer Party besprechen, aber weniger gut, wenn jemand in der Intensivstation liegt.«

Amy Pickard erreicht mit diesem Konzept auf Facebook nicht nur die ältere Generation, sondern auch die Jungen. Keine staatstragenden weißen Lilien, kein melancholischer Chopin, sondern Rock'n'Roll und Bier. Pickard stellt sogar eine rockige Death Playlist zur Verfügung: Another One Bites the Dust und Kockin` on Heaven`s Door stehen ganz oben auf der Liste. »Ich bin keine Rechtsanwältin, keine Ärztin, ich bin jemand, der das selbst durchgemacht hat und anderen damit helfen will.«

Als dann Pickards Vater vier Jahre nach der Mutter starb, war sie vorbereitet: „Es war eine Riesenerleichterung, ihm im Krankenhaus, als er nicht mehr sprechen konnte, in die Augen zu schauen und zu sagen: Papa, ich habe alles genau so geregelt wie du es wolltest.“

Tatsächlich ist das Thema ist für mich als Autorin dieses Textes gerade sehr persönlich. Wir wühlen zur Zeit zögerlich durch die Schränke meiner Schwiegermutter. Wir, das sind ihre drei Kinder und ihre Angehörigen. Meine Schwiegermutter ist noch da, aber nur noch körperlich. Sie hat ihr Kurzzeitgedächtnis verloren, kann sich kaum noch an etwas erinnern und wird nie mehr alleine leben können. Ihr kleines Haus steht seit über einem Jahr leer, es ist Zeit, es zu verkaufen, aber was machen wir mit ihren geliebten Gemälden? Ihrer Büchersammlung? Ihren Fotoalben? In 83 Jahren hat sie Schränke voller Erinnerungen angesammelt. Keiner von uns hat Platz, sie in unserem Zuhause zu verstauen, aber die persönlichen Dinge wegzugeben oder gar wegzuwerfen kommt uns unethisch vor.

Dass das ein Thema ist, das fast jeden betrifft, zeigt sich daran, dass Amy Pickard in wenigen Jahren bereits Hunderte von G2G-Parties organisiert und Tausende von Abschiedsordner verkauft hat. Abgesehen von Rechtsanwaltskanzleien und Finanzberatern, die man für Testamentsangelegenheit zu Rate ziehen kann, gibt es auch eine Fülle von Apps, die versuchen, bei der Lösung behilflich zu sein. Sie heißen Cake, Grace oder Everplans, und sind nicht schlecht, aber sie alle kranken an der gleichen Abwehrhaltung: Sie sind nicht erfolgreich, weil wir uns alle nicht mit unserer Sterblichkeit beschäftigen wollen. »Über den Tod zu sprechen, bringt dich nicht um«, sagt Amy Pickard, wohlwissend, dass viele da abergläubisch sind. Sie lacht, weil zur Zeit jeder zweite Amerikaner Skelette und Halloween-Dekorationen vor dem Hauseingang stehen hat, »aber an den echten Tod will niemand erinnert werden.«

Vielleicht also muss man dafür nach Schweden schauen. Die Schweden haben sogar einen Begriff dafür: dostadning, »das Ausmisten vor dem Tod.« Stadning heisst Aufräumen, und do ist der Tod. Die schwedische Künstlerin Margareta Magnusson, 83, hat dazu ein Buch geschrieben, und auf deutsch ist der Titel etwas sanfter übersetzt als das englische Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen. Magnusson sagt, es sei Teil der skandinavischen Kultur, schon zu Lebzeiten auszumisten, alles zu regeln und das nicht den Nachfahren zuzumuten. »Wenn man darüber nachdenkt, was einmal bleiben soll, kommt das Leben jetzt in Ordnung«, sagt Magnusson.

Wem das immer noch nicht einleuchtet, der sei an Matthew Mellon erinnert: Als der Banker in diesem Frühjahr mit 54 Jahren unerwartet starb, hinterließ er ein Millionenerbe, aber ein Gutteil davon in Kryptowährung. Den Schlüssel dazu hielt er geheim. Nun weiß seine Familie nicht, wie sie da rankommen soll. Es geht um die Kleinigkeit von 450 Millionen Dollar.

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