Besser spät als nie

Im Urlaub macht sich unsere Kolumnistin, die Hebamme, über ihre eigene Familienplanung Gedanken – und erinnert sich an eine Patientin, die mit 55 Jahren Zwillinge bekommen hat.

Illustration: Cynthia Kittler

Da saß ich also kurz nach meiner Ankunft in dieser Strandbar, vor mir das Meer und perfekter weißer Sand und war etwas ernüchtert: Ich hatte mir die Insel nicht als klassische Honeymoon-Destination vorgestellt, aber die Pärchendichte hier glich Ikea am Samstag.

Ich sah aufs Meer, knibbelte gerade das Etikett von meinem Bier ab, da sprach mich eine Backpackerin an. »Hey, wir waren im selben Flieger, oder?« Die Frau hatte etwa mein Alter, hieß Evi und reiste auch alleine. Wir kamen ins Gespräch und plauderten schon nach kurzer Zeit darüber, was uns hergeführt hat (Überlastung im Job, Pause zwischen zwei Jobs), und dann meinte Evi, sie sei nicht aus Deutschland direkt hergeflogen. »Sondern?« fragte ich.

»Aus Spanien. Ich war kurz dort, um meine Eier einfrieren lassen.« Ich verschluckte mich fast an meinem Bier. »Naja, ich bin Anfang 30. Ich habe gerade keinen Freund, es ist meine Versicherung in die Zukunft.« Aha. Ich stellte ein paar Rückfragen (Warum Spanien? Weil billiger. Wie viel es etwa kostet? Mittlerer vierstelliger Bereich für fünf Jahre Kühlung), dann wechselten wir das Thema.

Doch das Gespräch ging mir nicht aus dem Kopf, und als ich abends in der Hängematte vor meiner Strandhütte lag, dachte ich, dass das Krankenhaus-Hamsterrad auch verhindert hatte, mal darüber nachzudenken, wie es eigentlich bei meiner Familienplanung weiterging. Ich war jetzt 34, Single... Social Freezing wurde seit kurzem auch bei uns im Krankenhaus angeboten. War das jetzt klug von dieser Evi? Vorausschauend? Oder verzweifelt?

Mir fiel Frau W. ein, die vor zwei, drei Monaten bei uns gewesen war. Ich hatte sie schon fast vergessen – da war der Strudel aus Überlastung, und da waren andere Frauen, andere Bäuche, andere Babys, die die Erinnerung an sie fast überschrieben hatten. Frau W. war mit Zwillingen schwanger gewesen – mit 55. Als ich mit ihr den Anamnesebogen durchgegangen bin, lächelte sie süffisant bei meiner Frage, wie die Schwangerschaft entstanden sei. »Na, was glauben Sie denn…« – »Ich muss es abfragen, weil es bei künstlicher Befruchtung ein etwas höheres Komplikationsrisiko gibt,« erklärte ich. »Die Informationen gehen dann in Statistiken ein...«

»Schon gut«, sagte Frau W. milde, »Ich habe mir natürlich helfen lassen. Ich erzähle Ihnen auch warum, es wird ja eh getratscht, dann kennen Sie wenigstens die richtige Version.« Ich mochte Frau W. auf Anhieb, sie hatte eine Stärke und Abgeklärtheit, so einer machte man nichts vor. Und sie hatte eine gewisse Grandezza, vor meinem inneren Auge schmiss sie ausschweifende Dinnerpartys.

Sie erzählte, sie sei lange mit einem Mann verheiratet gewesen, 24 Jahre. Er habe keine Kinder gewollt, und sie habe ihre Liebe zu ihm über ihren Kinderwunsch gestellt. Bis es zu spät war. Sie habe es auch eigentlich nicht bedauert. Bis... ja, bis er sie vor etwa drei Jahren für eine jüngere Kollegin verlassen hatte und mit dieser, hoppla hopp, ein Kind bekommen hat.

Frau W. sagte, sie sei in ein tiefes, tiefes Loch gefallen. Als sie wieder herausgekrabbelt war, habe sie gewusst: Sie hatte nur für ihn auf ihren Kinderwunsch verzichtet, im Grunde ihres Herzens wollte sie es noch immer. Sie recherchierte, reiste halb Europa ab – und fand schließlich eine Klinik, von der sie eine Eizellen- und eine Samenspende bekommen konnte. Und einen Arzt, der die künstliche Befruchtung bei ihr auch durchführen würde. »Frauen in meinem Alter machen diesen Kliniken die Erfolgsstatistik kaputt und stehen in der Kritik. Manche finden es medizinisch und ethisch nicht vertretbar, einer 55-Jährigen Eizellen einzusetzen, deswegen musste ich Stillschweigen bewahren, wo das war.« Ich nickte eifrig, als sei ich gerade in ein Drogengeschäft eingeweiht worden.

