Hahn im Korb

Die wenigen Männer, die denselben Beruf wie unsere Hebamme ausüben, kämpfen gegen große Vorbehalte. Die Wehenschreiberin erzählt von zwei Kollegen: Der eine wurde schwer frustriert – und der andere Chef.

Ich werde oft gefragt: »Hast du eigentlich männliche Kollegen? Und, äh, wie heißt das überhaupt: Hebammerich, Hebammer?« Ich antworte dann immer mit der Branchen-Legende, mit der bisher jede Hebamme geantwortet hat, die ich kenne: Es gibt nur drei männliche Kollegen – davon sind zwei nicht mehr aktiv. Doch die eigentliche Pointe kommt erst noch: Der Dritte ist Chef! Die Hebammenleitung in einem großen Krankenhaus, das ich kenne, ist ein Mann.

Ein Treppenwitz der Gleichberechtigung, oder? Selbst in einem Beruf, in dem Frauen zahlenmäßig so überlegen sind, wird der einzige Mann zum Chef. Ich reduziere den lieben Kollegen S., den ich persönlich gut kenne, jetzt auf sein Geschlecht, das ist etwas unfair, denn fachlich und menschlich schätze ich ihn sehr. Und tatsächlich war er zum Zeitpunkt, als er in seinem Krankenhaus aufstieg, am längsten im Team – die gleichaltrigen Frauen waren zeitweise in Elternzeit gewesen oder fanden den Schichtbetrieb nicht mehr mit ihrem Familienleben vereinbar. S. war single, und so lief es wie überall.

Dass es so wenig »männliche Hebammen« gibt, dass man sie an einer Hand abzählen kann, stimmt auch nicht ganz. Allein ich kenne zwei: den oben genannten, und mit einem jüngeren, Stefan, von dem ich gleich noch erzählen werde, habe ich sogar zusammengearbeitet. Und auch beim aktuellen Lehrjahrgang im Krankenhaus sind zwei männliche Schüler dabei – aber deutschlandweit reden wir wahrscheinlich von einer Zahl von weit unter 100 Männern im Vergleich zu 24 000 Hebammen.

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Das korrekte Wort ist seit 1985 übrigens Entbindungspfleger. Bis dato war im Gesetz immer nur von Hebammen die Rede und es war nicht ganz klar, ob die Männer wohl mitgemeint waren. Sparkassen-Kundinnen kennen das Gefühl.

An Stefan lässt sich gut aufzeigen, welche Vor- und Nachteile es hat, in meinem Beruf ein Mann zu sein. Stefan war ein paar Jahre jünger als ich, als er bei uns anfing. Er war hypermotiviert. Unbekümmert ging er auf die Frauen zu. »Hallo, ich bin Ihr Entbindungspfleger.« Nachdem er von den Schwangeren daraufhin des Öfteren fragende Blicke kassierte, schob er immer nach: »Also eine männliche Hebamme.«

Durch Stefan wurde mir klar, wie nervig es sein kann, eine Begründungspflicht für seinen Beruf zu haben: Immer wieder, klagte er, müsse er erklären, was ihn denn bitteschön an Geburtshilfe reize. Zuerst seinem Umfeld, dann den Ausbilderinnen, später den werdenden Eltern und weiblichen Kollegen. Und immer hörte Stefan heraus: Mit dir stimmt doch was nicht. Hast du einen Fetisch? Eine Frau kann heute Mechatronikerin werden oder Elektro-Ingenieurin, »ist halt 'ne Toughe« heißt es dann gern, aber wenn ein Mann einen so genannten Frauenberuf wählt, wird gemutmaßt, da sei doch was »nicht richtig«.

Schon an der Hebammenschule, erzählte Stefan, habe er die Vorbehalte gegen ihn gespürt, die Ausbilderin sei ihm skeptisch bis ablehnend gegenüber gestanden. Es habe nur eine Umkleide gegeben – für Damen eben –, drei Jahre lang habe er sich im Putzraum umgezogen. Ich dachte: Wer solche Widerstände in Kauf nimmt, der hat Anerkennung und Respekt verdient.

In Deutschland ist das Hebammenbild fast mystisch-matriarchalisch aufgeladen. Anders als etwa in den USA, wo der Beruf vielerorts eine viel nüchternere Tradition hat, viel stärker von den Strukturen der Krankenhaus-Pflege geprägt ist. Er heißt dort delivery nurse – das klingt schon ganz anders.

