Siehst du die Lösung nicht?

Mehr als eine Milliarde Menschen benötigt eine Brille, hat aber keine. Dabei ließen sich so auf ganz einfache Weise Millionen von Leben retten.  

Ein chinesischer Junge darf einen Sehtest machen.

Foto: Getty Images

Das Problem: Wir stürzen uns gerne auf spektakuläre Lösungen.
Die Lösung: Manche der effektivsten Lösungen sind so einfach, dass sie leicht übersehen werden, zum Beispiel diese hier: Milliarden von Menschen brauchen Brillen, haben aber keine.

Antonio, 18, ist sich ziemlich sicher, dass er Computer-Programmierer werden möchte. Eine coole App entwerfen und Millionen scheffeln, das ist sein Traum. Beinahe aber wäre der Traum schon an der allerersten Hürde gescheitert. Nicht etwa daran, dass Antonio in Manhattan in einem Obdachlosenheim lebt und seine Familie ihn nicht unterstützt - sondern daran, dass er nie entziffern kann, was der Lehrer vorne auf die Tafel schreibt. »Ich wurde überfallen, als ich 15 war, und dabei haben sie meine Brille zerbrochen«, sagt er. »Ich versuche seither immer, so nahe wie möglich an alles ranzurücken, damit ich meine Sehschwäche ausgleichen kann. Wenn ich mein linkes Auge zumache, sieht alles aus wie ein Picasso-Gemälde, verschwommen und farbig.«

Antonio ist einer der Jungs, die die »Helen Keller International«-Stiftung als exemplarischen Fall für ihre »ChildSight«-Initiative vorstellt. Helen Keller hat Antonio eine Augenuntersuchung und eine neue Brille spendiert. Nun sieht er wieder und will Informatik studieren.

Man mag es kaum glauben, aber selbst in reichen Ländern wie in den USA (und noch viel mehr in armen Ländern) gibt es ein gravierendes Problem: Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt brauchen Brillen, haben aber keine. Manche schätzen die Zahl sogar auf 2,5 Milliarden Menschen. Die New York Times machte kürzlich mit einer Reportage auf dieses Problem aufmerksam. 

Das »Vision Impact Institute« hält Sehschwäche für »die am meisten verbreitete Behinderung der Welt«. 272 Milliarden Dollar gingen der Welt dadurch an Produktivitätsleistung verloren, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Wer schon einmal vor einem kurzsichtigen Kamikaze-Lastwagenfahrer in Kenia zur Seite gesprungen ist oder sich vor einem indischen Rikschafahrer mit einem beherzten Stunt in den Straßengraben rettete, weiß, dass das Problem schnell lebensgefährlich werden kann.  »Sightsavers«, eine britische Stiftung, versucht seit Jahren, indischen Lastwagenfahrern an Truckstops zu Sehtests und Brillen zu verhelfen. Allein durch Sehhilfen könnten jedes Jahr drei Millionen Menschenleben gerettet werden, schätzen Hilfsorganisationen. 

Drei Millionen Menschenleben, und es wäre so einfach. Doch viele Menschen, uns Journalisten eingeschlossen, begeistern sich am liebsten für spektakuläre Lösungen, wenn es um die Rettung der Menschheit geht, für so genannte Moonshots: Elon Musks Kolonisierung des Mars zum Beispiel oder lebensrettende Ersatzorgane aus dem 3D-Drucker

Dabei sind es oft nicht nur die dramatischen, lebensbedrohenden Katastrophen, die unsere Aufmerksamkeit benötigen, sondern alltägliche Probleme, die Menschenleben gefährden oder extrem erschweren. Wenn wir sie nur beachten würden!

Sehbehinderung ruiniert Menschenleben: Kurzsichtige Schüler werden in der Schule als blöd abgestempelt; Sehbehinderte finden keinen Job oder nur einen schlechtbezahlten; Erntepflücker werden gefeuert, weil sie Früchte übersehen; vielversprechende akademische Laufbahnen werden abgebrochen oder gar nicht erst begonnen. »Viele dieser Kinder werden als schlechte Schüler eingestuft oder als dumm und deshalb machen sie in der Schule keine Fortschritte«, sagt Kovin Naidoo, der Direktor von »Our Children's Vision«, einer gemeinnützigen Organisation, die Brillen umsonst oder gegen einen geringen Obulus in Afrika verteilt, in der NYT. »Das ist eine weitere Hürde, aus dem Teufelskreislauf Armut auszubrechen.«

Laut der französischen Brillenfirma Essilor hat sogar jedes dritte Kind auf der Welt eine unkorrigierte Sehstörung, Tendenz stetig steigend. »Viel zu viele Kinder haben die Brillen nicht, die sie eigentlich bräuchten«, sagt Meghan Lynch, die Direktorin von »ChildSight«. »Weil sie nicht richtig sehen, können sie ihr Potenzial nicht verwirklichen. Dahinter steckt ein verheerendes Versagen unseres Gesundheits- und Bildungssystems.« »ChildSight« versorgt jedes Jahr etwa 30 000 Jugendliche in fünf amerikanischen Staaten. »Im Gesundheitsbereich gibt es wenige Probleme, deren Lösung so greifbar ist«, fährt Lynch fort. »Hier gehen wir einfach an die Schule, Universität oder den Arbeitsplatz, bieten eine Untersuchung an, verteilen Brillen, und in den meisten Fällen ist das Problem gelöst.« Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist unschlagbar: Helen Keller kostet der Service pro Kind insgesamt rund 25 Dollar.

»Das Problem mit den Augenuntersuchungen ist, dass es für viele Familien, die mit Armut kämpfen, Dringlicheres gibt«, sagt Lynch. »Solange es kein dringender Notfall ist, fokussieren die Familien ihre knappe Zeit und ihr knappes Geld auf etwas anderes. Deshalb machen wir es ihnen so einfach wie möglich, indem wir zu ihnen kommen.« Helen Keller hat die Initiative ursprünglich gegründet, um Soldaten zu helfen, die im Ersten Weltkrieg erblindeten. Wer hätte gedacht, dass sie Jahrzehnte später für Schüler gebraucht wird?

Brillen kosten in vielen Ländern nur wenige Dollar. Oft fehlt es an Augenärzten, in manchen Gegenden gilt es auch als Stigma oder Heiratshindernis, wenn einer eine Brille trägt, also kombinieren die gemeinnützigen Stiftungen ihre Dienste mit Augenuntersuchungen, Aufklärungskampagnen und manchmal, wenn Brillen nicht weiterhelfen, sogar mit ambulanten Augenoperationen. »Helen Keller International« arbeitet in 20 Ländern, um Blindheit mit Katarakt-OPs, Diabetes-Therapie und ähnlichem zu bekämpfen. Aber insgesamt mangelt es eklatant an Aufmerksamkeit für das Thema bei Stiftungen und Investoren. Nur 37 Millionen Dollar wurden im Jahr 2015 weltweit für die Verteilung von Brillen ausgegeben, schätzt die gemeinnützige Gruppe »EYElliance«, die es sich zur Mission gemacht hat, auf das Problem aufmerksam zu machen.

Hubert Sangieres, der Chef von Essilor, versuchte sogar, Bill Gates davon zu überzeugen, sich der Sache anzunehmen, denn der ist bekanntlich extrem kurzsichtig. Ohne Brille hätte er nicht Lesen lernen, programmieren oder Microsoft gründen können, argumentierte Sangieres. Ohne Erfolg.

Dabei ist das Thema so wichtig: Jetzt mal ehrlich, wie viele von Ihnen könnten ohne Brille diesen Text nicht lesen? Eben!

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