»Ich spüre die Blicke, das Stigma«

Eine Schwangere kommt aufgelöst zur Kreißsaalbesichtigung: Erst vor kurzem hat sie erfahren, dass sie HIV-positiv ist. Die Hebamme versucht, ihr die Angst vor der Geburt zu nehmen. Doch die wichtigste Geste kommt vom Partner der Frau.

Illustration: Cynthia Kittler

»Und das wäre dann einer unserer Kreißsäle«, sagte ich und öffnete die Vier, insgeheim mein Lieblingskreißsaal. Im Grunde sind sie alle gleich, aber dieser hatte für mich das beste Feng Shui. Das Bett stand in der richtigen Ecke, das Zimmer ging nach Westen raus, vor dem Fenster klimperten die Blätter einer Birke im Wind. Frau P. blickte sich um, nickte, irgendwas schien ihr nicht zu behagen.

»Wie ist das eigentlich bei der Geburt, wenn...«, sie atmete tief durch, »wenn man HIV-positiv ist?« Ich versuchte, schnell umzuschalten. »Kein Problem, damit haben wir hier Erfahrung!« Es kommt tatsächlich bestimmt fünfzig Mal im Jahr vor, dass Frauen mit HIV oder anderen Erkrankungen wie Hepatitis bei uns entbinden. Wir gelten als Spezialklinik, viele Frauenärzte der Region bieten spezielle Sprechstunden an und verweisen die Frauen an uns.

HIV ist heute zwar immer noch nicht heilbar, aber mit hochpotenten Medikamenten gut in den Griff zu bekommen. Die Virenlast im Körper kann damit so niedrig gehalten werden, dass die Infizierten meist ein ganz normales Leben führen und gar nicht mehr ansteckend sind. Aus diesem Grund können HIV-infizierte Schwangere, anders als früher, wo man fast immer zu einem Kaiserschnitt riet, heute spontan gebären. Das wusste Frau P. auch – dachte ich zumindest. Deshalb war sie doch hier, zehn Wochen vor Termin, zur Kreißsaalbesichtigung. Aber nun strich sie sich über den Bauch und wirkte irgendwie verloren.

»Im Grunde läuft es wie eine ganz normale Geburt ab« sagte ich, im Kopf einen wichtigen Grundsatz unserer Abteilung: ganz besonders und doch normal. In der Praxis heißt das, dass wir uns bei Zwillingen, Herzfehlern oder eben HIV so gut wie möglich auf das Normale und Gesunde einer Schwangerschaft zu fokussieren versuchen und nicht auf den roten Risikostempel.

Sofern sie weiter gut auf die HIV-Medikamente anspreche, sei der einzige Unterschied zu normalen Geburten, dass die Mitarbeiter in der Schlussphase blutabweisende Kleidung und Mundschutz tragen würden. »Die Ansteckungsgefahr sinkt für das Baby durch diese Maßnahmen statistisch quasi gegen Null«, sagte ich.

»Das ist es nicht...« Frau P., die anfangs bei unserem Rundgang so selbstbewusst und patent gewirkt hatte, rang nach Fassung. »Ich bin mit den Nerven total am Ende«, sagte sie und vergrub das Gesicht in den Händen, wir setzten uns aufs Bett. Eine Zeitlang saßen wir einfach nur da. Dann erzählte sie, wie die Diagnose HIV ihr vor gut vier Monaten den Boden unter den Füßen wegzogen hatte. »Kann nicht sein! Ich bin in einer langjährigen Beziehung!«, habe sie dem Frauenarzt entgegengeschleudert, der im Rahmen der üblichen Schwangerschaftsvorsorge ihre Blutwerte gecheckt hatte.

Am gleichen Tag stellte sie ihren Partner zur Rede. Es war die einzige mögliche Erklärung, oder nicht? Sie waren seit mehr als fünf Jahren zusammen, die gemeinsame Tochter war drei. Doch sein Testergebnis war negativ. Was? Woher denn dann? Sie begann nachzuforschen, telefonierte herum, versuchte den Ex-Freund zu erreichen, mit dem sie Jahre keinerlei Kontakt mehr hatte. Von einem herumdrucksenden Bekannten erfuhr sie, dass er an einer schweren Krankheit verstorben sei. Es reichte ihr als Erklärung.