In Deutschland ist die Eizellenspende verboten, nur die Samenspende ist erlaubt, aber nur wenige Samenbanken nehmen alleinstehende Kundinnen an. Und selbst wenn eine Frau an Spendersamen gelangt, wird es schwer, einen Reproduktionsmediziner zu finden, der die künstliche Befruchtung an ihr durchführt: Eine Richtlinie der Bundesärztekammer empfiehlt, nur Paare zu behandeln. Wenn Singles wie Frau W. ihren Kinderwunsch realisieren wollen, tun sie das in einer legalen Grauzone.

Frau W. hatte einen gut bezahlten Job, war fit und gesund, sie hatte eine Mutter – allerdings auch schon fast 80 –, von der sie unterstützt wurde. Und Freunde. Sie fuhr los und kaufte sich die Bestandteile des Lebens von zwei Menschen, die sie nicht kannte. Eizelle und Samen, die in ihrem Körper zu ihrem Kind heranwachsen sollten. Um die Chancen zu erhöhen, hatte der Arzt im Ausland gleich mehrere befruchtete Eizellen eingesetzt, nun erwartete sie Zwillinge. »Ich schaff das schon, ihr Zwei!« hatte Frau W. in Richtung ihrer ungeborener Kinder gesagt.

Von meiner Hängematte aus blickte ich schaukelnd in die Sterne und war immer noch nicht sicher: War das nun feministisch? Im Sinne von: selbstbestimmt und mutig? Es stimmt ja, was Frauen wirklich unfrei macht, ist weniger der Gender Pay Gap als die biologische Ungerechtigkeit, dass sie ab einem bestimmten Alter keine Kinder mehr bekommen können, Männer aber schon. Wenn Reproduktionsmediziner die biologische Uhr austricksen, sie um Jahre nach hinten verstellen, was heißt das dann? Doch endlich Freiheit für Frauen in ihrer Lebensplanung.

Andererseits hatte sich Frau W. ja freiwillig untergeordnet, ihren Kinderwunsch bewusst hintangestellt. Jetzt fiel er ihr plötzlich ein – so wie ihm mit sechzig auch. Waren beide nicht auch unglaublich egoistisch? Den eigenen Fortpflanzungswunsch über das Recht des Kindes auf einigermaßen junge, gesunde Eltern zu stellen? Und was für Maßnahmen sind auf dem Weg zum Wunschkind legitim? Welche Geschäftsmodelle? Welche Rolle spielten reiche Deutsche im europäischen Kinderwunschtourismus?

Und dann der medizinethische Aspekt: In Frau W.s Körper lief schon die Platte mit der Menopause, durfte man jetzt einfach eine Hormondisko aus ihm machen und mögliche Komplikationen in Kauf nehmen? Wobei in ihrem Fall alles gut lief, die Babys kamen sechs Wochen zu früh, waren aber wohlauf.

Ich weiß noch, wie Frau W. nach dem Kaiserschnitt da lag, mit beiden Babys im Arm, erschöpft und überglücklich, am Ende einer langen Reise – die ja eigentlich erst begann. Ich freute mich für sie von Herzen. Gegen alle Widerstände lag sie hier. Gegen alle hochgezogenen Augenbrauen, die sie kassiert hatte, als sie mit ihrem dicken Bauch und ihrem 55-jährigen Gesicht den Gehweg entlanggegangen war.

Als ich an diesem Abend in mein Bungalow-Bett schlüpfte, war mir etwas klar geworden. Auch wenn ich vor den Entscheidungen der Frau W.s dieser Welt großen Respekt habe – mir würde es nie nur um Nachkommenschaft gehen. Ich würde das ganze Paket wollen, mit Partner und Kind. Romantikerin, die ich bin.

Das mit den Eizellen wäre ja vielleicht trotzdem eine Überlegung wert. Meine Wünsche, meine Hoffnungen, meine Träume für die Zukunft – ich könnte sie einfach auf Eis legen.

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