Unsere Putzfrau, mein Chef und andere Vorbilder

Nach Monaten ist unsere Kolumnistin, die Hebamme, zurück im Krankenhaus und merkt: Es hat niemand auf sie gewartet. Dabei wird ihr etwas Entscheidendes über ihre Kollegen klar.

Illustration: Cynthia Kittler

Als ich nach etwas mehr als zwei Monaten wieder zurück in die Klinik kam, empfingen mich alle sehr herzlich. Es war wie immer nicht viel Zeit, der eine drückte mich mit einem Apfel im Mund auf dem Weg in den OP: »Ich bin so froh, dass du wieder da bist...« Die andere verhaftete mich gleich zum Feierabendgetränk nach der Arbeit (»Ich will alles über deine Reise wissen!«). Andere fragten mich verwundert, ob ich weg gewesen sei. Alles in allem, der übliche wuselige Trubel.

Daniela sagte nur: »Welcome back, kannst du bitte in der 3 alles vorbereiten? Wir machen da gleich eine Fruchtwasserpunktion.« Ich stutzte kurz, schlüpfte in meinen Kasack und ging in die 3.

Daniela und ich sind seit einigen Jahren befreundet, sie hatte als Ärztin ein halbes Jahr nach mir angefangen, war in meinem Alter und damals auch neu in der Stadt gewesen. Ihren ersten Auftritt bei uns werde ich nie vergessen: Bei der Team-Besprechung mit dem Chefarzt klaubte sie sich ein Brötchen vom Patiententablett (was wir eigentlich nicht dürfen) und futterte es seelenruhig in sich rein – ich wusste sofort, ich wollte mit ihr befreundet sein. Wir hatten auch schnell Codewörter für unsere speziellen Freunde im Klinikkosmos: der Pinscher, Aggro-Andi, Gargamel. So vieles brachte uns zum Lachen. Bald gingen wir nach Schichtende aus, kauften Weihnachtsgeschenke zusammen, riefen uns nach aberwitzigen Tinder-Dates an.

Mit der Zeit begann Daniela in der Arbeit zu zögern, wenn sie mir Anweisungen gab. Als Hebamme muss man ja oft vorbereitende Tätigkeiten ausführen, Patientinnen lagern, Instrumente anreichen. Sie überlegte nun immer eine Millisekunde, ob ihr das noch immer zusteht, ob die Arzt-Hebammen-Hierarchie noch Gültigkeit hat, jetzt wo wir Freundinnen geworden waren. Hatte sie natürlich. Und ich habe keinerlei Dünkel, weiterhin Anweisungen von ihr zu bekommen. Aber dass sie zögerte, zeigte mir, was für ein reflektierter, kluger Mensch sie war (neben ihrer Brillanz als Ärztin). Und dass sie nach meiner Rückkehr kein großes Aufsehen machte, war ebenfalls heilsam für mich: Die Zeit war hier nicht stehen geblieben, die Kollegen schufteten wie zuvor auch, für jede Frau, für jedes Baby. Verdammt, an die Arbeit.

Während ich mich um die Patientin und Vorbereitungen in der 3 kümmerte, dachte ich darüber nach, wer die anderen entscheidenden Kollegen waren, ohne die ich hier nie hätte arbeiten wollen.

Olga gehörte dazu. Meiner liebsten Hebammenkollegin wäre ich außerhalb des Krankenhauses wohl nie begegnet, die Umlaufbahnen unserer Leben liegen zu weit auseinander, genauer: unser Alter, unsere Lebensentwürfe, unser Charakter. In der Arbeit ist sie raunziger als ich. Sie redet mit den Frauen gern in so einem »Schätzchen, das machen wir jetzt so«-Sound, der aber immer gut ankommt. Die Frauen lieben Olga, weil sie nicht geliebt werden will. Weil sie no nonsense ist. Weil sie wirkt, als habe sie alles gesehen. Hat sie ja auch: eine Handvoll Chefärzte, Generationen an Hebammenschülerinnen, alle Schamhaarfrisuren seit 1982.

