Ein Hoch auf den Nachmittagsschwips

Der Aperitif ist die perfekte Verbindung der Alltagsrealitäten. Wenn seine Wirkung in der S-Bahn wieder abklingt, muss man nur noch die Kinder ins Bett bringen.

Foto: Maurizio Di Iorio

Trinken ist ja gar nicht so einfach. Konsumiert man regelmäßig Alkohol, gilt man schnell als ­jemand, der keine Kontrolle über sein Leben hat und den Alkohol braucht. Gesellschaftlich akzeptiert ist ­Trinken ­natürlich zu bestimmten Anlässen, auf dem ­Oktoberfest, zu Karneval oder beim Junggesellinnenabschied. Das allerdings ist mühsam, Saufen mit Termin hat etwas von Sex mit Ansage. Es geht oft nicht anders, aber ideal ist das nicht. Es ist doch gerade der Sinn der Ausschweifung, dass man nicht weiß, wann sie sich ergibt und wie sie endet.

Der Ausweg kommt aus der Schweiz. Die Schweiz ist nicht gerade bekannt als Nation des kollektiven Exzesses, ich erinnere ich mich gut an ein Silvester, das ich einmal in Zürich verbrachte. Kurz nach Mitternacht gab es ein von der Stadt organisiertes Feuerwerk über dem See. Auf den Straßen war es friedlich und zivilisiert, nach zwanzig Minuten war alles vorbei, und die Menschen gingen ebenso friedlich und zivilisiert nach Hause. Wobei sie noch ihren Müll in einem der Eimer entsorgten, die überall aufgestellt waren. Auf den Mülleimern stand: »Feste ohne Reste«.

Doch die pragmatische Schweiz ist eben auch das Land des Apéro. Das ist ein Zusammensein, bei dem man einen ­Aperitif trinkt und ein paar Kleinigkeiten isst. Ein Apéro ­findet meistens am späten Nachmittag statt, genau zu der Zeit, zu der man nicht weiß, ob man noch Kaffee trinken soll oder schon ein Bier. Einen Apéro bekommt man nach einem ­Meeting angeboten oder vor einer Abendveranstaltung. Oder auch einfach nur, wenn man bei Freunden in der Tür steht, um das Kind abzuholen. Der Apéro ist das soziale Gerüst der Idee, dass man einfach manchmal ­untertags Alkohol trinken muss. Dass es so etwas wie ein Recht auf das Benebeltsein zwischendurch gibt.

Das ideale Getränk für den Apéro ist der Martini. Er ist Cocktail genug, dass man sich berauscht, und doch so ­klassisch, dass man beim Bestellen nicht schief angeschaut wird. Die Berliner Barkeeperinnen Kerstin Ehmer und Beate Hindermann haben sich für ihr Buch Die Schule der Trunkenheit viele der Filme angesehen, in denen Martinis vorkommen – und zwar schon vor James Bond. Die Barkeeperinnen haben festgestellt, dass Martinis auch da im Alltag getrunken werden. So wie in den Thin Man-Kriminalkomödien um ein Ermittlerpaar aus den USA der Dreißigerjahre. Ob die beiden gerade Koffer packen, bei einem Kriminalfall nicht weiterwissen oder einer von ihnen einen Schlag auf den Kopf ­abbekommen hat – sie greifen erst mal zum Martini. Als würde der Cocktail die Verbindung zwischen zwei Situationen herstellen.

Der Martini ist das perfekte Getränk für das Dazwischen. Wenn man bei der Zubereitung weniger Gin, dafür mehr und süßeren Wermut nimmt, dann kann ein Martini zugleich herb, bitter und süß sein, genau wie das tägliche Leben. Man trifft sich also zum Apéro, mit Kollegen oder Freunden. Trinkt einen Martini, der einem einen Moment des Angeschickertseins verschafft und die Optionen abwägen lässt, die das Danach haben könnte. Oder die das Davor gehabt haben könnte, hätte man sich an dieser oder jener Abzweigung anders entschieden. Diesem Rausch der Möglichkeiten gibt man sich hin, bis das Glas leer und die Olive heraus­gepickt ist. Dann geht man, und auf der Fahrt mit der S-Bahn nach Hause ist man wieder nüchtern. Spätestens aber, wenn man am Abend die Kinder ins Bett bringen muss. Feste ohne Reste eben.

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