»Was habe ich nur angerichtet?«

Eine Frau kommt zwei Wochen vor errechnetem Termin mit leichten Blutungen ins Krankenhaus. Die Hebamme schließt auf Sex als Ursache. Es folgt eine heitere Lehrstunde in Pärchen-Kunde.

Am Telefon hatte die Frau verzweifelt geklungen und immer wieder »ich blute, ich blute« in den Hörer geschrien, doch als sie wenig später zusammen mit ihrem Freund bei uns aufschlug, hatte sich ihre Aufregung schon etwas gelegt. Sie war in der 37. Woche und hatte mitten im Endspurt etwas in ihrer Unterhose entdeckt, was in einer Schwangerschaft da nicht hingehört: Blut. Da kann man schon mal, naja, rot sehen.

Im ersten Trimester kommt es häufiger mal zu Blutungen, im späteren Verlauf sind diese ungewöhnlicher, kommen aber auch immer mal wieder vor. In jedem Fall muss man die Ursachen abklären lassen.

Für leichte Blutungen wie bei Frau K. kann es verschiedene Gründe geben – Polypen am Gebärmutterhals zum Beispiel oder eine tief sitzende Plazenta. Wenn die Plazenta nämlich im unteren Teil der Gebärmutter nah am Muttermund sitzt, kann gegen Ende der Schwangerschaft etwas Blut austreten, zum Beispiel in Folge von leichter Wehentätigkeit oder starker körperlicher Aktivität. Es kann auch zu Kontaktblutungen kommen, etwa, wenn der Frauenarzt oder die -ärztin bei einer Untersuchung das Speculum einführt. Oder halt, wenn jemand anderes etwas einführt. Ähem.

Meistgelesen diese Woche:

Frau K. saß auf der Liege im Untersuchungszimmer, Herr K. auf einem Stuhl daneben, während ich den Anamnesebogen mit der Schwangeren durchging. Haben Sie Schmerzen – nein. Wieviel Blut war es – ganz wenig. Sie formte die Finger zu zwei Zwei-Euro-Stücken. Blutet es aktuell – nein. Hatten Sie Geschlechtsverkehr (eine Standardfrage bei Blutungen)? Der Mann lief nun rot an, versank im Stuhl, die Frau sagte: »Ja, von hinten«. Ich blickte nach unten, notierte es, das Ja, nicht die Stellung. »Ging mit dem Bauch so besser,« schob die Frau noch erklärend hinterher. Ich nickte. Herr K. versuchte währenddessen, sich unsichtbar zu machen.

Sexuell gesehen, ist in der Schwangerschaft erlaubt, was beiden Spaß macht. Frauen, die zu Pilzen, Harnwegs- oder anderen Entzündungen neigen, sollten wegen des erhöhten Infektionsrisikos besser ein Kondom benutzen. Aber solange eine gesunde Schwangerschaft vorliegt, muss nur der Bauch bei der Stellung berücksichtigt werden, aber da gibt es ja Variationen: Kniender Mann ist besser als Auf-Frau-liegender-Mann, und so weiter.

Ich höre oft von Frauen, dass sie im ersten Drittel einer Schwangerschaft eher nicht so große Lust verspüren – die Müdigkeit und oft auch Übelkeit durch die Hormonumstellung machen ihnen zu schaffen –, aber wenn sie von der Zeit danach berichten, kriegen viele von ihnen leuchtende Augen. Bettwarme Erinnerungen der Zweisamkeit, ausgelöst oft von dem schönen Satz: »Hui, sind die Brüste jetzt aber groß!«

Das stellen nämlich auch die Partner fest, aber von vielen Männern, auch im Freundeskreis, höre ich immer wieder anfängliche Hemmungen: Sie haben Sorge, mit ihrem Penis, »der Frau oder dem Baby wehzutun«, »wo anzustoßen«, »was kaputtzumachen« – oder im Eifer des Gefechts, den Bauch so »einzudrücken«, dass sie eine Frühgeburt auslösen.