Wenn ich Nachtschicht habe, dann am liebsten mit ihr, zumindest in ruhigen Nächten. So viele gute Gespräche von Frau zu Frau, im Schein der Schreibtischlampe am Schwestern-Desk... Ich weiß, dass Olga es nicht leicht hat. Ihr Rücken zwickt, sie ist alleinerziehend, hat drei Kinder, die ihr oft Sorgen machen. Aber statt sich zu beklagen, will sie immer, dass ich ihr aus meinem Leben erzähle und mein Herz ausschütte, nur damit sie am Ende sagen kann: »Schätzchen, du nimmst dir das alles viel zu sehr zu Herzen.«

Auch Amali will ich nicht missen. Sie putzt seit Jahren bei uns. Weil der Preiskampf im Gewerbe so hart ist, wären sie und ihr Team vor einem Jahr fast von unserer Station abgezogen und durch eine billigere Kolonne ersetzt worden. Wir setzten uns dann bei der Klinikleitung und ihrer Firma für sie ein. Für beide mag Amali austauschbar sein – für uns ist sie es nicht. Sie leistet fantastische Arbeit! Am Ende konnte sie bleiben und wir feierten mit Patienten-Merci und alkoholfreiem Sekt in der Teeküche.

Was ich an ihr am meisten bewundere, ist, wie sie mit dem umgeht, was sie täglich sieht. Sie ist so was wie der Tatortreiniger: Sie muss durch Fruchtwasserpfützen waten, Berge blutverschmierter Laken entsorgen, oft im Eiltempo den Raum zurück auf Null setzen, in dem, wenn sie hereinkommt, noch immer die Anspannung hängt, die schier endlose Freude und manchmal die Trauer.

Nie vergessen werde ich, als Amali eine Landsfrau aus Ghana auf der Station entdeckte und mich ganz schüchtern fragte, ob sie mal kurz zu ihr ins Zimmer und sie ansprechen dürfe. Ja klar, meinte ich und stellte die beiden einander vor. Als ich wenig später an dem Zimmer vorbeiging, hörte ich albernes Gekicher, später Gebete und Gesänge. Die Patientin, die zuvor eingeschüchtert und ängstlich auf die Geburt blickte, wirkte nun wie gelöst. »Bless you«, sagt Amali immer zu allen. Dabei stimmt vielmehr: »You are a blessing, Amali.«

Und dann muss ich an dieser Stelle auch über meinen Chef sprechen. Ein Typ voller Widersprüche, sein Pendant im Fernsehen wäre Dr. House. Er ist selbstbewusst (an der Grenze zur Arroganz) ob seines immensen Fachwissens. Und doch charismatisch und nahbar – mit allen von uns ist er per Du. Er ist der krasse Gegenentwurf zu jenem Chefarzt in meiner Ausbildung, über den hieß es, man solle ihn doch bitte immer mit vollem Titel (Prof. Dr.) ansprechen und stets mit Handschlag begrüßen. Das führte zu jener absurden Situation, als ich ihm einmal mit einem Patiententablett in der Hand begegnete und beim Grüßen aus Verunsicherung, was nun zu tun sei, einen Knicks machte. Einen Knicks! Noch immer schüttelt es mich vor Peinlichkeit, wenn ich daran denke.

Mein jetziger Chef ist in vielerlei Hinsicht für mich ein Vorbild. Zu uns ist er oft streng und fordernd, er hasst Fehler – vor allem, wenn sie sich wiederholen. Er neigt zu Wutanfällen, aber er schläft halt seit zwanzig Jahren auch nur vier Stunden pro Nacht.

Ich war noch ganz frisch nach der Ausbildung im Krankenhaus, als er einmal zu mir in den Kreißsaal kam, wo ich gerade eine Frau in der Eröffnungsphase begleitete. Die Frau kniete auf der Bodenmatte neben mir, ich war sofort nervös, dachte, er will mich kontrollieren. Stattdessen setzte er sich zu mir auf den Boden und veratmete mit dieser Frau zusammen die Wehen. Ich spürte: Da genießt es einer, dabei zu sein. Nicht als Randfigur, sondern mittendrin. Diesem einfachen, so erfüllenden Handwerk der Geburtshilfe nachzugehen, obwohl er sich längst um Auslastungszahlen, Etats, Fachtagungen und den Krankenhaus-Umbau kümmern muss.

Ich blickte damals zur Seite, sah, wie er die Backen aufblies, behutsam der Frau zusprach, und  dachte: Hier bist du richtig.

Und ich blickte Daniela an, die bei der Frau in der 3 inzwischen die Entlastungspunktion durchführte, spürte, wie zwischen uns ohne viel Worte jeder Handgriff der Prozedur saß. Und dachte im Gedanken an all meine Kollegen: Hier bist du noch immer richtig.

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