Hierzulande herrscht die Auffassung vor, dass man als Hebamme lebensklug, emotional und empathisch sein muss. Und es wird davon ausgegangen, dass viele Frauen auf eine mütterliche Weise unter der Geburt betreut werden wollen. Kann das alles auch ein Mann? Aber klar. Haben Schwangere dennoch oft den Wunsch, lieber von einer Frau begleitet zu werden? Leider ja. (Auch wenn die Ansprüche in Zeiten des Hebammenmangels notgedrungen sinken.)

Stefan ging mit dem Unbehagen, das ihm seit seiner Ausbildung von seiner eigenen Zunft aber auch von den werdenden Eltern entgegenschlug, um, indem er – ich kann es nicht anders sagen – überperformte: Er wurde die mütterlichste Hebamme, die wir je hatten. Er massierte die Frauen, schüttelte Kissen auf, holte Tee – alles Dinge, die wir auch machten, aber er machte sie dreimal so oft und fünfmal so hingebungsvoll. Und trotzdem kam er ein ums andere Mal geknickt aus dem Kreißsaal und klagte: »Ich komm einfach nicht an die ran. Ich glaube, ihr Mann mag mich nicht.«

Damit wir uns nicht missverstehen: Es ist totaler Quatsch zu glauben, ein Mann könne keine Hebamme sein, weil er niemals nachfühlen kann, wie es ist, ein Kind zu bekommen. Dann müsste ja auch jeder gute Herzchirurg einen Infarkt gehabt haben. Aber ich glaube, es gibt bei einem Großteil der Schwangeren ein Bedürfnis nach einer weiblichen Nähe. Klar, das mag auch tradiert und »gelernt« sein, aber vielen fällt es leichter, sie selbst zu sein, Sorgen und Ängste zu zeigen, wenn sie in diesen extremen Stunden der körperlichen Urgewalt eine Frau an ihrer Seite haben. Sister Act.

Stefan jedenfalls wurde immer frustrierter, meinte, sein großes Engagement werde nicht gewürdigt. Die Stimmung im Team litt. Und das hatte noch einen anderen Grund: Stefan mochte zwar oft an seine Grenzen gekommen sein, er hatte zum Beispiel das Gefühl, die Frauen immer erst von seinem Können überzeugen zu müssen, von manchen wurde er ausdrücklich abgelehnt (z.B. aus kulturellen Gründen). Doch viele der Paare, die er betreute, schrieben ihm enorm viel Autorität zu. Viel mehr als uns Hebammen. »Der Arzt hat gesagt, ich soll in die Wanne«, sagte mal eine Patientin. Ich überlegte fieberhaft, wen sie meinen könnte – an diesem Tag hatten nur Ärztinnen Dienst. Bis mir kam, sie meinte Stefan. Oder seine Stellung im Team: Wenn Stefan sich bei der Leitung beschwerte, dass wir über die Feiertage zu dünn besetzt seien, wurde jener sofort hellhörig. Da konnten wir Hebammen ihn vorher drei Mal darauf hingewiesen haben.

Stefan bewarb sich schließlich weg, wollte woanders noch mal als unbeschriebenes Blatt anfangen. Kurz vor seinem Abschied sprach er mich noch mal freudestrahlend an, gerade war er von einem Wochenbettbesuch zurückgekommen: »Stell dir vor, Maja! Ich hatte heute ein richtiges Erfolgserlebnis.« Er erzählte von dem jungen Paar, das er betreute. Der Mann habe leuchtende Augen gehabt, ihn minutenlang gelöchert mit Fragen, immer mehr hatte er wissen wollen, ob er seinen Sohn so halten solle (Stefan machte es mit Gesten vor) oder lieber so. Was die besten Verdauungsmoves seien. Und wie man die Angst verliere, dem Kleinen was zu brechen, wenn man den Arm in den winzigen Ausschnitt beim Body fädelt. »Ich habe richtig gemerkt, dass er sich viel zu fragen traute – als wäre ich eine Art Vorbild für ihn! Das war so cool!« Er grinste von Ohr zu Ohr.

Ich freute mich. Und kam ins Grübeln: Wenn sich das Väter-Bild in Deutschland gerade dabei war zu ändern, wenn Väter eine immer größere Rolle im Leben ihrer Babys einnahmen, wenn wir andere Beziehungsmodelle hatten, Frauen mit Frauen Kinder bekamen und Männer mit Männern, wenn alleinstehende Frauen Kinder bekamen, sehr alte und sehr junge und alle aus unzähligen verschiedenen Kulturkreisen, dann sollte vielleicht auch das Hebammenbild offener werden. Ein bisschen weniger »Freundin der Frau« und ein bisschen mehr »Coach für die ganze Familie« – wie auch immer diese aussehen mag. Für ein paar mehr motivierte Entbindungspfleger ist auf jeden Fall Platz.

Illustration: Cynthia Kittler

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