Auch Herr K. schien zu dieser Fraktion zu gehören, zumindest war er es nicht gewohnt, dass sein Sexleben Teil eines Arztgesprächs ist, das war es aber. Denn inzwischen war die Ärztin eingetroffen, um den Ultraschall vorzunehmen, den wir sicherheitshalber machen würden (auch wenn wir wegen der geringen Menge Blut und der Tatsache, dass die Blutung bereits aufgehört hatte, fast sicher waren, es handelte sich um eine harmlose Kontaktblutung). Die junge Ärztin wollte alles nochmal en detail und von vorne wissen. Das Blut in der Unterhose, die Menge. »Da ist aber jemand aktiv...«, murmelte sie und meinte das Herzsymbol auf dem CTG, das ziemlich schnell blinkte. Als sie schließlich mit der Ultraschallsonde über den eingeglibberten Bauch fuhr, den Blick auf den Monitor, gerichtet, fragte sie: »Hatten Sie vor kurzem Geschlechtsverkehr?«

Die Rollenverteilung waren wie zuvor auch: Herr K. räusperte sich nervös, Frau K. sagte unumwunden »Ja, vorhin.« Die Ärztin fand darin nichts Peinliches, sondern konstatierte nur: »Ich frag nur, weil das ein Grund für die Blutung sein kann und Ihr Kind sehr aufgeregt ist, es zappelt ganz schön in Ihrem Bauch.« An dieser Stelle hätte ich für Herrn K. gern ein Loch gegraben, in das er sich verziehen konnte, bis alles vorüber war. Doch Frau K. setzte noch einen drauf: »Na, unser Kleiner freut sich, weil er schon mal seinen Papa kennengelernt hat. Also Teile davon.«

Ach, ich mag Paare so unglaublich gern. Vor allem, wenn sie so unterhaltsam gegensätzlich sind wie diese Beiden. Unter der Geburt (genau wie wahrscheinlich auch im Küchenstudio oder im Baumarkt) treten gegensätzliche Paar-Eigenschaften ultimativ zum Vorschein – Vorlautsein und Zurückhaltung, Motzen und Diplomatie, Freizügigkeit und Prüderie; weil der Kreißsaal ein Kaleidoskop für Menschen in Extremsituationen ist, ihr Miteinander verdichtet, so dass nur noch die Essenz übrigbleibt: die Liebe oder, weniger pathetisch, der typische Sound ihrer Beziehung. Und der typische Sound dieser Beiden war eben »Ich sags einfach, wie es ist« versus »Das muss doch nicht jeder wissen«. Ich mochte die Frau für ihre Unverblümtheit, und bewunderte die beiden als Paar dafür, dass sie offenbar weiterhin so viel Spaß miteinander hatten. Aus der ganzen Sache sprach Entdeckergeist, und genau das ist doch eine Schwangerschaft, ein einziges großes Abenteuer.

Ich sah Herrn K. liebevoll an, er lächelte weiter verlegen, sein Blick sagte: Was habe ich nur angerichtet mit meinem Penis? Es war der Zeitpunkt, den guten Mann zu erlösen: Keine Angst, alles in Ordnung, Frau und Baby sind wohlauf. Das taten die Ärztin und ich dann abwechselnd unter Zuhilfenahme von Anekdoten etlicher anderer Paare (»Erst gestern waren zwei da, die.... Sie glauben ja nicht, was manche machen – pah, dagegen sind Sie Mauerblümchen…«).

Eine stationäre Überwachung lehnte das Paar ab und verabschiedete sich. Als die beiden gegangen waren, meinte die Ärztin zu mir: »Ich frag mich ja manchmal, was die Partner der Frauen dazu sagen, wenn aus den Brüsten immer mal Milch kommt, wenn sie sich damit ›beschäftigen‹. Hätte ich ja jetzt mal fragen können.« – »Das hätte dem Mann den Rest gegeben!«, sagte ich kichernd und machte mich wieder an die Arbeit.

Artikel teilen: