»Verdammt, warum hören die nicht auf zu schreien?«

Wenn Babys sich einfach nicht beruhigen können, sind die ersten Monate für Eltern die Hölle. Die Hebamme über ein befreundetes Paar, das in dunklen Momenten seine Zwillinge gerne umgetauscht hätte.

Illustration: Cynthia Kittler

Als sich im Freundeskreis die Nachricht verbreitete, dass Stefan und Ines Zwillinge bekommen würden, war die einhellige Meinung: Mit weniger wären die ja auch unterfordert gewesen. Die beiden sind ein Power-Couple-Vollgas-Gespann, wie es sie nur selten gibt: Beide haben tolle Jobs, sind Sportskanonen, machen außergewöhnliche Reisen. Haben einen Riesenfreundeskreis, renovieren ihr Bad NATÜRLICH selbst – überhaupt ist ihre Wohnung ein wahr gewordener Pinterest-Traum. Abends schauen die Beiden  nicht Netflix leer, sondern treffen gut gelaunt ihre Freunde. Ach ja, Deutschkurse für Flüchtlinge geben sie auch noch.

Als jemand, der es durch den verrückten Schichtbetrieb schon nicht schafft, die normalen Aufgaben des Alltags (einkaufen, Heizungsableser ins Haus lassen) in mein Leben zu integrieren, bewunderte ich die beiden. Sie schienen aus Tagen mit 24 Stunden irgendwie mehr rauszuholen. Wie? Keine Ahnung, aber ich mochte den Gedanken, mit Menschen befreundet zu sein, die das Raum-Zeit-Gefüge außer Kraft setzen konnten. Wenn das wer schafft mit Zwillingen, dann die, dachte ich.

»Die Zwillinge überboten sich in synchron-hysterischen Plärr-Arien«

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Leider war Ines’ Schwangerschaft nicht ganz unkompliziert. Sie hatte starke Wassereinlagerungen, erhöhten Blutdruck – das geliebte Fahrradfahren musste sie, die sonst so aktiv war, früh wegen der Gelenke aufgeben. »Ach, andere trifft es doch viel schlimmer, gehe ich eben schwimmen«, meinte sie nur. Immer auf das Positive fokussiert, wie sie eben ist. Dann stieg der Blutdruck weiter, ihre Ärztin riet, sie solle sich schonen, viel zuhause bleiben. »Nicht schlimm«, sagte Ines. Sie wollte eh noch ganz viel für die Babys nähen. Daraus wurde nichts: Denn eine Präklampsie zeichnete sich ab, die Babys, zwei Jungen, wuchsen nicht mehr und wurden per Kaiserschnitt geholt – sieben Wochen zu früh.

Die ersten drei Wochen blieben die Babys auf der Frühchenstation, erst dann kamen sie nach Hause. Auch hier zunächst: alles easy, abgesehen vom üblichen Windelwechselwahnsinn bei Zwillingen. Doch etwa nach zwei Wochen ging es los. Die Kinder schrien. Nonstop. Hatte sich das eine gerade beruhigt, begann das andere, oft steckten sich gegenseitig an und überboten sich in synchron-hysterischen Plärr-Arien.

Dass Kinder ab und zu schreien, ist natürlich normal – es ist ihr drastischster Weg, sich bemerkbar zu machen. Schreien heißt: Ich hab Hunger, ich bin müde, ich hab die Windel voll, mein Bauch drückt und ich hatte ’nen echt stressigen Tag. Was in Abgrenzung dazu ein Schreikind ist, lässt sich mit der »Dreierregel« feststellen: Drei Stunden am Stück, an mehr als drei Tagen die Woche über drei Wochen hinweg. Die Babys von Stefan und Ines lagen weit, weit darüber.

Seit ihrer ersten »Wir sind jetzt zu Viert«-Whatsapp und einer zweiten Nachricht mit Foto (»Trautes Heim«, wie trügerisch im Nachhinein) hatte Ines nicht mehr auf meine Nachrichten geantwortet – seit Wochen schon. Es war, als lebte das Paar jetzt auf einem anderen Planeten. Einem sehr lauten Planeten.

Ich machte mir Sorgen. »Wie geht’s euch denn?«, wollte ich am Telefon wissen. Doch Ines wich mir aus: »Ganz gut, die Jungs schreien halt viel, aber wir kommen klar.« Ich hörte sie schlucken – und war da ein Beben in ihrer Stimme? Da wechselte sie auch schon das Thema. Auch die Freunde begannen sich Sorgen zu machen, ein Pärchen aus dem Freundeskreis wohnte im selben Haus und bekam den Terror tagein, tagaus mit. »Komm wir machen mal Babysitter oder den Einkauf für euch«, schlugen sie vor, doch die Beiden lehnten ab.

