Das Gift auf den Reben

Eine Flasche Wein aus dem bekannten Weinbaugebiet Bordelais bei Bordeaux kann mehrere Tausend Euro kosten. Nun machen zwei einheimische Frauen öffentlich, dass Winzer dort sehr viele Pestizide spritzen – und Menschen davon schwer krank werden.

Auch wo Kinder spielen, stecken in Luft und Boden des Bordelais oft Pestizide.

Foto: Delcan & Company und Justin Metz; Retouching: Justin Metz

Schon Wochen vorher war das »Dîner Prestige« ausverkauft. Fünf Gänge für 189 Euro galten unter Kennern geradezu als Schnäppchen. Sie wurden im spektakulärsten Neubau von Bordeaux serviert, der Cité du Vin: einer Art Wein-Erlebniszentrum, dessen schimmernde, geschwungene Fassade an die Bewegung geschwenkten Weins erinnern soll. Als Ehrengast war Jean-Claude Berrouet geladen, jahrzehntelang Kellermeister des berühmten Château Pétrus aus Pomerol. Er würde im Auditorium über die Welt der Winzer und ihre edlen Tropfen plaudern. Und später im kleinen Kreis zu Taubenpastete

Das Bordelais, so nennt sich das Gebiet der Bordeaux-Weine, ist Frankreichs größte Weinbauregion – und die wohl bekannteste der Welt. Endlos reihen sich die Reben dies- und jenseits der Ufer von Dordogne und Garonne, dazwischen stehen schmucke Schlösser mit Namen wie Latour, Lafite Rothschild oder eben Pétrus. Wer als Weinliebhaber etwas auf sich hält, kehrt hier zur Verkos­tung ein oder kauft sich, wie zahlreiche französische Industrielle und jüngst auch mehrere chinesische Millionäre, gleich ein »Château Grand Cru« im Bordelais.

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Murat, 46, ist eine Winzertochter aus dem Anbau­gebiet Entre-deux-Mers, schmal, lange dunk­le Haare, expressive Gestik. Sie arbeitet als Gebärdensprachdolmetscherin und betreibt nebenbei den Blog Alerte aux Toxiques (»Giftalarm«). Bibeyran, 41, Kurzhaarfrisur, klein und kräftig, studierte Jura, kehrte dann aber in ihr Heimatdorf im Médoc zurück, wo sie wie viele in ihrer Familie für Weingüter »in den Reben« arbeitet, wie man im Bordelais sagt: Sie schneidet das ganze Jahr über mit einer kleinen, scharfen Astschere die Triebe und Blätter der Rebstöcke zurecht, damit die Trauben bis zur Lese optimal reifen. In ihrer Freizeit gründete Bibeyran den Verein »Collectif Info Médoc Pesticides«. Die beiden Frauen wollen das Schweigen über die Pestizide brechen.

2013

Ende 2013, pünktlich zum Silvestereinkauf, folgte der zweite Knall. Mitstreiter von Murat hatten Que Choisir, das wichtigste Verbrauchermagazin Frankreichs, dazu angeregt, heimische Weine auf Pestizidrückstände zu testen. Ergebnis: In den Bordeaux fanden sich mit Abstand die meisten dieser Rückstände. Nur ein einziger konventioneller Wein enthielt bloß minimale Spuren – das war ansonsten ausschließlich in den Bio-Weinen der Fall. In allen anderen fanden sich im Schnitt zehn unerwünschte Substanzen, summiert jeweils rund 415 Mikrogramm je Kilogramm Wein. Ganz vorn stand mit Rückständen von 14 Ackergiften, darunter einem verbotenen, ein Mouton Cadet von Baron Philippe de Rothschild aus Pauillac, einer der meistverkauften Bordeaux weltweit.

Seither

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Doch die »Affaire Villeneuve«, wie sie landläufig genannt wird, sprach sich bis nach Paris herum. Dort beschloss die Leiterin der Fernsehsendung Cash Investigation, ein Team ins Bordelais zu schicken, um den Missständen mit der Kamera auf den Grund zu gehen. Heraus kamen zwei Sendungen, die in Frankreich über Wochen hinweg Schlagzeilen machten. Vom »Cash-Schock« spricht man seither rund um Bordeaux, beziehungsweise von der Zeit vor oder nach Cash.

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Unweit des Gerichts hat ein weiterer Gegenspieler von Marie-Lys Bibeyran und Valérie Murat seinen Sitz: Der Conseil Interprofessionnel des Vins de Bordeaux, kurz CIVB, eine Interessenvertretung von Winzern und Händlern. Ihr früherer Président, der Winzer Bernard Farges, kennt die Frauen, er begegnet ihnen seit der Cash-Sendung regelmäßig auf Diskussionsveranstaltungen. Genauso regelmäßig lehnt er ihre Schuldzuweisungen ab. »Wir wüssten davon, wenn unsere Mitglieder oder deren Nachbarn öfter krank wären als andere Franzosen«, sagt Farges. »Wir halten alle Winzer an, im Umgang mit Pestiziden die Regeln zu beachten.« Deswegen brauche es seiner Meinung nach auch kein Bio. »Für mich ist das vor allem Marketing.«

Der

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Als Ende 2018 Pläne bekannt wurden, dass im Ort Parempuyre nördlich von Bordeaux ein neues Collège an den Rand eines konventionellen Weinguts gebaut werden soll, organisierten die Eltern einen Protest. Mittlerweile hat der Konzern, der das Château betreibt, sich bereit erklärt, auf Bio umzustellen. Ohnehin bewirkte der »Cash-Schock«, dass 115 Winzer nach eigenen Angaben die Bio-Zertifizierung anstreben – bisher liegt das Bordelais mit rund sieben Prozent Bio-Reben im unteren Landesdurchschnitt. Und einige Großhändler in Bordeaux ­haben angekündigt, ab dem Jahrgang 2019 keinen Wein mehr zu vertreiben, der mit Produkten der hohen Gefährlichkeits­stufe gespritzt wurde.

Im September 2018 gründete der Journalist Fabrice Nicolino, ein Überlebender der Charlie-Hebdo-Attentate, die »Mohn­blumen«-Bewegung. Seither demonstrieren an jedem ersten Freitag im Monat Menschen vor französischen Rathäusern gegen gefährliche Pestizide. Parallel lassen derzeit landesweit Franzosen ihren Urin auf Spuren von Glyphosat untersuchen, und weil bei fast allen die Werte um ein Mehrfaches höher liegen, als im Trinkwasser erlaubt ist, haben bereits 850 Personen eine Klage gegen die Zulassungsbehörden und gegen die Hersteller von glyphosathaltigen Produkten initiiert.

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