Lasst die Tanne im Wald

29 Millionen Weihnachtsbäume werden jedes Jahr in Deutschland abgeholzt – eine ökologische Katastrophe. Dabei gibt es sinnvolle Alternativen.

Fest verwurzelt: Weihnachtsbäume in freier Wildbahn.

Foto: Pixelperfection/Fotolia.de

Das Problem: Die meisten Weihnachtsbäume werden in Monokulturen gezüchtet und sind schwer mit Pestiziden belastet.
Die Lösung: Lasst die Tanne im Wald.

Der Stern, der Stall, die Krippe, die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland – das könnte alles ungefähr so gewesen sein, wie wir es uns vorstellen, auch wenn es sich historisch nicht exakt belegen lässt. Aber in einem Punkt sind wir, unsere Weihnachtsbräuche betreffend, ganz sicher einem Mythos aufgesessen: beim Christbaum. In der Bibel steht nichts von Nadeln, Kerzen und Glaskugeln. Man kann sogar ganz sicher sein, dass vor zweitausend Jahren rund um Bethlehem weder Nordmann-Tanne noch Blaufichte wuchsen.

Das hält uns Deutsche aber nicht davon ab, in dieser Saison wieder 29 Millionen abgesägter Bäume zu kaufen. Quasi den halben Schwarzwald, und das alles für einen One-Night-Stand.

Die Nöte des Tannenbaums kann jeder im »Buch Zwei« der aktuellen SZ-Wochenendausgabe nachlesen: Kaum eine Pflanze wird so massiv überdüngt und mit giftigen Chemikalien in die perfekte Form gezüchtet. Als der Bund für Umwelt und Naturschutz letztes Jahr 17 Christbäume auf Pestizide testete, waren 13 massiv belastet. Das »Buch Zwei« zeichnet den unseligen Weg der Glyphosat-gestärkten Stengel nach, die aus der Intensivstation direkt in unsere überheizten Wohnzimmer verfrachtet werden, bevor sie bald danach auf der Müllkippe verrotten. Den wenigsten ist vergönnt, wenigstens moralisch korrekt im heimischen Garten kompostiert zu werden oder als Elefantenfutter zu enden. Eine ökologische Katastrophe.

Andere versuchen, ihr schlechtes Gewissen mit baumähnlichen Kreationen aus gestapelten Büchern oder recycelten Klobürsten zu beruhigen

Ich habe es die letzten Jahre jeweils mit einem lebenden Baum versucht, muss aber kleinlaut gestehen, dass es nicht gelang, diesen nach dem Fest artgerecht auszuwildern. Trotz aller aufrichtigen Bemühungen – gießen, umtopfen, im Umkreis ihrer Artgenossen im Wald aussetzen – starben die Bäume im Lauf des Frühjahrs einen schleichenden, qualvollen Hungertod. Das kam mir noch brutaler vor als das Umsägen. Wenn schon tot, dann lieber kurz und schmerzlos, zu den Klängen von »O du fröhliche«.

Andere versuchen, ihr schlechtes Gewissen mit baumähnlichen Kreationen aus gestapelten Büchern oder recycelten Klobürsten zu beruhigen; und auf Pinterest wetteifern Heimbastler um das originellste Turmgebilde aus Holzresten und Schnüren, an denen sie buntbemalte Sterne befestigen.

Beim Urlaubsspaziergang auf Maui letzte Woche begegnete mir noch eine andere Variante: Mitten im Wald stieß ich auf eine leuchtend grüne, 1,80 Meter große Norfolk-Tanne. Das Bilderbuch-Exemplar  war wohl schon einem anderen Spaziergänger aufgefallen, denn an ihren Zweigen hingen sechs glänzende Silberkugeln. Der perfekte Weihnachtsbaum, mitten im Wald! Fünfmal schaute ich in den folgenden Tagen nach, immer waren die Kugeln frisch poliert, aber trotz mehrerer Versuche, den zuständigen Weihnachtsmann zu ertappen, lief er mir nicht in die Arme. So bleibt nur zu hoffen, dass er die Kugeln nach der Weihnachtszeit auch wieder entfernt. Denn so schön es ist, sich einen Baum in freier Wildbahn für die weihnachtliche Besinnlichkeit zu suchen – nach dem Fest sollte natürlich keine Dekoration in der Natur zurückbleiben.

Eine ziemlich geniale Idee: die Tanne im Wald zu lassen. Sie nadelt nicht, macht keinen Dreck, man muss sie nicht mühsam nach Hause schleppen, sie wurde nicht mit Pestiziden behandelt und wird vom Trauma des Umtopfens verschont. Wer aber nun nicht in Waldnähe wohnt oder keine Lust hat, bei klammen Temperaturen durch den Forst zu stapfen und sich einen schönen Baum zu suchen, kann die Tanne auch rein symbolisch draußen lassen – und dabei noch etwas für den deutschen Wald tun, dem der trockene Sommer vielerorts schwer zu schaffen gemacht hat.

Das Bergwaldprojekt, 1987 bei Würzburg gegründet, hat sich dem Schutz der heimischen Wälder verschrieben. Unter dem Motto »Weihnachtsbäume für den Wald« kann man dort für 17 Euro den perfekten Weihnachtsbaum kaufen: Einen, der so naturbelassen ist, dass er im Wald bleibt und dort das Ökosystem unterstützt. Das Bergwaldprojekt ist in fünf Ländern aktiv (Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Spanien) und widmet sich dort der Aufforstung und Waldpflege zum ökologischen Waldumbau. Das Ziel: gesunder, heimischer Mischwald statt instabiler Monokulturen, was die Christbaumplantagen sind.

Es weiß ohnehin niemand genau, wie der Christbaum in die Wohnzimmer kam. Die Verehrung geschmückter Bäume begann aber definitiv schon in vorchristlicher Zeit und ist kein biblischer Mythos. In Texas wurde gerade ein 31 Jahre alter Mann verhaftet, weil er in einer Kirche Kindern beim Adventsfrühstück zurief, den Weihnachtsmann gebe es gar nicht. Auch auf die Gefahr hin, mich hier nun strafbar zu machen: Der Weihnachtsbaum ist überflüssig. Lassen Sie ihn draußen im Wald weiterleben!

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