Das hieß aber auch, sie trug das Virus schon lange in sich. Was, wenn sie ihre Tochter angesteckt hatte? Bei der ersten Schwangerschaft war der HIV-Test kein Teil der üblichen Vorsorge gewesen. Ihr Frauenarzt habe ihn damals zwar erwähnt, aber sie dachte: Danke, brauch ich nicht. Und jetzt… Ohgottohgottohgott.

Ihr Leben fühlte sich an wie ein entgleister Zug, der auf einen Abgrund zuraste. Am schlimmsten war es, auf das Testergebnis der Tochter zu warten. Hinzu kam die Schwangerschaft, die Übelkeit, dieser verdammte Ausnahmezustand, den sie doch jetzt nicht gebrauchen konnte, wo sie mit so einer Nachricht klarzukommen hatte. Vielleicht einfach abtreiben.

Dann die Erlösung: Wie durch ein Wunder war auch ihre Tochter HIV-negativ. »Wieviel Glück kann man haben«, dachte sie, »wieviel Glück?« Na siehst du, sagte der Freund. Alles wird gut. Die Ärzte erklärten ihr, dass sie Medikamente bekommen würde, mit denen die Virenzahl bis zur Geburt maximal gesenkt würde, und diese dem Baby auch nicht schaden würden. Man würde Mutter und Kind engmaschig überwachen, alles in allem stehe ihr eine normale Schwangerschaft bevor. Nur Stillen würden sie nicht empfehlen, um ein letztes Ansteckungsrisiko auszuschließen. Für einen Moment: Erleichterung.

Doch dann kam die Scham. HIV! Kann man doch keinem erzählen. Was würden die Eltern denken? In jedem Patientenfragebogen, bei jeder Untersuchung muss man diese Frage beantworten, auch vor der Geburt. Haben Sie HIV? Ein Feld für Ja, ein Feld für Nein. Kein Feld für »Ich hab's aber von meinem Exfreund.« Frau P. sah mich an. »Ich habe mir über sowas nie Gedanken gemacht, aber jetzt spüre ich selbst die Blicke, das Stigma.« Sie hatte Recht, das war auch mein Eindruck: Die Leute glauben, sie hätten ein Recht darauf zu erfahren, wie genau man sich angesteckt hat. Genau wie jeder Rollstuhlfahrer auch bitte immer gleich sagen soll: Unfall, Krankheit, angeboren.

Als Frau P. etwas über zwei Monate später nicht mehr am Rand des Kreißsaal-Bettes saß, sondern mit einer dicken Kugel mittendrin, wirkte sie viel gefasster, fast ausgelassen. Eine Therapeutin helfe ihr zwei Mal die Woche, in ihr altes, neues Leben zu finden, erzählte sie.

Sie war schon über Termin und zur Kontrolle da. Die Tochter malte am Tisch, der Vater saß am Bett. »Darf ich vorstellen, Frau Böhler, das ist mein Verlobter«, sagte Frau P. und grinste. Für einen kurzen Moment wusste ich nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte: Auf den Bling-Ring, den sie mir hinstreckte, oder den Mann. Ich entschied mich für den Mann und war ein bisschen co-verliebt. Gutes Timing, dachte ich, guter Typ.

Bei der Geburt wenige Tage später herrschte im Kreißsaal dann full house, alle vermummt wie beim Weltraumeinsatz. Als der kleine Ben herauskam, nahmen der Kinderarzt und ich ihn auf eine saubere Unterlage und wischten ihn akribisch ab, jede Falte, jede Körperöffnung wurde vom Blut der Mutter befreit. Er bekam noch eine Infektionsprophylaxe. Danach legten wir ihn nackt der Mama auf den Bauch. Am Ende war alles wie immer.

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