Ich whatsappte Ines den Link zur Schrei-Ambulanz in ihrer Nähe: Da werden Protokolle angefertigt, da gibt es Pädiater und Kinderpsychologen, die versuchen, dem Schreien der Kinder auf die Spur zu kommen. Und vor allem werden die Eltern psychosozial unterstützt, die ja oft völlig am Ende sind. Übermüdet, dünnhäutig, voller Selbstzweifel. Ines bedankte sich, aber ich glaube nicht, dass sie je dort waren. Sie wollten es alleine schaffen. Sie hatten doch bisher immer alles geschafft.

Es bekümmerte mich, dass Ines nicht sagen konnte: »Verdammt, warum hören die nicht auf zu schreien? Das hab ich mir anders vorgestellt! Fuck, kann man die umtauschen?« Ich hätte ihr dann sagen können: Es liegt nicht an euch, ihr seid gute Eltern, ihr macht alles richtig. Aber ich dachte: Mehr als Hilfe anbieten – sei es für Gespräche, Entlastung im Haushalt oder professionelle Unterstützung – konnte ich nicht.

Auch für Ärzte und Hebammen bleibt es oft rätselhaft, warum manche Kinder so exzessiv schreien. Die sogenannten Dreimonatskoliken können ein Grund sein, bestimmte Unverträglichkeiten, es gibt auch Hinweise auf Fehlstellungen der Halswirbelsäule, die von Osteopathen oder Physiotherapeuten korrigiert werden können.

Oft leidet das Baby aber an einer Regulationsstörung: So nennt man den Effekt, wenn sich Babys durch Reize in ihrer Umgebung schnell erregen und sich nicht beruhigen können. Ein Teufelskreis, denn irgendwann sind sie vom Schreien so gestresst, dass es nur noch schlimmer wird. Bei Zwillingen erst Recht, denn mit ihrem Geschrei stecken sie sich oft gegenseitig an. Ein Strudel aus Wut, Verzweiflung und Erschöpfung, der die ganze Familie erfasst.

Stefan und Ines blieben abgetaucht. Fünf Monate später stand das traditionelle Hüttenwochenende an, zu dem wir uns einmal im Jahr sahen. Sie zögerten lange, hatten Sorge, den Freunden zur Last zu fallen und die Kinder aus ihrer Umgebung zu nehmen. Doch wir zählten alles auf, was dafür sprach, auch, um die Beiden mal aus ihrer Isolation zu holen. Schließlich gaben sie sich einen Ruck. Die Jungs schrien auch an diesem Wochenende viel, selbst ich, die eine gewisse Profi-Sicht hatte, empfand es als heftig. Doch Stefan meinte nur: »Du hast keine Vorstellung, es war schon viel, viel schlimmer!« Nachdem ich am zweiten Abend mitgeholfen hatte, die beiden Rabauken ins Bett zu bringen, saßen wir noch lange in der Stube zusammen.

Bei Rotwein und Südtiroler Speck brach es endlich aus Ines heraus. Es seien verzweifelte, anstrengende Monate gewesen. Sie hätten beide kaum die Wohnung verlassen. »Wir haben uns so geschämt, warum wir? Was machen wir falsch? Und dann die ganzen Ratschläge der Leute…« Ich fühlte mich sofort angesprochen, der Hinweis zur Schrei-Ambulanz… »Nein, Maja, dich meine ich nicht… Aber habt ihr eine Ahnung, wer einem alles in den Kinderwagen glotzt und ungefragt Tipps absondert? ›Haben die vielleicht die Windel voll? Oh weh, da hat anscheinend jemand Bauchweh! Kriegen die beiden denn genug Milch? Sie sind ja so ein schmales Persönchen…‹ Die Besserwisserei, das Mitleid, die unterschwellige Kritik.

»Ein Wochenende war meine Rettung«, sagte Ines und plötzlich leuchteten ihre Augen. Ein einziges Mal sei sie in den letzten Monaten rausgekommen: Zu einem Junggesellinnenabschied ihrer Freundin. »Wochenlang habe ich mich davor gefragt: Darf ich das? Und: Stefan, hältst du drei Tage allein mit den beiden durch? »Ich hätte dich sonst eigenhändig hin gefahren«, sagte Stefan und goss sich Rotwein nach. »Du warst so am Ende, du musstest raus.«

»Das Schlimme ist: Ich hab die beiden nicht vermisst, als ich weg war. Kein Bisschen. Ich war einfach nur erleichtert. Für manche bin wahrscheinlich die schlimmste Rabenmutter.« Ines wischte sich eine Träne von der Backe. »Aber als ich zurückkam, hatte ich irgendwie neue Energie.« Sie lächelte siegessicher. Ines hatte ihre Power zurück.

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